Zeitung Heute : Unser Ruf steht auf dem Spiel

GERD APPENZELLER

Der flapsige Spruch, wonach es sich ganz ungeniert weiterleben läßt, wenn der Ruf erst einmal ruiniert ist, zeichnete sich noch nie durch einen besonders hohen Wahrheitsgehalt aus.Und was bei Einzelpersonen gerade noch augenzwinkernd durchgehen könnte, trifft auf Staaten grundsätzlich nicht zu.Sie werden im Zweifelsfall von der internationalen Öffentlichkeit in die kollektive Gesamthaftung genommen für die Untaten eines jeden ihrer Mitbürger.Wer, wie die Deutschen, jahrzehntelang an der Wiederherstellung eines ruinierten Rufes gearbeitet hat, weiß das einerseits ganz genau und wird andererseits schnell als Rückfalltäter eingestuft.

96 deutsche Hooligans haben am Sonntagabend in der französischen Kleinstadt Lens das Leben eines Menschen zerstört und den guten Ruf einer Nation beschädigt.Die Unterwanderung der deutschen Fußballfanszene durch Neonazis ist seit langem evident.Da helfen alle ansonsten willkommenen und nötigen Differenzierungen nichts mehr, die es Sozialarbeitern ermöglichen, die im Kern friedlichen, am Fußball interessierten Jugendlichen vor dem Abgleiten in die Gewalt zu bewahren.Aber man höre sich nur einmal die rassistischen und antisemitischen Sprüche von den Stadiontribünen an! Gerade einmal zwei Jahre ist es her, daß bei einem Spiel der Nationalmannschaft in Polen deutsche Hooligans ein Transparent mit der Aufschrift "Wir grüßen die Schindler-Juden" entfalteten.Nein, etwas ist sehr schlecht gelaufen in diesem Land in den vergangenen Jahren, in denen die Hemmschwelle gegenüber kalter Brutalität und offenem Ausländerhaß immer mehr sank.Seit gestern hat das Böse eine neue Dimension bekommen: Die rechtsextreme Gewaltbereitschaft, die in den vergangenen Jahren Fanale ihres menschenvernichtenden Hasses in Städten wie Rostock, Mölln und Hoyerswerda setzte, hat nun die Grenzen der Bundesrepublik Deutschland übersprungen.Der neobraune Terror bundesrepublikanischer Provenienz hat sich ein erstes Mal in einem Nachbarland breitgemacht.Den Hitlergruß und das Horst-Wessel-Lied in Lens - das haben die Franzosen vermutlich das letzte Mal vor mehr als einem halben Jahrhundert dort gehört.

Ein Einzelfall, bedauerlich und erschütternd, aber kein Grund zur Überdramatisierung? Als schlimmste Konsequenz Deutschlands Chancen für eine Bewerbung um die Fußballweltmeisterschaft 2006 gefährdet? Nein, so einfach werden wir nicht davonkommen und so einfach sollte es sich auch niemand machen.Der Verweis darauf, daß auch englische Hooligans keine Kinder von Traurigkeit seien, taugt nicht.Haben wir vergessen, wie wir uns vor noch garnicht so langer Zeit über die permanent betrunkenen Angelsachsen, diese Schreckgespenster aller Fußball-Pokalwettbewerbe, mokiert haben und uns als moralisch höherstehende Freunde der Kickerei empfanden? Wenn organisierte deutsche Rechtsradikale den Fußball als Vehikel für ihre Zerstörungswut benutzen, dann kommen sie nicht im Rausch, dann kommen sie nüchtern und gut organisiert, weil sie nur dann ihre Effizienz entfalten können.Der Präfekt der nordostfranzösischen Region hat das fassungslos registriert, als er die Deutschen als "Spezialisten einer Stadtguerilla" einstufte.

Der Bundeskanzler und andere führende Politiker haben sich schnell und deutlich zu den Vorfällen von Lens geäußert.Das ist gut so.Besser wäre, wenn sich Helmut Kohl zu einem Brief an die französische Öffentlichkeit entschließen würde.Auch das aber ist letztlich nicht entscheidend.Wir müssen aufhören, rechtsradikales Gedankengut und offenen, wenn zunächst auch nur verbalen, Haß gegen alles Fremdwirkende als vermeintlich unvermeidbaren Bestandteil einer offenen und von harten Konflikten nicht freien Gesellschaft hinzunehmen.Es ist absurd, über "Null-Toleranz-Konzepte" gegen Graffiti-Sprayer zu diskutieren, und vor öffentlich sichtbarer, brauner Gewaltbereitschaft die Augen zu verschließen.Nicht die Polizei, die Politik ist hier gefordert.Parteien, die extremistisches Gedankengut verbreiten, sollten schneller mit der Möglichkeit eines Verbots konfrontiert werden.Daß es auch in anderen europäischen Ländern rechtsextremistische Tendenzen gibt, kann kein Freibrief für deutsche Sympathisanten sein.Es ist unser Ruf, der auf dem Spiel steht - oder steht er vielleicht schon auf der Kippe?

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