Zeitung Heute : Unsicherer Kantonist

TOBIAS RÜTHER

Diskussion über Heinrich Heineim Literarischen Colloquium

TOBIAS RÜTHER

War Heinrich Heine ein unsicherer Kantonist? Elvira Grözinger, Marko Martin und Hans Dieter Zimmermann zeigen sich unentschlossen im Gespräch über den Jubilar im Literarischen Colloquium.Der Dichter hoffte auf die Revolution, mißbilligte aber aufrührerisches Volk.Ihn faszinierte der Kommunismus, er fürchtete aber Bilderstürmer, die im Eifer des Umsturzes das Althergebrachte zerstören würden.Er bewunderte Napoleon, hätte freilich gegen den Kaiser angeschrieben, wäre der sein Zeitgenosse gewesen.Von den Zensoren geplagt, den Herrschenden mißtrauend, habe er doch eine Pension aus dem französischen Staatssäckel erhalten."Er ist für das bezahlt worden, was er nicht geschrieben hat", so der Journalist Marko Martin.Das Fragwürdige an Heine zeige sich besonders an seinen Ausfällen gegenüber August von Platen.Platens dichterisches Können habe Heine erkannt, gleichwohl die Homosexualität des Kollegen aufs Korn genommen.Wie fügt man Heines Liebeslyrik, den unversöhnlichen Ton seiner politischen Schriften, seine persönlichen bitteren Angriffe gegen andere Dichter in ein stimmiges Bild? Die Diskutanden wunden sich, wunderten sich.Der Germanist Hans Dieter Zimmermann fand es "peinlich", daß der Dichter vom Staat eine Rente bezog.Es fiel Zimmermann schwer, Heines Untiefen hinzunehmen.Schließlich gilt Heine einer Garde von Biermann bis Grass als unbestechliches Vorbild politischer Dichtkunst.Wer sich Heine zum Freunde wünscht, muß für Enttäuschungen gewappnet sein. 





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