Universitätsklinikum : Unternehmen Gesundheit

Die Charité ist seit langem der zweitgrößte Arbeitgeber der Stadt.

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Ins Krankenhaus zu gehen, das heißt für die meisten Menschen: Für Tage, Wochen oder sogar Monate aus dem Arbeitsleben herauszufallen. Für über 14 000 Berliner und Brandenburger bedeutet der tägliche Gang in die Charité aber genau das Gegenteil: Sie gehen an einem der vier Standorte von Europas größtem Universitätsklinikum ihrer Arbeit nach, die meisten von ihnen als Ärzte, Pflegekräfte und Verwaltungsangestellte. Nach der Deutschen Bahn AG ist die Charité damit das zweitgrößte Unternehmen der Hauptstadt, dicht gefolgt übrigens vom landeseigenen Klinikkonzern Vivantes.

Ein Uniklinikum als staatliches Großunternehmen? Beim wirtschaftswissenschaftlich ungeübten Betrachter könnten die folgenden Zahlen leicht ein behandlungsbedürftiges Schwindelgefühl auslösen: 130 500 stationäre und 530 200 ambulante Behandlungen finden pro Jahr an den Standorten der Charité statt. 1,12 Milliarden Euro Jahresumsatz macht das Unternehmen, 130 Millionen Euro Forschungsgelder werden als „Drittmittel“ von außerhalb eingeworben, 203 Millionen werden vom Land als Zuschüsse für Forschung und Lehre gezahlt.

3750 Mediziner und Wissenschaftler verschiedener anderer Fachgebiete forschen hier und unterrichten außerdem 7265 Studierende der Human- und Zahnmedizin. 4200 Pflegekräfte kümmern sich um das Wohl der Patienten. 5300 Babies werden in den Kliniken für Geburtshilfe der Charité in jedem Jahr geboren, 6900 Patienten werden in jedem Monat operiert, 800 Mal im Jahr bekommen Menschen bei einer Transplantation ein neues Organ. Insgesamt gibt es 107 Kliniken und Institute, die in 17 „Charité-Centren“ organisatorisch zusammengefasst sind. In den Kliniken wiederum stehen insgesamt 3 213 Krankenbetten.

Die Vorstellung, dass ein Betrieb, dessen oberstes Ziel es ist, durch optimale Krankenversorgung, Forschung im Dienste der Patienten und bestmögliche Ausbildung des ärztlichen und pflegerischen Nachwuchses die Gesundheit der Bürger zu fördern, dabei auch noch sparsam wirtschaften muss, ist vielen noch fremd. Die Charité hat in den letzten Jahren beträchtliche Anstrengungen unternommen, um ihren großen „Haushalt“ effektiver zu organisieren und auch wirtschaftlich zu „gesunden“. So werden alle nichtmedizinischen Dienstleistungen von A wie Abfall bis Z wie Zentrale Sterilisation über Verpflegung, Reinigung und Medizintechnik seit dem Jahr 2006 von der Charité Facility Management GmbH übernommen, für die sich die Charité mit Vamed Deutschland, der Dussmann-Gruppe und Hellmann Worldwide Logistics zusammengetan hat. Dadurch konnten in den ersten drei Jahren schon 90 Millionen Euro eingespart werden.

Auch mit dem größten kommunalen Klinikkonzern Vivantes wird die Zusammenarbeit seit einigen Jahren intensiviert. Jetzt planen beide ein gemeinsames Laborunternehmen. Ende letzten Jahres haben die Aufsichtsräte beider Unternehmen dafür grünes Licht gegeben. Davon, dass die Laboruntersuchungen künftig unter gemeinsamer Verantwortung stehen sollen, erwarten sich die Führungsspitzen beider Unternehmen nicht nur Einsparungen, sondern auch qualitative Weiterentwicklungen, die nicht zuletzt der Forschung zugute kommen sollen, wie der Vorstandsvorsitzende der Charité, Karl Max Einhäupl, betont.

Für die Unternehmerin Johanna Quandt ist es selbstverständlich, dass auch ein Klinikum ein Unternehmen ist. Im Jahr 2005 hat sie, deren Großvater Max Rubner (1854-1932) als Nachfolger Robert Kochs an der Charité wirkte, die Stiftung Charité gegründet. Sie unterstützt seitdem nicht nur gezielt Forschungsvorhaben junger Wissenschaftler, sondern zum Beispiel auch den „Workshop Unternehmerische Charité“, in dem gut ausgebildete Mediziner und Naturwissenschaftler zusätzlich auch noch betriebswirtschaftliches und unternehmerisches Grundwissen erwerben sollen. „Wir möchten unternehmerisch denkenden Medizinern und anderen Forschern der Charité auf diese Weise unsere Hilfe anbieten und sie ermutigen, „Wissensunternehmer“ zu werden“, sagt Stiftungs-Vorstandsmitglied Stephan Gutzeit.

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