Universitätsklinikum : "Die Charité muss leben!"

Karriere einer Klinik: vom Pesthaus zum Großkrankenhaus der Hauptstadt.

Rosemarie Stein
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Schädelsammler. Rudolf Virchow in seinem Pathologischen Institut an der Charité. Foto: picture-alliance / KPA / TopFoto

Beim Namen „Charité“ denkt man spontan: „Berühmtes Krankenhaus in der Mitte Berlins“ oder: „Klinikum und Medizinische Fakultät der Uni Unter den Linden“. Stimmt aber fast alles nur bedingt oder nur für einen bestimmten Zeitraum. Berühmt? Ja, noch immer – seit die Charité und das Medizinische Viertel um sie herum vor gut hundert Jahren vielbesuchtes Weltzentrum der Medizin war. Krankenhaus? Das auch, aber nur unter anderem. Das 1710 vorsorglich errichtete Pesthaus wurde als solches nie gebraucht, weil die Epidemie nur bis Prenzlau kam. So wurde das Seuchenlazarett rasch umfunktioniert – zum Hospital; das heißt Armenasyl, Pflegeheim, Arbeitshaus für Obdachlose oder Gebäranstalt für „gefallene Mädchen“ und Prostituierte.

In der Mitte Berlins? Der Bau wurde vor den Mauern der Stadt errichtet, wie es sich für eine Quarantänestation gehörte. Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät? Viel, viel später, denn erstens ist die Charité exakt hundert Jahre älter als die 1810 gegründete Berliner Universität, zweitens bestanden beide noch lange nebeneinander, wenn auch zunehmend unentwirrbar verknüpft.

Es war ein schwieriges Verhältnis, denn in der Charite hatte bis Mitte des 19. Jahrhunderts neben der Armendirektion das Militär das Sagen. Das 1724 gegründete Collegium medico-chirurgicum schulte vor allem Militärchirurgen theoretisch, also die bis dahin nur handwerklich ausgebildeten Feldschere. Für deren praktischen Unterricht am Krankenbett machte der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. das Spital 1726 zugleich zum Garnisonslazarett. Für arme Zivilisten blieb es aber weiter offen. Die berühmten Worte „es soll das Haus die Charité heißen“ notierte der König an den Rand eines Bittbriefs, in dem die Spitalverwaltung um Erlass der Steuern für den Roggen zur Verpflegung der Insassen nachsuchte.

Die „charité“, also Barmherzigkeit, hatte ihre Grenzen: Nur „würdige Arme“ wurden im Königlichen Charité-Krankenhaus kostenlos versorgt, „liderliche Weibsbilder“ dagegen mussten ihr Wochenbett im Gemüseputzkeller abarbeiten. Und ehemalige Patienten waren als „Krankenwärter“ tätig. Dazu kam, dass die Charité ständig überbelegt war. Wer nicht ganz arm war, ließ sich damals lieber zu Hause behandeln, sogar operieren. Krankenhäuser waren nur etwas für Zukurzgekommene.

Aber die Charité war ja eine Mehrzweckinstitution. Als Lehrkrankenhaus für angehende Ärzte zog sie schließlich ausgezeichnete Mediziner an. Mit Gründung der Universität wurde das Collegium medico-chirurgicum von der Medizinischen Fakultät abgelöst. Sie war anfangs strikt von der Charité getrennt und gründete eigene Kliniken, lange untergebracht in alten Fabrikräumen in der Ziegelstraße zwischen Friedrich- und Artillerie-, heute Tucholskystraße.

Trotz völlig unzureichender äußerer Bedingungen vollbrachten dort Ärzte unter Bernhard Langenbeck chirurgische Pioniertaten. Erst 1878/80 wurde in der Ziegelstraße ein neues großes Universitätsklinikum errichtet. Die Internisten aber waren schon 1828 aufs Gelände der Charité gezogen, die ebenfalls eine Medizinische Klinik hatte, was zu einer Konkurrenzsituation führte. Die schleichende, aber unaufhaltsame Eroberung der Charité durch die Universität hatte begonnen, nicht ohne Konflikte. So waren alle Assistentenstellen lange Zeit allein den Militärärzten vorbehalten.

Auch an der Charité, die nun kein Armenhospital mehr war, entstanden wissenschaftliche Institute und Spezialkliniken. Es begann ihr legendärer Aufstieg zur Hochburg der medizinischen Wissenschaften, in enger Verbindung mit der Universität. Namen wie Dieffenbach, von Graefe, Schönlein, Traube, Johannes Müller und Paul Ehrlich (Medizinnobelpreisträger von 1919) stehen für viele andere.

Bedeutendster Vertreter der „Berliner Schule“, einer reformierten wissenschaftlichen Medizin, und zu seiner Zeit berühmtester Arzt der Welt war Rudolf Virchow. 1901 wurde zur Feier seines 80. Geburtstags sein Pathologisches Museum eingeweiht, samt seinem Institut Teil eines großen, 1895 begonnenen Neubauvorhabens. Vorher hatten die Krankenkassen sich lange geweigert, ihre Mitglieder in den trotz mehrfacher Erneuerung maroden, unhygienischen alten Gebäuden behandeln zu lassen. 1917 waren die neugotischen roten Klinkerbauten des heutigen Charité-Campus Mitte fertiggestellt – jetzt sorgfältig restauriert, geschichtsgetränkt und denkmalgeschützt.

Keine 30 Jahre nach ihrer Vollendung lag der größte Teil in Schutt und Asche, denn 1945 ging die Front beim Kampf um Berlin mitten durch den Campus. Anders ruiniert wurde die Charité schon vorher: 1933 entließ die Medizinische Fakultät – mittlerweile praktisch identisch mit der Charité – etwa 160 meist jüdische Ärzte und Wissenschaftler. Von den danach dominierenden Hochschullehrern hatten sich im Nürnberger Ärzteprozess sieben als Drahtzieher medizinischer Verbrechen zu verantworten.

„Auferstanden aus Ruinen“ tat sich die Charité unter den Verhältnissen der DDR-Mangelwirtschaft in der Nachkriegszeit schwer mit dem Wiederaufbau. Und erneut regierten sachfremde Instanzen mächtig in die Medizin hinein: die Partei und die Stasi. Die Berliner Mauer wurde direkt hinter der Charité hochgezogen, die Fenster Richtung Westen zugemauert. Von den Ärzten, die von der wissenschaftlichen Welt abgeschnitten waren, flohen viele in den Westen. In Ergänzung der historischen Bauten errichtete man 1976-82 das zwanzigstöckige Charité-Hochhaus – weithin sichtbares Zeichen des modernsten Klinikums im Ostblock und Prestigeobjekt der DDR.

Nach der Wende wurde die Charité undifferenziert als „Rote Kaderschmiede“ diffamiert. In einem Kraftakt ohnegleichen begann sie unter dem neuen Dekan Harald Mau mit ihrer Erneuerung. Etwa hundert Mitarbeiter, darunter 17 Hochschullehrer, mussten nach dem Einigungsvertrag wegen Tätigkeit für den Staatssicherheitsdienst die Charité verlassen. Die Parteigenossen hingegen blieben ungeschoren.

Trotz positiver Bewertung durch den Wissenschaftsrat drohte der Charité die Abwicklung. „Die Charité muss leben!“ skandierte die demonstrierende Menschenkette der Mitarbeiter. Sie hat überlebt und sich weiter gewandelt. Denn mittlerweile gehören auch das Klinikum Rudolf Virchow in Wedding und das Steglitzer Klinikum Benjamin Franklin zur Charité. Die gesamte Berliner Hochschulmedizin ist nun unter einem Dach versammelt und auch ein Wirtschaftsunternehmen geworden.

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