Zeitung Heute : Ungetrübter Optimismus

KATJA REISSNER

Eine Ausstellung der Südkoreanerin Hanka Lee im Mies van der Rohe-HausYin und Yang - Wasser und Feuer - Blau und Rot - Horizontal und Vertikal - Passiv und Aktiv - diese Aufzählung grundsätzlicher Polaritäten würde fast ausreichen, um das "BinärSystem II" der süd-koreanischen Künstlerin Hanka Lee zu beschreiben.In den achtziger Jahren, absolvierte sie ein Kunst-Studium an der Frankfurter Städel-Schule, später auch der Ästhetik bei Jürgen Habermas und Brigitte Scheer.Aber ganz reicht eine Tabelle der Gegensatzpaare doch nicht aus; es existieren Abweichungen: das Durchkreuzen des Anordnungsrasters und die Variation der Farben beispielweise zu Türkis von den Blauwerten her.Lees reduzierte Formensprache ist kein streng normiertes System.Sie verwendet einfache konstruktive Elemente, rechteckige Hölzer zum Beispiel, fixiert sie an Wand, Boden und Decke und bedient damit die Bandbreite zwischen Bildobjekt und Rauminstallation.So sind rot angestrichene Vertikale über ausgelegte, blaue Horizontale gehängt.Das wirkt ein bißchen zu einfach gedacht und regt zu mehr nicht an, wenn man es als das Aufeinandertreffen asiatischer Prinzipien einerseits sowie Konstruktivismus und Konkretionen aus der europäischen Tradition andererseits sieht, denn so ist es gemeint. Es geht um die Proportionen zwischen Abständen und Längen der Elemente und deren Verhältnis zu den Farbstufen."Capriccio Rosso 1" und "Capriccio Azzurro 1" weisen etwa rhythmische Sprünge auf, indem jeweils eines der vertikalen Vierkanthölzer voll eingefärbt ist und einen größeren Zwischenraum zu den anderen hält, die nur farbige Frontalseiten, ansonsten aber weiße Seitenfassungen haben.Umgekehrt verhält es sich bei dem auf die Ecke gestellten, quadratischen Keilrahmen-Objekt mit weißer Fläche und zwei farbig markierten Seitenflächen in Rot und Blau. Auf was soll da verwiesen werden: auf die Fugen-Bilder von Josef Albers und die Pointe des abgetreppten Rahmens bei Mondrian-Kompositionen? Einerseits die Strenge der Reduktion, andererseits aber das Ethos einer Malerei, die auf Oberflächentaktilität setzt und das Weiß so über die beiden Grundfarben legt, daß sie zart durchschimmern.Der Betrachter verfällt hier leicht in Frustation und legt ein "Entweder-Oder" an die Arbeiten: entweder malerisch-subjektive Abstraktion oder ein Diskurs über konstruktivistische und konkrete Systeme in der Malerei.Denn wer Mies van der Rohe-Haus ausstellt, der puristische Entschiedenheit beansprucht und sich schon selber Thema genug ist, sollte nicht dekorieren.Er könnte seine eigenen Purismen mit der Architektur konfrontieren, wie Margarete Dreher es an dieser Stelle getan hat.Auch eine streng formalisierte Arbeit über die Versatzstücke der Ausstellungstätigkeit selbst wäre möglich, so gezeigt von Fritz Balthaus an diesem Ort. Hanka Lee hingegen geht mit ungetrübtem Optimismus zur Sache, der darauf setzt, daß die Kunst die Wahrnehmung ebenso reinige wie sie auch ethisch aufbauend wirken könne.Keine Spur von der Verunklärung der Kontexte, in denen Kunst vielleicht nicht mehr Position beziehen kann oder ihre Produktionsbedingungen selber thematisieren muß.Ihre Praxis ist brauchbar, sollte aber nicht im Bereich Kunst fungieren, sondern als didaktische Ästhetik Anwendung finden.Nicht umsonst hätte sie ästhetische Philosophie studiert.



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