Zeitung Heute : Unschuld und Sühne

JULIAN HANICH

Nicht unvergeßlich: John Dahls neuer Thriller "Unforgettable"JULIAN HANICH"Von einem Mann, der Geschichten erzählt, zu verlangen, daß er der Wahrscheinlichkeit Rechnung trägt, ist ebenso lächerlich, wie von einem gegenständlichen Maler zu verlangen, daß er die Dinge ganz genau abbildet." Mit diesem Hitchcockschen Diktum im Hinterkopf hat man bei John Dahls viertem Thriller "Unforgettable" schon eine Chance: Der Film schert sich nicht viel um Wahrscheinlichkeitsrechnungen.Aber mal angenommen, man könnte sich Erinnerungen von Toten tatsächlich wie einen Heroinschuß ins Blut jagen - wäre doch spannend! Da könnte so manche dreckige Wäsche wieder blütenrein gewaschen werden und so mancher Mord aufgeklärt. Der Tatort: Vier Tote, verstreut in einem Drugstore in Seattle.Der Gerichtsmediziner David Krane ("Goodfella" Ray Liotta) untersucht die Leichen und entdeckt dabei ein aufgerolltes Streichholzpapier.Das Indiz erinnert ihn an den Mord an seiner Frau - Krane war verdächtigt worden, die Richter entrissen ihm das Sorgerecht für seine Kinder, aber der Prozeß wurde wegen eines Verfahrensfehlers eingestellt.Doch weil Alkohol jenen schrecklichen Abend vernebelt, quält Krane noch immer die Schuldfrage. Er lernt die Neurobiologin Martha Briggs (Linda Fiorentino) kennen, die mit Ratten am Transfer von Erinnerungen experimentiert.Ihre These: In der Rückenmarkflüssigkeit sind Erinnerungen gespeichert.Kombiniert mit einem Spezialpräparat, können bestimmte Ereignisse abgerufen werden.Krane dringt in ihr Labor ein und setzt sich die Spritze mit den Erlebnissen seiner Frau in der Mordnacht.Und tatsächlich: Die beiden Fälle scheinen in Verbindung zu stehen.Der Doktor wird zum besessenen Jäger des Mannes mit dem Streichholzpapier.Aber vielleicht ist der ja gar nicht der Mörder. "Unforgettable", letztes Jahr auf der Berlinale, ist das alte Whodunit-Spiel und zugleich ein nicht unspannender Kampf um Unschuld und Sühne. "Unforgettable" ist nicht unvergeßlich.Doch immerhin, Dahls Genrevariation warnt geschickt: Die "simple Kunst des Mordes" (Raymond Chandler) ist gar nicht so einfach. fsk am Oranienplatz

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