Zeitung Heute : Ungeheuer See

Die Welle überraschte sie auf ihren Booten, am Strand, in ihren Wohnungen. Am Sonntag brach sie über die Küsten rings um den Indischen Ozean herein. Und manche fürchten, dass sie noch mehr Verwüstungen bringen wird

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Als das Unglück nahte, saß Bob Chase mit seiner Frau und seinen beiden Kindern beim Frühstück auf einer Hotelterrasse im Süden von Sri Lanka. „Plötzlich sahen wir, wie Menschen die Straße zum Hotel hinaufgerannt kamen“, sagt der Australier. Auch sei ein „gewaltiges Getöse“ zu hören gewesen. Es war der Moment, als die Flutwelle das Ufer erreichte. Ein anderer Augenzeuge erzählt, wie er auf einen Baum kletterte, um sich vor dem Wasser in Sicherheit zu bringen. Doch der Baum habe der Macht des Wassers nicht standgehalten. Er sei noch mindestens 300 Meter landeinwärts gespült worden, dann habe er sich endlich an einer Säule festklammern können, sagt der Mann. Dort wartete er, bis der Wasserpegel wieder zurückging.

Eine ungeheure Flutwelle hat am Sonntag über 10000 Menschen in verschiedenen Ländern rund um den Indischen Ozean das Leben gekostet. Die Welle war durch ein UnterwasserErdbeben im Indischen Ozean vor der Küste Indonesiens ausgelöst worden, mit 8,9 Punkten auf der Richterskala dem stärksten seit über 40 Jahren.

Besonders stark betroffen waren die über 2000 Kilometer vom Epizentrum des Bebens entfernten Ostküsten Sri Lankas und Indiens. Allein in diesen beiden Ländern wurden mindestens 4000 Menschen Opfer des Tsunamis, wie die durch ein Erdbeben ausgelöste Flutwelle genannt wird. Das Wort stammt aus dem Japanischen und bezeichnet extrem große Wellen, die von Seebeben, Erdrutschen, Vulkanausbrüchen und Meteoriteneinschlägen ausgelöst werden können.

Auf offener See ist der Tsunami oft weniger gefährlich als im flachen Wasser vor der Küste. So berichten Männer in Sri Lanka, wie Gebäude in Ufernähe von der Welle einfach weggedrückt worden sind. Die Flutwelle soll bis zu zehn Meter hoch gewesen sein. Aus dem Norden der Insel wurde gemeldet, dass zahlreiche Landminen, die in den vergangenen Jahren von den verschiedenen Kriegsparteien gelegt worden waren, vom Wasser weggetragen wurden. Ganze Straßenzüge wurden überflutet, die gesamte srilankische Ostküste von den eindringenden Wassermassen verwüstet. Unzählige Menschen gelten noch als vermisst. Hunderttausende verloren ihre Häuser.

Weiter vom Ufer entfernt sprengten das Wasser Schaufenster und Fenster von ebenerdigen Wohnungen. Innerhalb weniger Sekunden waren die Räume bis zur Decke vollgelaufen. Autos wurden von den Fluten einfach beiseite geschoben. All jene, die sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten, wurden erfasst und später, als das Wasser wieder zurückfloss, ins Meer hinausgezogen.

Den ganzen Sonntag über wurde an den sonst um diese Zeit von Weihnachtsurlaubern bevölkerten Stränden der srilankischen Küste Leichen geborgen. Das Land hat am Sonntagabend über 2000 Touristen von der Ostküste in die Hauptstadt Colombo evakuiert.

Im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu wurden Hunderte von Dörfern verwüstet. Auch soll die Welle hier mehrere Hundert Pilger bei einem rituellen Bad überrascht haben. Die meisten von ihnen sollen ertrunken sein.

Tod und Verwüstung brachte das Wasser auch über Thailand, die Malediven und Indonesien. Die thailändische Insel Phuket ist zurzeit besonders gut besucht. Viele Touristen fliegen über Weihnachten und Neujahr nach Thailand, um der winterlichen Kälte in Europa zu entfliehen.

Auf Phuket rollte die Flutwelle am Sonntagmorgen gegen zehn Uhr heran. Zu einer Zeit also, als die ersten Badegäste sich auf einen ruhigen Tag am Strand einrichteten. Ein Augenzeuge berichtet, das Wasser sei bis zu einem halben Kilometer weit ins Innere der Insel vorgedrungen. Hinterher habe es dort wie nach einem Wirbelsturm ausgesehen, sagt eine Frau. Am Strand liege eine dicke Schlammschicht, und es stinke fürchterlich. Ein Baby wurde seiner Mutter von den Wellen aus den Armen gerissen und fortgespült. Ein paar Schnorchler dagegen konnten gerettet werden. Die 80 Frauen und Männer waren vom Wasser in eine Kalksteinhöhle getrieben worden und wurden fünf Stunden später von den Rettungskräften geborgen. Eine deutsche Touristin, die seit 13 Jahren nach Phuket fährt, flüchtete mit ihrem Mann einen Hügel hinauf. „Schlimmer hätte Weihnachten nicht kommen können“, sagt sie.

„Tanken konnte ich noch, aber dann kam die große Flutwelle und überschwemmte alles“, erzählt der aus Österreich stammende Dieter Malina. Er befand sich in Male, der Hauptstadt der Malediven, als das Wasser kam. Der Pilot konnte sich auf das Dach seines Flugzeuges retten. Male stand zeitweise zu zwei Dritteln unter Wasser. Insgesamt war über das Ausmaß der Zerstörung auf den Malediven bis Sonntagabend wenig bekannt. Die meisten der über 1800 Inseln liegen nur wenige Meter über dem Meeresspiegel. Allerdings soll hier die Flutwelle nicht so hoch gewesen sein wie in Sri Lanka und Indien.

In Indonesien, das dem Epizentrum des Bebens am nächsten liegt, ist wohl Aceh am schwersten in Mitleidenschaft gezogen. Doch auch bei Anbruch der Dämmerung waren die Helfer noch immer nicht in die Küstengebiete von Aceh vorgedrungen. Aceh ist eines der indonesischen Krisengebiete, in dem die Rebellen für die Unabhängigkeit kämpfen.

Während die Bergung der Opfer an manchen Orten also noch nicht einmal beginnen konnte, befürchten Fachleute, dass Nachbeben zu weiteren Flutwellen führen könnten. Deshalb haben die indischen Behörden die Bewohner der Ostküste aufgefordert, Häfen und Strände zu meiden. Ein Atomkraftwerk an der indischen Ostküste wurde übrigens ebenfalls überflutet und musste abgeschaltet werden. Die Behörden versicherten jedoch, dass davon keine Gefahr ausgehe.

Es gab für diese Katastrophe keine Vorzeichen. Das Wasser kam ohne Warnung. Es überraschte Schwimmer, Jogger und Spaziergänger an den Stränden, es überraschte Menschen, die in ihren Häusern und Wohnungen beim sonntäglichen Frühstück saßen.

Wie unerwartet die Flutwelle dieses riesige Gebiet in Südostasien traf, lässt sich am Beispiel Indiens zeigen: Die Küste von Tamil Nadu wird regelmäßig von Wirbelstürmen heimgesucht und verfügt daher sogar über Schutzräume und ein Frühwarnsystem. Doch ausgerechnet auf diese Art der Katastrophe war der südindische Bundesstaat nicht vorbereitet. Ein Frühwarnsystem für Tsunamis gibt es zwar im Pazifik, wo diese relativ häufig vorkommen, nicht aber im Indischen Ozean.

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