Zeitung Heute : und Paris

„Der Vergleich ist die Wurzel allen Übels“, sagt Schopenhauer. Hellmuth Karasek wagt es trotzdem. Olmütz

Hellmuth Karasek

Die Relativitätstheorie, Einsteins Relativitätstheorie, ist gewissermaßen die Mutter aller Vergleiche, denn wer vergleicht, na klar!, der relativiert auch. Dumm wie Seife, oder dumm wie Brot, wenn man das von jemandem sagt, dann kränkt man, je nachdem, Seife und Brot. Natürlich kann man auch jemandem schmeicheln, wenn man ihn relativiert, also wenn man vergleichend sagt, er sei spitz wie Nachbars Lumpi oder bei ihm sähe es aus wie bei Hempels unterm Sofa. Oder heißt es hinterm Sofa?

Egal, und daher zurück zur Relativitätstheorie, der ich zum ersten Mal 1952 näher begegnet bin, in einer Physikstunde. Wir hatten einen Physiklehrer in Bernburg an der Saale, der trug immer einen weißen Mantel, in dem er aussah wie ein Oberarzt, oder wie ein Chemielehrer, und er unterrichtete auch Mathematik bei uns und war unser Klassenlehrer, „Mope“ Kersten, fragen Sie mich nicht, warum er „Mope“ hieß. Vielleicht, weil er schlau wie Mope war? Aber wer ist Mope?

Jedenfalls trug er als Mathe- und Klassenlehrer keinen weißen Mantel, sondern nur einen ganz normalen Anzug und eine Hornbrille, die er allerdings auch als Physiklehrer trug, denn kurzsichtig war er in beiden Fächern.

Den weißen Mantel habe ich mir aber deshalb gemerkt, und er wird in der Erinnerung immer weißer (weiß wie Schnee, weiß wie ein Schwan, weiß wie Persil, weißer noch als weiß), weil er mir eine historische Stunde bereitete. Denn zu Beginn einer Schulstunde, es war, glaube ich, Mai, trat Mope Kersten im Physiksaal vor unsere Klasse und sagte die unvergesslichen und beeindruckenden Sätze: „Ja, wir kommen heute zu Einsteins Relativitätstheorie.“ Er machte eine Pause und fuhr fort: „Die Relativitätstheorie ist sehr schwierig zu erklären. Es gibt vielleicht fünf, sechs Leute auf der Welt, die sie verstehen.“ Wieder Pause: „Ich werde sie Ihnen jetzt erklären.“

Wir waren 12 Schüler, 11 Jungen und ein Mädchen. Da das Mädchen in Mathe und Physik eine Fünf hatte und nicht zum Abi zugelassen wurde, muss ich, ohne ein Chauvinist zu sein, meine Geschichte so erzählen: Als die Stunde rum war und Mope Kersten uns die Relativitätstheorie „erklärt“ hatte, kamen zu den fünf, sechs Leuten, die die Relativitätstheorie bisher schon weltweit verstanden hatten (und zu denen ich auch, schon aus logischen Gründen, Mope Kersten zählte) 11 weitere Personen, elf Jungs einer Abiturklasse. Das war schon imposant: Statt fünf, sechs, auf einmal 16 oder gar 17. Eine historische Stunde, eine Sternstunde der Erleuchtung.

Später habe ich die Relativitätstheorie weitgehend wieder vergessen, obwohl ich bis heute im Stande bin, ein paar schlagende, zugegebenermaßen vereinfachende Analogien (Vergleiche) für sie anzuführen. Also: Was besagt die Relativitätstheorie? Dass alles relativ sei. Und dass also drei Haare in der Suppe relativ viele seien, drei Haare auf dem Kopf dagegen relativ wenige. Oder dass drei Minuten relativ kurz sind, wenn man sie schmusend mit einer schönen Frau verbringt, und relativ lang, wenn man während der drei Minuten mit nacktem Hintern auf einer glühenden Herdplatte sitzt; besser: säße, Konjunktiv! So ist das. Alles ist relativ.

Damals, Mitte der Fuffziger, las ich auch den Bestseller von Gábor von Vaszary, „Monpti“ (der 1957 mit Romy Schneider und Horst Buchholz von Helmut Käutner verfilmt wurde). In dem liebt ein hungernder 23-jähriger ungarischer Student eine Siebzehnjährige, und da er immer schick aussehen will, erzählt er auch die Geschichte vom „relativen Hemd“. Damals (das Buch spielt in den Zwanzigern), gab es ja weder Waschmaschinen noch rosarote Waschsalons, und Hemdenwaschen war für einen Mansarden-Studenten am Montmartre teuer. So zog er für das Mädchen Monpti erst das erste Hemd, dann sein zweites und schließlich das dritte an. Aber was dann? Er sah sich die Hemden an, hatte kein Geld fürs Waschenlassen. Und da entdeckte er die Theorie vom „relativen Hemd“: eines der drei war, auch nach längerer Benutzung, immer relativ am saubersten, eben ein „relatives Hemd“.

Die Bohème-Armut machte den Charme des Buches aus. Und dass es in Paris spielte. Paris, das war: O là là! Moulin Rouge, die Seine, Cancan, Musette-Walzer, und so war es im Fin de Siècle. Und dann in den Zwanzigern. Und dann eben in den Fuffzigern. Alle wollten hin. Alle! Nicht nur ungarische Studenten.

Und auch dazu fällt mir eine Geschichte ein, von einem Mann aus Olmütz, einer Stadt in Mähren, der um 1900 bei einem Kreuzworträtsel-Wettbewerb eine Reise nach Paris gewinnt. Eine Woche Paris, der Glückliche! Aus Olmütz (das laut „Meyer“ von 1907 21 707 Seelen hatte)!

Und als er zurückkommt, zu seinen Kegelbrüdern, muss er ihnen alles erzählen, alles! Und wie es in Paris war. Und er erzählt von der Oper, den Cafés, den prächtigen Boulevards, von Moulin Rouge und Montmartre. Und wie prächtig und herrlich alles war. Und dass er dann noch eine wunderschöne Frau kennen gelernt habe.

Erzähle! sagen die Freunde.

Und er erzählt. Wie er mit ihr Essen war im Ritz, wie sie mit ihrer Kutsche ins 6. Arrondissement gefahren seien, wie sie ihn in ihr prächtiges Stadtpalais geführt habe. Und wie alles geglitzert hätte, ihre Augen, ihre Diamanten, ihre Champagnergläser.

Und dann? fragen die Freunde.

Ja dann, sagt der Paris-Heimkehrer. Ja dann, muss ich Euch sagen, dann war es wie in Olmütz!

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben