Zeitung Heute : "Unsere alten Meister kehren zurück"

ELLEN SPIELMANN

Walter Salles, Regisseur von "Central do Brasil", über die Situation des brasilianischen Cinema NovoVON ELLEN SPIELMANNWalter Salles dreht seit 1995 Dokumentar- und Spielfilme, in denen er sich mit der Exilbewegung seiner brasilianischen Heimat auseinandersetzt.Das Gespräch führte Ellen Spielmann. TAGESSPIEGEL: "Central do Brasil" lief kürzlich beim Festival in Sundance in den USA.Wie wurde er dort aufgenommen? SALLES: Überwältigend: Es gab stehenden Applaus, und die New York Times schrieb sogar, er sei der beste Film des Festivals. TAGESSPIEGEL: Die Konstruktion unterscheidet sich völlig von Ihrem letzten Film "Terra Estranjeira".Zeigen Sie nun die andere Seite der Medaille? SALLES: "Central do Brasil" ist eher eine Fortsetzung."Terra" erzählt von Exil und Emigration Anfang der 90er Jahre, jetzt geht es um die innere Migration in Brasilien.Es ist die Umkehrung des Weges der frühen Migranten. TAGESSPIEGEL: Ist Ihr Film eine Neuschöpfung des Road-Movie-Genres? SALLES: Mich interessiert an Filmen der Straße besonders, daß die Figuren und die Darsteller immer wieder mit etwas nicht Kalkulierbarem konfrontiert werden.Auch in "Central do Brasil" nähert sich unweigerlich dieser Moment der Entdeckung.Nicht nur die Nordamerikaner haben Filme der Straße gedreht, auch Antonioni oder Wenders haben das Genre in den 70er und 80er Jahren wiederaufgenommen.Oder "Vidas Secas" von Nelson Pereira dos Santos, vor 35 Jahren gedreht, ist ein klassischer Film der Straße.Wie alle Filme, die von Migration handeln. TAGESSPIEGEL: Wie läßt sich "Central do Brasil" in die Tradition der Filme über den Nordosten Brasiliens einordnen? SALLES: Die Filme von Nelson Pereira dos Santos, Glauber Rocha oder Ruy Guerra sind grundlegend für das brasilianische Kino.Sie haben mit ihrem Werk derartig weitreichende Akzente gesetzt, daß heute jeder junge Filmemacher mit dem reichen kinematographischen Erbe des Cinema Novo in den Dialog treten will. TAGESSPIEGEL: Die große Zeit war vor 30 Jahren. SALLES: Das Land hat sich radikal gewandelt.Spannend ist, diese Spuren unter ganz anderen Bedingungen aufzunehmen. TAGESSPIEGEL: Filmkritiker sprechen immer wieder von der Wiedergeburt des Cinema Novo.Ein zu großes Wort? SALLES: Es ist eher ein Wiederanknüpfen: Unsere alten Meister kehren zurück, und durch die Jungen entsteht ein neuer Schub. TAGESSPIEGEL: Man könnte "Central" vorwerfen, er folge einem Erfolgsrezept: berühmte Schauspieler, viele Großaufnahmen und mitreißende Musik. SALLES: Am meisten hat mich beschäftigt, eine Form zu finden, die den Figuren dient.So benutzte ich am Anfang sehr wenig Tiefenschärfe, um die Isolierung hervorzuheben.In dem Maß, in dem die Figuren sensibler werden, weitet sich der Blick der Kamera."Central do Brasil" sollte sich radikal von der TV-Ästhetik unterscheiden. TAGESSPIEGEL: Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Kino und Fernsehen in Brasilien? SALLES: Das Fernsehen in Brasilien verhält sich größtenteils noch immer als ideologischer Staatsapparat.Änderungen sind schüchterne Versuche.Es gibt keinerlei Verpflichtung für das Fernsehen, die Produktion von Kinofilmen zu finanzieren, was eine Demokratisierung im audiovisuellen Bereich wäre.Der brasilianische Film braucht ein größeres Echo.Es gibt zur Zeit noch keine funktionierenden Verleih-Mechanismen. TAGESSPIEGEL: Was bedeutet es für Sie heute, Kino zu machen? SALLES: Kino muß Wissen produzieren: die Figuren etwa von Kiarostami oder Kaige sind uns viel näher als die banalisierenden Bilder des Fernsehens.Das Kino ist eine wunderbare Form, das Andere kennenzulernen - erst unterscheidet es sich stark von dir, aber es ist dir viel näher, als sie uns glauben machen wollen.

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