Zeitung Heute : und wählt und wählt und wählt

Jutta Heess/Joachim Huber

Wenn es heute wieder nicht klappt, dann wird es richtig peinlich." Auf den Fluren des ZDF-Sendezentrums auf dem Mainzer Lerchenberg wurde geflüstert, spekuliert und gehofft. Kein Wunder: Die Mitarbeiter sollten gestern einen neuen Chef bekommen. Ein paar Stockwerke tiefer stand nämlich der Versuch, einen neuen Intendanten zu wählen, auf dem Programm. Am 14. März hat Dieter Stolte seinen letzten Arbeitstag und räumt sein Büro im 14. Stock des ZDF-Hochhauses. Doch die Angestellten des Zweiten Deutschen Fernsehens sollten auch dieses Mal ohne Aussicht auf eine frische Führung ins Wochenende gehen. Auch der zweite Anlauf scheiterte, die Entscheidung wurde wiederum vertagt. Jetzt soll es der 9. März sein, an dem der Fernsehrat Stoltes Nachfolger wählen will.

Die Zeichen standen von Anfang an schlecht. Hans Janke, der Fernsehspielchef des ZDF, war schon im Vorfeld deprimiert: "Ich bin gänzlich ohne Hoffnung." Und er war in guter Gesellschaft. Denn die Meinung, dass es leichter sei, ein Kamel durch ein Nadelöhr zu bringen, als einen neuen ZDF-Intendanten zu küren, teilten gestern Vormittag viele am Lerchenberg. Und tatsächlich stellte Janke sich mit dieser Äußerung als profunder Kenner der Verhältnisse im Fernsehrat vor. Wieder brachte der Wahlgang nicht genügend Stimmen für einen Kandidaten, und die "I-Frage" blieb genauso unbeantwortet wie damals bei der Pleite am 6. Dezember.

Bereits in der Nacht vor dem erneuten Debakel war bekannt geworden, dass sich die Mitglieder des Fernsehrats nicht auf einen Konsenskandidaten hatten einigen konnten - trotz schlafraubender Diskussionen bis weit nach Mitternacht. Der ARD-Programmdirektor Günter Struve, der von den Ministerpräsidenten Bernhard Vogel (Thüringen/CDU) und Kurt Beck (Rheinland-Pfalz/SPD) hoch gehandelte Kompromiss-Mann, trat deshalb den Weg nach Mainz erst gar nicht an. Er hatte schon im Vorfeld deutlich gemacht, dass er für eine Kampfabstimmung nicht zur Verfügung stehe.

Verhindert hatte den "Einheitskandidaten" Günter Struve der "schwarze Block", insbesondere Fernsehrat Wilfried Scharnagl, der ehemalige Chef des "Bayernkurier". Stattdessen ließ Scharnagl den 47-jährigen Gottfried Langenstein auf seine Intendanten-Tauglichkeit testen. Der Direktor von Arte und 3sat erhielt jedoch von den 72 anwesenden Fernsehräten lediglich 36 Ja-Stimmen. Damit war er von der notwendigen Drei-Fünftel-Mehrheit meilenweit entfernt. Nicht einmal die konservative Gruppierung im Rat stimmte geschlossen für ihn. Das muss ihn geschmerzt haben; denn Gottfried Langenstein war er nach diesem vernichtenden Ergebnis völlig von der Bildfläche verschwunden.

Die Ratlosigkeit der Anwesenden schlug - zumindest bei einigen - in Wut um. "Herr Langenstein ist durch das Drängen der Bayerischen Staatskanzlei, den Intendanten bestimmen zu wollen, schwer beschädigt worden", wetterte der Vorsitzende des ZDF-Verwaltungsrats, Kurt Beck. Er gab zu, dass er allmählich keine Chance mehr sehe, einen vermittelnden Vorschlag zu machen. "Es ist verheerend. Wir schaden der Konkurrenzfähigkeit dieses Hauses."

Die Sturheit der konservativen Gruppe beklagte auch Helmut Lölhöffel, Fernsehratsmitglied und Sprecher des Berliner Senats, als sich die Findungskommission noch einmal zur Beratung hinter verschlossene Türen zurückgezogen hatte. Man könne doch einen Kandidaten, der kein Konsenskandidat ist, nicht mit Gewalt durchdrücken. Er könne nicht verstehen, sagte Lölhöffel, wieso die CDU-nahen Fernsehräte mittlerweile zwei Kandidaten - Helmut Reitze, der sich im Dezember zur Wahl stellte, und nun Gottfried Langenstein - verheizt hätten. Nach drei Wahlgängen hätten die Konservativen nichts als Verlierer produziert.

Jetzt also beginnt das gleiche Spiel wieder von vorne. Aus dem Scheitern des 6. Dezember scheinen die Verantwortlichen keine Lehre gezogen zu haben. Nur eine der Beteiligten hatte offenbar etwas dazu gelernt: die Presseabteilung des ZDF. Die berichterstattenden Kollegen wurden nicht wie damals - fernab des eigentlichen Geschehens - am anderen Ende des ZDF-Geländes betreut, sondern durften dieses Mal direkt dabei sein und in der Konferenzzone auf mögliche Ergebnisse warten. Sogar das direkte Ansprechen der Fernsehratsmitglieder war nun erlaubt.

"Jetzt muss über einen neuen Kandidaten nachgedacht werden", sagte der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Wolfgang Clement (SPD), als feststand, dass es gestern keinen zweiten Wahlgang mehr geben würde. Der Vorgang sei aber alles andere als eine Niederlage, sondern ganz normal. "Nur die Tatsache, dass alles unter diesen parteipolitischen Kriterien stattfindet, ist nicht normal", sagte er und verschwand. Auch der Rest der unglücklichen Gesellschaft suchte nach Abbruch der Veranstaltung schleunigst das Weite. Und stapfte zu den vor dem Gebäude geparkten Limousinen durch den frischen Schnee.

Auch Konrad Kraske, der Vorsitzende des Fernsehrats, wiegelte ab und fand keineswegs, dass das erneute Scheitern ein Fiasko bedeute: "Es ist wahrhaftig keine Schande, dass es im dritten Wahlgang nicht gelungen ist, einen Intendanten zu bestimmen." Schließlich habe es einst bei der Kür des Bischofs der badischen Landeskirche sogar 18 Wahlgänge gebraucht. Auf die Frage, warum man denn gestern so schnell aufgegeben habe und nicht, wie ursprünglich vorgesehen, auch noch über Markus Schächter, ZDF-Programmdirektor und CDU-naher Kandidat, abgestimmt habe, sagte Kraske: "Auf einen vierten Wahlgang haben wir verzichtet, da er heute nicht Erfolg versprechend ist."

Da waren die Worte, die Wilfried Scharnagl vor Auszählung des Wahlergebnisses von sich gab, also doch richtungsweisend. "Bis zu den Iden des März müssen wir uns entschieden haben." Sonst steht die größte europäische Fernsehanstalt führerlos da. Und man käme nicht umhin, die Abkürzung ZDF neu zu deuten: "Ziemlich doofer Fernsehrat".

Doof oder nicht doof - niemand anderes als dieses Gremium kann den Intendanten wählen. Wenn es so weitermacht, dann könnte es allerdings bald ernste Probleme geben. Mittlerweile nämlich scheinen die Kandidaten knapp zu werden. Vielleicht ist jetzt ja mit der Bewerbung von Verwaltungschef Hans Joachim Suchan zu rechnen. Auch Programmdirektor Markus Schächter wird es wohl probieren. Und dann gibt es ja noch - Günter Struve. Dieser drückte sich gestern in Leipzig herum, weil er dort, wie es hieß, schrecklich viel zu tun hatte. Wer in Mainz nicht auftritt, der kann in Mainz auch nicht abgeschossen werden. Günter Struve ist ein kluger Mann.

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