Zeitung Heute : Universitäten vor dem Datenstau

HOLGER SCHLÖSSER

Streit zwischen Providern und DFN um die Finanzierung der Internetverbindung VON HOLGER SCHLÖSSER­Die Idee vom grenzenlosen Internet ist ­ zumindest was Deutschland betrifft ­ seit einigen Monaten gefährdet.Ursache sind Querelen zwischen den kommerziellen Internet-Service-Providern und dem Verein zur Förderung eines deutschen Forschungsnetzes (DFN), der ebenfalls über ein Computernetz, das Wissenschaftsnetzwerk Win, verfügt.Es geht um Geld, das die Provider dem Forschungsnetz zahlen müssen, damit die beiden Netze untereinander verbunden werden.Anders als der Name es nahelegt, besteht das Internet nicht aus einem, sondern aus mehreren Netzen, die untereinander verbunden sind.Über Schaltstellen können die Daten über den kürzesten Weg ausgetauscht werden und müssen nicht den Umweg über die USA nehmen. Um die Finanzierung dieser Austauschpunkte ist der Streit ausgebrochen.Der Vorwurf der Provider: "Der DFN-Verein läßt sich den Zugang zu den kommerziellen Netzen bezahlen.Das ist anachronistisch und wirtschaftlich nicht nachvollziehbar", sagt Harald Summa, Vorsitzender des Electronic Commerce Forum (ECO), einem Zusammenschluß der deutschen Provider zur Förderung der kommerziellen Nutzung des Internet.Im Online-Geschäft würden solche Punkte in der Regel durch Peering-Abkommen geregelt, in dem die Parteien zwar gemeinsam die Kosten tragen, sich aber gegenseitig keine Gebühren berechnen. Auch die Tatsache, daß in dem mit 80 Millionen Mark vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Netz des DFN Firmen wie Schering oder Porsche ihre Dienste anbieten, fordert den Unmut der Branche heraus.Von einer Marktverzerrung durch Steuergelder spricht gar Robert Rothe, Geschäftsführer von Interactive Networx (snafu), dem größten Provider in Berlin und Brandenburg.Den Einwand, daß es sich hierbei größtenteils um Forschungseinrichtungen handelt, läßt er nicht gelten."In dem Forschungsnetz tummeln sich auch Werbeagenturen, Zeitungen und Fernsehsender ­ die müssen von den Servern verschwinden." Im Juli eskalierte der Streit und die führenden kommerziellen Provider kündigten ihre Verträge mit dem DFN zum Ende dieses Jahres.Alternativ wurde von ihnen ein zentraler Knotenpunkt in Frankfurt namens DE-CIX geschaffen, an dem sich der DFN in Form eines Peering-Abkommens beteiligen sollte. Der in Berlin beheimatete Verein lehnte das Angebot bisher ab.Neben Problemen der Finanzierung ­ schließlich erwirtschaftet der DFN keinen Gewinn ­ stellt die Forschungsgemeinschaft grundsätzlich die Notwendigkeit eines solchen Abkommens in Frage."Wenn vom Peering im Internet die Rede ist, vermischen sich schnell Dichtung und Wahrheit", gibt Martin Wilhelm vom DFN zu bedenken."Peering macht nur Sinn zwischen Netzbetreibern, die die gleiche Größe haben." Die kommerziellen Provider wollten keinen bloßen Austausch, sondern hätten am DFN direkt Interesse."Diese Firmen haben viele Content-Provider unter ihren Kunden ­ wie "Spiegel", "Focus" oder Beate Uhse ­ und die wollen ihre Inhalte unter die Leute bringen." Daß Suchmaschinen trotz Werbebanner ein wichtiges Hilfsmittel für die Navigation im Netz sind, sieht auch Wilhelm ein.Was passiert, wenn die Studenten auch davon abgeschnitten werden? "Das weiß ich einfach nicht", lautet die lapidare Antwort. "Wir riskieren zwar keinen Zusammenbruch des Netzes, wenn der DFN abschaltet", bemüht sich Ulrich Plate, Marketingleiter der Combox in Berlin um eine Einschätzung der Situation."Doch wir brauchen uns beide.Unsere Kunden sind an Ergebnissen der Universitätsforschung interessiert.Auf der anderen Seite sind viele Angebote, die im Forschungsnetz entstanden, jetzt bei uns. Sollte der Streit nicht beigelegt werden, wird eine E-Mail von einer Berliner Uni zu einem Kunden bei Snafu wieder den Weg über die USA nehmen müssen.Um den hohen Qualitätsstandard der vorhandenen Leitungen zu halten, müßte der DFN-Verein massiv investieren.Einfacher und preiswerter ist es den Datenverkehr einzuschränken und zu unterbinden, daß Studenten etwa Tagesspiegel online lesen."Wir hätten keine Schwierigkeiten, die Kommunikation zwischen den Netzen auch über die USA zu verhindern", sagt Wilhelm."Allerdings gibt es in einem Krieg keine Gewinner." Die Stimmung unter den Streithähnen hat sich seit einem Treffen letzter Woche gebessert ­ eine Katastrophe scheint abgewendet.Branchenkenner sprechen bereits von einer Spende der deutschen Internet-Wirtschaft an den DFN-Verein "für dessen Verdienste um die Infrastruktur des Internet", mit der die Verbindung beider Netze garantiert werden soll.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben