Zeitung Heute : Unruhestifter

ALBRECHT DÜMLING

Komponierte Anarchie: die MDR-Sinfoniker in der PhilharmonieALBRECHT DÜMLINGNicht alle Unruhestifter waren in der DDR zum Schweigen verurteilt.Der Komponist und Posaunist Friedrich Schenker beispielsweise durfte seine frechen Provokationen fortsetzen, gestützt nicht zuletzt durch Herbert Kegel, den risikofreudigen Chefdirigenten des Leipziger Rundfunk-Sinfonieorchesters.Als Skandalwerk erwies sich 1973 Schenkers "Electrization" für Jazzgruppe und großes Orchester.In dieser gesellschaftlichen Utopie bringen sechs Außenseiter eine lethargische Masse in Bewegung.Daß diese Aufmunterung nicht mit Dixieland oder Swing geschah, sondern mit stampfendem Beat und grellem Free Jazz, hatte das Uraufführungspublikum verärgert.Auch heute noch könnte diese auskomponierte Anarchie mit ihren sich steigernden Breaks und schließlich klatschenden, pfeifenden und johlenden Orchestermusikern Abonnenten verschrecken.Das Spezialpublikum dagegen, das sich zum schlecht besuchten Festwochen-Konzert in der Philharmonie einfand, ließ sich von dem lautsprecherverstärkten Lärmpegel nicht beirren und spendete dem Orchester wie dem Komponisten kräftigen Applaus.Friedrich Schenker war sichtlich beglückt, sein Werk nun auch in jener Stadt hören zu können, in der er seit 1990 lebt - immer noch provokativ und weiterhin ohne die ihm eigentlich zustehende Professur. Es ist kaum bekannt, daß Boris Blachers vielgespielte Orchestervariationen über ein Thema von Niccolò Paganini 1947 statt in Berlin in Leipzig uraufgeführt wurden.Bei dem in Paris geborenen Michel Swierczewski, der sich als Boulez-Assistent zum Spezialisten für Neue Musik entwickelte, lagen Boris Blachers brillant gesetzte Orchestervariationen über ein Thema von Paganini in guten Händen."Cool" übertupften die MDR-Streicher die schnellen Bläserrepetitionen, bis im vitalen Finale grelle Tuttischläge das Hörner-Ostinato durchkreuzten. Auch unter Kegels Nachfolger Wolf-Dieter Hauschild hatte sich das Leipziger Orchester an Provokatives herangewagt.Die 1983 uraufgeführten "Heine-Szenen" des Dresdners Wilfried Krätzschmar enden mit dem Satz "Noch mehr verändert als die Stadt sind mir die Menschen erschienen, wie wandelnde Ruinen".Als Bestandteil eines einstündigen, sich zur Apokalypse steigernden Hexensabbaths verlieren solche Worte allerdings trotz eines so markanten Solisten wie Matteo de Monti (Bariton) an kritischer Schärfe.Die Textwahl charakterisierte den Dichter als wunderlichen Zeitgenossen voll merkwürdiger Fieberträume.Auch die Musik verblieb mit ihrer Collagierung von geräuschhafter Aleatorik, Renaissance- und Volksliedanklängen meist in diffusem Nachtlicht.Nur an wenigen Fixpunkten erhielt sie auch klanglich apokalyptische Dimensionen.Der MDR-Chor verkörperte in vielfältigen Artikulationsformen das Volk, das sich mit dem Dichter zunehmend bewußter und kritischer artikulierte.

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