Zeitung Heute : Unerwünscht im Paradies

Susan Owens / Julica Jungehülsing

Ein neuer Zaun umgibt das Lager in Woomera. Er wurde errichtet, um den Abstand zwischen 1500 internierten Flüchtlingen und ein paar hundert Journalisten zu vergrößern, die letzte Woche vor dem Camp im südaustralischen Outback ausharrten. Auch nachts. Dann hörte man hinter der Absperrung das Klagen der Internierten, das vom Geheul streunender Dingos, den australischen Wüstenhunden, kaum zu unterscheiden ist. 240 Asylbewerber hatten sich die Lippen zugenäht und waren 16 Tage lang in Hungerstreik getreten. Einige Jugendliche - 331 Minderjährige leben in Woomera - hatten mit Selbstmord gedroht.

Niemand bewirtschaftet diese trockene, ockerfarbene Erde, die seit britischen Atomtests in den 50er Jahren als verseucht gilt. Die Flüchtlinge sind in ausgedienten Militärkasernen von damals untergebracht. Die Trostlosigkeit und Kargheit der Wüste jenseits des Zauns entspricht den Zuständen im Inneren des Lagers: "Die Stimmung ist hoffnungslos", sagt Amir Al-Obaidi, ein irakischer Mikrobiologe, der elf Monate in Woomera verbracht hat. "Menschen werden dort behandelt wie Kriminelle, nur ohne Handschellen."

Zwar beendeten die Insassen von Woomera den Hungerstreik, weil Versprechen gemacht wurden, Asylanträge zügiger zu bearbeiten - viele der Internierten warten Monate oder gar Jahre darauf. Doch jetzt verweigern in den westaustralischen Lagern Curtin und Port Headland 115 Insassen die Nahrung, wieder versiegelten Jugendliche ihre Lippen mit Kreuzstichen, drohen mit Selbstmord. Denn an der verzweifelten Situation von derzeit 2736 Insassen in sechs Camps hat sich wenig geändert.

Ausgerechnet Australien - ein Land, das nicht nur für Flüchtlinge als Synonym für Freiheit und Frieden steht, den Ruf eines Paradieses im Pazifik hat. Ausgerechnet Australien, das vor gut 200 Jahren von Ex-Sträflingen, also ebenfalls "Flüchtigen" aufgebaut wurde, macht nach der peinlichen "Tampa"-Affäre im Oktober erneut Schlagzeilen wegen seiner rigiden Asylpolitik. Damals waren Flüchtlinge in der Nähe der australischen Weihnachtsinsel in Seenot geraten. Das norwegische Schiff "Tampa" hatte sie aufgenommen, doch Australien weigerte sich, die Flüchtlinge an Land gehen zu lassen und verstieß damit gegen internationale Konventionen.

Gefängnis in der Wüste

Wie die Flüchtlinge in Woomera leben, darüber kann sich die Öffentlichkeit kein Bild machen. Journalisten werden nicht hineingelassen. Amir Al-Obaidi ist einer, der das Lager von Innen kennt. Der Iraker hat es vor einem Jahr mit einer vorläufigen Aufenthaltserlaubnis verlassen. Als "freies Land mit Zukunft" hatte sich der Mikrobiologe Australien vorgestellt. Bei seiner Ankunft jedoch, sagt der 49-Jährige, glaubte er, "in der Hölle gelandet zu sein". Monatelang saß er in einem Gefängnis in der Wüste, wo es nichts zu tun, aber einiges zu erdulden gibt. "Viele Wachleute sind ehemalige Gefängniswärter, sie lassen die Leute in einer Reihe antreten, wo sie stundenlang für eine Mahlzeit Schlange stehen", sagt Al-Obaidi. "Nachts poltern sie in die Schlafsäle, leuchten mit Taschenlampen in die Augen der Flüchtlinge und fragen nach der Nummer. In Woomera hat niemand einen Namen, nur eine Nummer." Die Situation der Frauen, sagt Amir, sei besonders schlimm. Eine Verordnung regelt, dass Schwangere grundsätzlich im achten Monat zum Kaiserschnitt in ein Krankenhaus gebracht werden, ohne Begleitung und meist, ohne Englisch zu verstehen. Viele junge Frauen würden von den Männern im Lager belästigt, andere prostituierten sich für die Wachen. Streit und Konflikte sind an der Tagesordnung.

"Die Menschen haben nichts zu tun und hocken eng aufeinander, da bauen sich unglaubliche Spannungen auf", sagt Al-Obaidi, der den Großteil seiner elfmonatigen Internierung damit verbrachte, andere zu beruhigen und Streitigkeiten zu schlichten. Temperaturen um 39 Grad sind in der australischen Wüste keine Seltenheit, Krankheiten breiten sich rasch aus. Wenn Kinder Schrammen an den Armen und Beinen haben, heilen sie oft wochenlang nicht.

Als Amir Al-Obaidi entlassen wurde, zog er in ein "Backpacker"-Hostel in Adelaide, eine Unterkunft für Rucksack-Touristen. Er hospitiert unentgeltlich in Uni-Einrichtungen und versucht nebenbei, sich auf einen neuen Job vorzubereiten. In 30 Monaten darf er eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis beantragen. Al-Ubaidi hatte in England als Mikrobiologe gearbeitet, kehrte jedoch während des Irak-Iran-Krieges in seine Heimat zurück. Er war hochqualifiziert und wollte helfen, das Land nach dem Krieg wieder aufzubauen, wie er sagt. Ein Plan, der nicht aufging: "Die Regierung verdächtigte mich, mit den UN-Kommissaren zu kollaborieren", sagt Al-Obaidi. Er sei überwacht worden und reiste dann mit Frau und zwei Kindern nach Jordanien. Vergeblich bemühte er sich um ein Visum für Australien. Seine Familie kehrte zurück nach Bagdad, er selbst trat die Odyssee vieler Illegaler an: Er zahlte Menschen-Schmugglern 2500 US-Dollar für einen Flug nach Malaysia, glaubte falschen Versprechungen, vernichtete seine Papiere, als man ihn dazu aufforderte, und landete schließlich nach der Reise auf einem kaum seetüchtigen Boot auf der Weihnachtsinsel.

Isoliert vom Rest der Welt

In Australien, sagt Al-Obaidi, sei er mit 300 weiteren Boat-People festgenommen und nach Woomera gebracht worden, wo bereits 500 Flüchtlinge einsaßen. Hinter ihm schlossen sich die Tore, und dann, sagt Al-Obaidi, passierte sechs Monate lang gar nichts: "Wir waren isoliert vom Rest der Welt, kaum einer hatte Kontakt zu den Behörden. Als nach vier Monaten jemand ein Handy bekam, standen die Leute Schlange, um erstmals mit ihren Familien zu sprechen." Der irakische Christ versucht, mit ruhigen Worten die verzweifelte Situation in dem Camp zu schildern, leicht fällt es ihm nicht. "Wenn die Leute in den Lagern die Nahrung verweigern und ihre Lippen zunähen, dann nur, weil sie sich ignoriert und von der Welt vergessen fühlen."

Viele der Asylbewerber in Woomera kommen aus Afghanistan. Die Regierung hat jetzt denjenigen finanzielle Hilfe versprochen, die auf ihren Asylantrag verzichten und nach Afghanistan zurückkehren. Afghanistan sei "sicher", sagte Einwanderungsminister Philip Ruddock. Wer das Angebot ablehnt, werde so lange im Flüchtlingslager festgehalten, bis er seine Meinung ändere.

Mittlerweile äußert sich auch die Uno zur australischen Asylpolitik: Der Hohe Flüchtlingskommissar Ruud Lubbers forderte am Freitag Australien auf, seine Politik des Einsperrens von Asylsuchenden zu überdenken. Am Wochende protestierten Tausende in Sydney und Melbourne gegen die Internierungen. Doch die Mehrheit der Australier hat die Regierung von Premierminister John Howard im November wieder gewählt - just nach der "Tampa"-Affäre.

26 Mal hat sich Amir al-Obaidi seit seiner Entlassung auf den fünfstündigen Weg von Adelaide zum Camp in die Wüste gemacht. Dort, sagt er, hat er viele Freunde - Menschen, denen er während seiner Internierung geholfen hat, nicht die Hoffnung zu verlieren. Viele Insassen reden von ihm als dem "peacemaker", dem Friedensstifter, sie melden sich immer noch bei ihm: "Ich bin zwar draußen, aber die Leute aus Woomera rufen an, wenn es Probleme gibt." Und davon dürfte es, bleiben die Lager bestehen, noch mehr als genug geben.

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