Zeitung Heute : Union in der Grube

ROBERT BIRNBAUM

Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein: Die Volkspartei CDU hat derzeit Gelegenheit, die tiefe Wahrheit dieser Volksweisheit zu erkennenVON ROBERT BIRNBAUMGerade noch hat CDU-Generalsekretär Hintze die Grünen wie einen aufgescheuchten Hühnerhaufen vor sich hergetrieben mit dem schlichten, aber auf perfide Weise wirksamen Spruch: Fünf Mark fürs Benzin - Nein danke.Jetzt treibt die CSU die CDU vor sich her mit dem nicht minder schlichten, aber nicht weniger wirksamen Spruch: Ökosteuern - Nein danke. Man könnte das ganze als "Fall Hintze" abtun.Dann wird daraus ein Lehrstück darüber, was passieren kann, wenn einer den Wahlkampf auf platte Formeln zuzuspitzen sucht.Hintze wußte ja sehr gut, daß die Fünf-Mark-Forderung der Grünen als Teil eines größeren Konzepts so dumm nicht ist, wie er sie darstellte.Er wollte das aber nicht wissen, weil ihm der Holzhammer gerade recht kam.Jene in der CSU, die jetzt über das Ökosteuer-Kapitel im CDU-Wahlprogrammentwurf zetern, wissen natürlich, daß in dem Papier nur ein koalitionsinterner Formelkompromiß bekräftigt wird, der völlig folgenlos bleibt.Sie wollen es aber nicht wissen, weil ihnen der Holzhammer gerade recht kommt.Die CSU setzt darauf, daß ihr die Trachtenjoppe besser steht als das grüne Öko-Mäntelchen. Man könnte den Vorgang allerdings ebensogut als "Fall Schäuble" betrachten.Dem Fraktionschef hat Hintzes Kampagne von Anfang an mißfallen - womöglich ahnte er, wie sehr sie das umweltpolitische Klima vergiften würde.Schäuble muß andererseits aber auch jene halböffentlichen Warnungen aus der CSU mitbekommen haben, die der CDU nahelegten, die Schwesterpartei nicht schon wieder mit Ökosteuern zu nerven.Dennoch hat er die umstrittene Passage in den Programmentwurf geschrieben. Also ein schlichter Managementfehler - hier fällt Hintze, dort Schäuble in die jeweils selbstgegrabene Grube? Ja - und nein.Ja insofern, als es seit der Nominierung des SPD-Kandidaten zwei Wahlkampf-Schulen in der CDU gibt.Die eine sucht das "Medienphänomen" Schröder mehr oder minder mit dessen eigenen Waffen zu schlagen: Hintze bemüht sich um lockere Sprüche, und der sonst so pressescheue Helmut Kohl gibt auf einmal ein Interview nach dem anderen.Die andere Schule predigt inhaltliche Auseinandersetzung: Man müsse die Schröder-SPD als Luftballon hin- und ihr die gedankenschwere Zukunftspartei CDU gegenüberstellen.Beide Konzepte laufen seit Wochen bestenfalls unvermittelt nebeneinander her, schlimmstenfalls aber gegeneinander - insofern in der Tat ein Managementfehler. Und doch steckt mehr dahinter als ein Mangel an Abstimmung.Es fehlt der CDU an der Linie.Kohl läßt sich feiern als den großen Europäer, "der bereits Epoche gemacht hat" (Hintze).Doch viele in der Union glauben nicht mehr an seinen Erfolg.Schäuble läßt sich feiern als Hoffnungsträger, als Reformer und Sozialphilosoph.Doch das Programm, das er vorgelegt hat, ist eine Sammlung von Gemeinplätzen und schwammigen Absichtserklärungen.Viele Jüngere in der CDU zerren unruhig an den Ketten, die ihnen Kohl angelegt hat, weil sie zu ahnen beginnen, daß der Große Vorsitzende sie mit sich in den Untergang reißen könnte.Doch auch dies Kettengerassel dringt nur als Mißton nach draußen. So graben sich die Christdemokraten mit Eifer gegenseitig Gruben - vermeintlich, um den Schröder drin zu fangen; doch sie stolpern immer selbst hinein.Einer aus der jüngeren Garde hat beklagt, die CDU könne den Menschen nicht erklären, warum sie die Partei wählen sollten.Der Mann hat ja recht.Die CDU weiß es selbst nicht."Sicher in die Welt von morgen" heißt das neue Wahlkampfmotto.Das sagt eigentlich alles.Nämlich nichts.

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