• „…und plötzlich kam ein kopfloses Huhn angerannt“ Omas Kakao, Ahoj-Brause, die Weihnachtsgans und der bange Gang auf die Waage.

Zeitung Heute : „…und plötzlich kam ein kopfloses Huhn angerannt“ Omas Kakao, Ahoj-Brause, die Weihnachtsgans und der bange Gang auf die Waage.

Ein kulinarischer Austausch mit Renate Künast.

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Renate Künast, 49, ist seit 2001 Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft. Die Juristin war zuvor bei der Alternativen Liste und den Grünen in vielen hohen Funktionen tätig.

Interview: Susanne Kippenberger und Norbert Thomma Foto: Mike Wolff Huch, Frau Künast! Was schleppen Sie denn da an?

Ich bringe einen hübschen, großen Weihnachtsstern. Der steht sonst auf meinem Schreibtisch und ich dachte, wir machen es uns in diesem großen Sitzungssaal etwas gemütlicher.

Hier steht schon ein Adventskranz mit brennenden Kerzen. Sie wirken sonst eher unsentimental.

Es gibt so Traditionen, die lass ich mir auch als Ministerin nicht nehmen. So bastele ich jedes Jahr mit der Tochter einer Freundin einen Adventskalender. Das dauert immer fast einen ganzen Tag und macht uns richtig Spaß.

Sie stammen aus dem Ruhrgebiet, aus Recklinghausen. Wie ist das zu Hause gewesen?

Wie in jedem Sketch über eine gute deutsche Familie. Vater hat den Weihnachtsbaum besorgt, und Mutter sagte sofort: „Da ist aber so eine dünne Stelle!“ Der Einzige, der die dünne Stelle nicht sah, war mein Vater. Wir fingen dann zusammen an zu schmücken, und dabei gab es die ersten lauten Worte, ob das Lametta nun richtig hängt oder diese Kugel weiter nach hinten gehört. Wenn ich im Fernsehen eine turbulente Geschichte mit Christbaum sehe, denke ich, das kenne ich doch alles...

...bis zur Speisenfolge.

Heiligabend war Mutter unter Stress und machte Würstchen mit Kartoffelsalat. Am ersten Feiertag roch es nach Braten, auch mal Gans oder Fasan – den Fasan aber nur, weil der Chef meines Vaters eine Jagd hatte und uns die Tiere schenkte. Bei uns Kindern stieß das auf wenig Begeisterung.

Fasan ist was Edles, Teures.

Fasan? Erklären Sie das einem Kind! Da ist dieser herbe Wildgeschmack, ziemlich hart auf der Zunge, wir Kinder kauten skeptisch, hm, hm, und Vater sprach davon, was das für eine Delikatesse sei. Schon hatte das Ding für uns eine Schieflage. Heute lecke ich mir die Finger nach Fasan.

Sie sind in den 70er Jahren nach Berlin gezogen und haben lange in einer Wohngemeinschaft gewohnt. In der linken Szene waren Weihnachtsbäume so unschicklich wie Deutschlandfahnen.

So ideologisch war das bei uns nicht. Weihnachten fand einfach nicht statt. Wir hatten wenig Geld, und dann überlegt man sich genau, wofür es ausgegeben wird. Sicher, das war auch eine Absage an die traditionelle Familie, wo vor Weihnachten die Wohnung aufgeräumt wurde, du musst dich fein anziehen, in die Kirche gehen, der Ärger mit dem Schmücken, der Geschenkestress... In der Wohngemeinschaft wurde der Tisch gedeckt, drei Tannenzweige drauf, wir haben zusammen gekocht, und dann saßen wir stundenlang mit Freunden und haben getafelt. Im Ergebnis schien mir die säkulare Variante weihnachtlicher, friedlicher.

Und nach den Feiertagen stehen Sie auf der Waage und rufen: oh, oh!

Ich stehe jeden Morgen auf der Waage. Ich weiß, ich weiß, sollte man nicht machen, es hilft ja auch nicht weiter, aber ich hab’s mir angewöhnt. Ich habe dann die Mahnung im Nacken, du müsstest jetzt auf dem Hometrainer sitzen und strampeln.

So eitel?

Ach Gott, ich achte halt drauf. Ich habe als Ministerin drei Kilo zugenommen, dabei soll’s bleiben. Wenn ich meine berühmten Königsberger Klopse mache, gare ich die in Wasser, nicht in Brühe. Das spart Fett. Und sie schmecken trotzdem köstlich. Ich habe ja kaum noch Zeit, Sport zu machen.

Der hessische Ministerpräsident Koch sagt, an manchen Tagen gehe er keine 200 Meter.

Das ist so. Ich renne zu keiner S-Bahn mehr und keinem Bus hinterher. Der Fahrer steht vor der Tür, und im Auto dockst du dich in eine Telefonkonferenz ein oder liest eine Rede, die du in einer halben Stunde halten sollst. Im Ministerium lass ich aber immer den Fahrstuhl links liegen und laufe die Treppen. Besser als nichts.

Wer von Berufs wegen für Ernährung und Landwirtschaft zuständig ist, kriegt ständig etwas zu essen.

Es geht. Selbst auf der Grünen Woche...

...von der Sie mal sagten, sie sei ein Albtraum.

Die erste Grüne Woche war ein Albtraum. Ich war neu im Amt, es war BSE-Krise, bei dem Ansturm der Presse sind Stände zusammengebrochen, und dann bietet einem morgens kurz nach acht jemand Schnaps an, und fünf Minuten später soll ich in eine Mettwurst beißen? Da kann ich noch so lange bitten: kein Alkohol! Spätestens um halb zehn kommt man nicht mehr drum rum, stundenlang, immer zu Fuß auf dem harten Boden, eine Tortur – hier knabbern, dort trinken, immer wissen, wer ist das jetzt, der so begeistert mit dem Käse kommt?

Frau Künast, als Sie aufwuchsen, da waren im Ruhrgebiet die Büdchen die Tempel der Lust, wo Erwachsene Zigaretten kauften und Kinder ihr Naschwerk.

Ich ging für Süßigkeiten in den Schreibwarenladen, der hatte Esspapier und Ahoj-Brause. Wenn ich nur dran denke, spüre ich diesen zarten, ätzenden Geschmack auf der Zunge, wie es prickelt.

Pulver oder Würfel? Das ist bei Brause die Frage.

Pulver! Tüte aufreißen, in die hohle Hand kippen, Zungenspitze eintunken, und schon fängt es an zu schäumen. Brrsch.

Ihr Vater war Fahrer, die Mutter Hilfskrankenschwester, Sie sind das zweite von vier Kindern. Was kam da auf den Tisch?

Einfache Kost. Samstags traditionell Eintopf, Linsen, Erbsen... Für meine Mutter war Kochen Pflicht, sieben Tage die Woche – da kommt keine Gourmetköchin heraus. Und wenn es Fleisch gab, galt: die größten Stücke der Vater, dann der kleine Bruder, dann die Mädels. Das männliche Geschlecht wurde höherwertig einsortiert. Damals hat mir das mit dem Fleisch gestunken, heute sage ich: Unter Gesundheitsaspekten war’s prima.

Als Sie das Ministeramt antraten, war der Vorwurf der Bauernlobby: Die hat keinen Stallgeruch, kommt nicht vom Hof.

Mein Vater hat als dritter Sohn den Bauernhof nicht gekriegt. Aber einen Garten hatten wir immer. Ich musste bei der Ernte und beim Umgraben helfen, das fand ich lästig. Damals grub man ja noch um, würde man heute gar nicht mehr tun. Heute wird nur noch leicht gehackt, weil man mehr über den Boden weiß. Kirschen pflücken ging ja noch, da konnte man oben im Baum sitzen und Kerne spucken. Schwarze Johannisbeeren waren eine Zumutung, schwer zu pflücken und zu sauer zum Essen. Und bei den Sonntagsspaziergängen konnten wir an keinem Acker vorbeigehen, ohne dass Vater das Basiswissen abgefragt hat: Roggen oder Gerste? Rüben oder Kartoffeln? Ich war eine Pflanzentante, ehe ich Landwirtschaftsministerin wurde.

Im Ruhrgebiet hielt man Tauben und Hasen.

Wir nicht. Die Großeltern in Recklinghausen, die hatten eine Ziege und Hühner. Ich weiß noch, wie die geschlachtet wurden...

...da durften Sie zusehen?

Eben nicht. Wir sind dann in der Nähe der Stalltür herumgelungert, und plötzlich kam so ein kopfloses Huhn herausgerannt, denn die Nerven reagieren ja noch. Uuh, das war aufregend.

Und, hat Ihnen das Huhn danach noch geschmeckt?

Ja, das helle Fleisch.

Die frühen Gerüche und Geschmäcker erinnern ein Leben lang an Situationen und Menschen.

Kakao, Schmalzbrot, Klarapfel!

Wie?

Meine Oma. Bei der gab es immer Kakao, Schmalzbrot und Klaräpfel. Diese drei Sachen bleiben auf ewig mit meiner Oma verbunden.

Sie gelten als routinierte Köchin, gehen wir mal durch Ihre Küche. Ihr erstes Kochbuch?

Ein Schulkochbuch von Dr. Oetker. Die Begeisterung fürs Kochen kam in der Katholischen Familienbildungsstätte, da hat’s Klick gemacht.

Das Kochbuch, in das Sie immer wieder reingucken.

In der Wohngemeinschaft war das die „Russische Küche“. Derzeit sind Siebeck und Jamie Oliver in ständigem Gebrauch.

Das nützlichste Küchengerät?

Früher der Wäscheständer. Wir hatten in der WG eine Nudelmaschine, mit der wurden – kurbel, kurbel – lange Tagliatelle gewalzt und zum Trocknen auf den Wäscheständer gehängt. Dazu Gehacktes, eine Dose Tomaten, Gemüse, fertig. Halt: Knoblauch. In den 70er Jahren kam der Knoblauch über uns, es gab nichts ohne. Bei mir ist der inzwischen vom Ingwer abgelöst. Finde ich grandios, kommt übrigens von Siebeck.

Das nützlichste Küchengerät, heute.

Scharfe Messer und Spargelschäler.

In den 70er und 80er Jahren standen bewegte Frauen nicht am Herd, sie machten Autoreparaturkurse.

In meiner WG kochten auch eher die Kerle. Ich habe trotzdem unheimlich viel von denen gelernt, weil’s mich interessiert hat. Außerdem war die WG eine gute Schule bei der Frage: Welche Rolle nimmst du ein? Wie funktioniert das Verhältnis Mann – Frau, ohne die traditionellen Muster. Es war ein äußerst gemütlicher Ort, wenn auch der Spüldienst nicht so recht funktionierte.

Ein 1-a Gasthaus erkennt man daran, sagt Gerhard Polt, dass die Stubenfliege vergnügt zwischen Klo und Küche hin und her fliegt.

Dieser Denkansatz ist nicht schlecht. Es muss nicht Schickimicki sein. Bitte: niedriger Geräuschpegel, ich gehe nicht ins Lokal, um Musik zu hören. Ich war gerade bei Carmen Krüger in Eichwalde mit Freunden Gans essen. Dort wird gekocht, wie ich es mag. Zander in Kartoffelkruste. Blutwurst mit Sauerkraut. Was ich nicht mag, ist fünf Mal püriertes Zeugs, wo ich nur ahnen kann, das Rote könnte Lachs gewesen sein und das Grüne Spinat.

In den Bestsellerlisten finden sich reichlich Bücher zum Thema Ernährung. Die Hälfte sind Kochbücher, bei der anderen Hälfte geht es um Diäten.

Das zeigt doch nur, dass viele Menschen genießen wollen und ein anderer Teil sich mit Übergewicht plagt. Ich vermute mal, dass mehr Frauen die Bücher übers Abnehmen kaufen, und in „Moppel-Ich“ ist es ja schön beschrieben...

So etwas lesen Sie?

Eine Freundin hat es mir empfohlen, Teile davon sind richtig lustig. Wenn sie etwa beschreibt, warum sie Schuhe kauft. Wenn man bei Hosen plötzlich eine Nummer größer kaufen muss – das ist frustrierend. Da kauft man eben lieber Schuhe.

Gerade haben Sie den Ernährungsbericht 2004 vorgestellt, der sagt: Wir machen alles falsch, wir essen zu fett, zu süß, zu viel.

Das gilt nicht für alle. Es gibt eine klare soziale Grenze, das regt mich ja so auf. Kinder aus finanziell schlecht gestellten und Migrantenfamilien sind besonders dick. Sie werden früh krank, haben zum Teil schon mit zwölf Jahren Altersdiabetes. Dazu kommt der psychische Druck, die trauen sich nicht mehr ins Schwimmbad. Wir wissen aber, wer dick ist und sich motorisch nicht bewegen kann, lernt auch nicht so gut. Da wird gesunde Ernährung zu einer Gerechtigkeitsfrage. Das ist doch irre!

Der Klassenmampf.

Es ist eine Klassenfrage, ja. So wie in der Bildung. Ohne Bafög hätte ich nie die Oberschule besuchen und studieren können. In meiner Familie hatten alle mit der Hauptschule abgeschlossen. Ich habe in der Grundschule einen intensiven Terror begonnen, um auf die Realschule gehen zu dürfen. Heute rede ich mit den Firmen, die Verpflegung an Schulen liefern, mit Firmen, deren Müsliriegel 400 Kalorien haben, ob’s nicht auch mit 100 geht. Wir müssen Ernährung zum Bildungsauftrag machen.

Sie schwärmen vom englischen TV-Koch Jamie Oliver, der Millionen junge Zuschauer anzieht. Ullrich Fichtner ätzt in dem Buch „Tellergericht“, es sei eine Ersatzhandlung fürs eigene Nichtstun, Köchen beim Rühren und Schnippeln zuzusehen, Entertainment. Wer Sportschau guckt, spielt ja auch nicht Fußball.

Ich habe da schon Hoffnung. Köche wie Jamie Oliver oder Tim Mälzer bei uns sind jung, sie tragen keine weißen Kochmützen, sondern Jeans, sie mischen den Salat mit den Händen, sie sagen: Kochen kann einfach sein, es ist kein Hexenwerk. Ich bin sicher, junge Leute fühlen sich dadurch ermuntert.

Die kulinarische Lage der Nation sieht finster aus. Die Hälfte aller Lebensmittel ist mit künstlichen Aromen angereichert, jeder Deutsche isst im Jahr 90 Tiefkühlpizzen, jede Familie bringt es auf gerade mal eine gemeinsame Mahlzeit pro Woche und...

...alles richtig, aber folgt daraus, nichts zu tun? Jedes Kind weiß, warum ein Auto Ölwechsel braucht, aber sie wissen nicht, was für ihren Körper gut ist. Wir müssen den Sportbund für Projekte gewinnen, die Krankenkassen, den Bundeselternrat, Kinderärzte. Also fangen wir an.

Sie haben schon vor dem Kanzler eine Agenda 2010 verkündet. Bis dahin wollen Sie, dass 20 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche ökologisch genutzt wird. Alle Experten sagen, Frau Ministerin wird glänzend scheitern. Es sind gerade vier Prozent derzeit.

4,3 genau, und es wächst weiter. Ich gebe zu, es steigt nicht, wie es müsste, da hat der Nitrofen-Skandal für einen richtigen Knick gesorgt, und der Euro, die Konjunkturflaute, das alles hat das Verhalten der Menschen verändert. Immerhin, die Fläche nimmt zu und der Handel wächst.

Es wird viel über Bio geredet, in Supermärkten findet man Öko-Ecken, und doch sind 98 Prozent des Rindfleischs aus Massentierhaltung, und von jährlich 37 Millionen geschlachteter Schweine sind gerade 100 000 anständig aufgezogen worden.

Nun sind beim Fleisch die Preisunterschiede enorm. Aber es ist richtig: Die Leute wollen es gesund und spottbillig, sie haben Tränen in den Augen, wenn Arbeitsplätze fehlen, dabei ist ökologische Landwirtschaft arbeitsintensiv und umweltschonend – also doppelt unterstützenswert.

Die Genusshüter von Slow Food höhnen deshalb: Wer schützt die Bauern vor dem Verbraucher?

Es reicht nicht – frei nach Marx – nur zu höhnen, wir müssen die Welt auch verändern. Das ist entsetzlich mühsam. Es gibt Widerstände in Brüssel, von den Bauern, im Bundesrat, von anderen Ministerien, Druck, Druck, Druck. Es ist ein brutales Geschäft mit knallharten wirtschaftlichen Interessen.

Und so geben zu Weihnachten die Menschen für ihr Hundefutter wieder pro Kilo mehr Geld aus als für ihren eigenen Braten an der Fleischtheke.

Das ist doch irre: Die Hersteller von Tierfutter haben schon immer auf die Qualität geachtet, weil sie gesagt haben, das kaufen Menschen, die da extrem sensibel sind. Wir leben zum Glück nicht in einer Ökodiktatur. Nur entscheidet jeder beim Einkauf auch, ob er etwas für den Boden tut, das Wasser, die Tiere und die Arbeitsplätze. Diese Entscheidung trifft jeder selbst.

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