Zeitung Heute : Und wieder ein Jahrhundertsommer

Die anhaltende Trockenheit lässt den Grundwasserspiegel sinken. Brandenburgs Landwirten drohen verlustreiche Ernten

Heiko Schwarzburger

Auch in diesem Jahr stöhnten die Berliner unter der Julihitze, in Brandenburg verdorrten die Ernten. Was Klimaforscher schon vor Jahren prophezeiten, bestätigt sich wieder aufs Neue: „Die Erwärmung der Atmosphäre wirkt sich auch auf unsere Region aus“, meint Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe, Professor am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. „Wir rechnen bis 2050 damit, dass es in Brandenburg und Berlin im Jahresmittel um rund 1,4 Grad wärmer wird.“ Brandenburg liegt in einer Zone des gemäßigten Kontinentalklimas. Anderthalb Grad mehr, „und wir haben hier Verhältnisse wie in der Toskana“, sagt der Klimaexperte, der seit mehr als 20 Jahren die Erderwärmung und den Treibhauseffekt erforscht. „Allerdings schafft es die einheimische Vegetation nicht, sich so schnell umzustellen. Im Sommer wird das Wasser knapp, ausgerechnet in der für die Landwirte wichtigsten Wachstumsphase für Weizen oder Mais.“ In diesem Jahr hat die wochenlange Hitze vor allem den Mais und den Raps geschädigt, bestätigt Agrarexperte Frank Wechsung. „Beim Mais sind die Ausfälle dramatisch“, sagt er. „Beim Raps sind wir uns noch nicht sicher, ob die Hitze für die Verluste verantwortlich war.“

Gerstengarbe und Wechsung residieren auf dem Potsdamer Telegrafenberg, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Einsteinturm. Mehr als 140 Wissenschaftler sind dort der globalen und regionalen Klimaerwärmung auf der Spur. Im Institut stehen Hochleistungsrechner, auf denen komplexe Berechnungsmodelle laufen. „Die Vorarbeiten für unser Brandenburger Klimamodell dauerten zwischen vier und fünf Jahre“, erzählt Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe. „Die üblichen Modelle sind zu großflächig, damit lassen sich die regionalen Entwicklungen nur sehr ungenau abbilden. Wir werten die meteorologische Daten der vergangenen 50 Jahre aus und koppeln sie mit der erwarteten Klimaerwärmung bis 2050.“ Das neue Regionalmodell kann jedoch extreme Wetterlagen wie das Elbehochwasser 2002 oder die Dürre im Folgejahr nicht vorausberechnen. „Es ist aber in der Lage, zu lernen“, erklärt der 57-jährige Experte. Derzeit bemühen sich die Wissenschaftler darum, ein verfeinertes Klimamodell für ganz Deutschland zu entwerfen.

Weil mit der Klimaerwärmung vor allem im Sommer der Regen ausbleibt, wird das Wasser knapp. „Die Hochdrucklagen werden stabiler“, sagt Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe. „Von gelegentlichen Gewittern abgesehen, gibt es zwischen Juni und September kaum noch Niederschläge. Lang anhaltender Landregen, wie wir ihn von früher kennen, gehört fast der Vergangenheit an.“ Die Brandenburger Streusandbüchse ist ohnehin sehr trocken, davon zeugen viele Waldbrände. Im Jahresmittel fallen weniger als 600 Millimeter Niederschlag.

In 50 Jahren wird der Regen in einigen Winkeln des Landes um bis zu 200 Millimeter abnehmen, etwa in der Lausitz, im Sommer schon jetzt ein Glutofen. Während in den heißen Monaten nennenswerte Niederschläge ausbleiben, fällt das Gros des Regens im Winter, wenn die Felder brach liegen. „Die Landwirte müssen sich darauf einstellen, dass sie ihre Saaten im Frühjahr später ausbringen“, meint Frank Wechsung. „Dann können die Pfützen auf den Feldern abtrocknen und das Wasser versickern, um neues Grundwasser zu bilden.“

Obwohl die Forscher die Versorgung mit Trinkwasser in den kommenden fünf Jahrzehnten noch nicht als akut gefährdet einstufen, bereitet ihnen das schwindende Grundwasser erhebliche Sorgen. Das Landesumweltamt hat mehr als 1000 Messstationen ausgewertet. Das Sinken des Grundwasserspiegels liegt zum Teil daran, dass keine Rieselfelder mehr bewirtschaftet werden und weniger Braunkohle ausgebaggert wird. Denn um die Sohlen der Tagebaue trocken zu halten, pumpt man das Wasser ab, beispielsweise in den Spreewald. Heute stehen immer mehr Pumpen still. Im Gegenteil: Die Restlöcher sollen zu Seen umgestaltet werden, nehmen also enorme Wassermengen auf – die andernorts fehlen.

Zudem bildet sich zu wenig neues Grundwasser: Immer mehr Flächen sind versiegelt, der Boden kann die heftigen Niederschläge nicht aufnehmen. Fachleute streiten darüber, ob man die Havel zu einer Schifffahrtsroute ausbauen soll. Schon jetzt deutet sich an, dass der Fluss im Sommer viel zu wenig Wasser führt. Der Ausbau der Elbe wurde rechtzeitig gestoppt, um weite Uferzonen zu renaturieren. Hinzu kommt, dass die landwirtschaftlichen Betriebe in einigen Landstrichen Brandenburgs ihre Felder drainieren. Um die Flächen im Frühjahr möglichst schnell abzutrocknen, wurden metertiefe Gräben angelegt, die das Regenwasser in Flüsse oder Kanäle leiten. Zu Zeiten der DDR wurde dieses System ausgebaut, um möglichst hohe Erträge einzufahren. „Heute ist diese Form der Entwässerung wirtschaftlich kaum noch zu betreiben“, meint Frank Wechsung. „Die Gräben müssen aufwändig gepflegt werden. Es wäre besser, das Wasser solange es geht auf den Äckern zu halten.“ Im Sommer aber verdorrt die Ackerkrume. Bis 2050 sagen die Forscher bei Getreide einen Ertragsrückgang von bis zu 17 Prozent voraus – falls sich in den Köpfen der Landwirte und der Agrarpolitiker nicht ein Umdenken stattfindet.

Das sinkende Grundwasser entzieht den Feuchtgebieten und Mooren – für viele Teile Brandenburgs charakteristisch – die Lebensgrundlage. Der Spreewald wäre „ohne das abgepumpte Wasser aus dem Braunkohlenbergbau längst verschwunden“, sagt Gerstengarbe. „Wenn die letzten Tagebaue in naher Zukunft schließen, sieht es düster aus.“ Doch nicht nur der Spreewald kämpft mit der Trockenheit: „Wir beobachten auch, dass die heißen Sommer der vergangenen Jahre große Lücken in die brandenburgischen Wälder rissen“, fügt der Klimaforscher hinzu.

Brandenburg verfügt über rund eine Million Hektar Wald. Dies entspricht 37 Prozent seiner Fläche. Mehr als 70 Prozent sind reine Kiefernwälder, die deutlich mehr Wasser verdunsten als Laubbäume. Weil sie wie Monokulturen wachsen und in der Sommerhitze unter erheblichen Stress geraten, bieten sie Schädlingen idealen Nährboden. Mischwald hingegen reagiert robuster auf den Klimawandel und den Angriff der Schadinsekten. Deshalb versucht die Landesregierung gegenzusteuern, denn die meisten Forsten sind Eigentum des Landes. Mit Hilfe eines Programms zum Waldumbau soll der Anteil von Rotbuchen und Eichen von elf Prozent auf mehr als 40 Prozent erhöht werden. Die Gefahr ist damit aber noch nicht gebannt. Gerstengarbe warnt: „Mit der Klimaerwärmung und der Trockenheit wird die Waldbrandgefahr bis 2050 um fast ein Drittel ansteigen.“

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