Zeitung Heute : Unter dem Hoffnungsmond

DOROTHEA VON TÖRNE

Mario Wirz, SchriftstellerDOROTHEA VON TÖRNE"Willkommen in meiner Höhle", ruft er - und hat die Kerzen in seinem Neuköllner Hinterhofzimmer zur Feier unserer Begegnung angezündet.Der Höhlenbewohner, den ein mit metaphorischem Durchblick begabter Druckteufel des Aufbaus Verlages anläßlich seines Lyrikbandes "Ich rufe die Wölfe" (1993) zum "Höllenbewohner" machte, serviert einen köstlichen Milchkaffee und schüttet mit impulsiven Gesten den bunten Scherbenhaufen seines Lebens aus.Es sind lauter "zerbrechliche Wahrheiten" über eine Stigmatisierung nach der anderen: unehelich geboren und daher unter kollektiver Kleinstadt-Häme aufgewachsen in Frankenberg bei Marburg, mit sechzehn Jahren homosexuelle Neigungen erkannt und darüber zu Tode erschrocken, endlich dem Dogma der Norm entkommen - und plötzlich paralysiert von der Diagnose HTV-positiv, vor drei Jahren fast gestorben, aber nicht am Virus, sondern an Krebs.Nun sitzt er höchst lebendig da und spricht nicht vom Höllenleben, sondern vom Wunder: "Ich bin wirklich ein wundergläubiger Mensch, allen Katastrophen zum Trotz".Zur Bekräftigung erzählt er seine Episode von einer auf offener Straße gestohlenen Brieftasche, über deren Verlust am nächsten Tag unvermutet der 1.Preis des PEN-Clubs des Fürstentums Liechtenstein hinwegtröstete und ein traumhafter Aufenthalt auf dem kleinen Schloß in Vaduz.Mario Wirz: der Schwärmer, der Träumer, der von guten Erfahrungen immer wieder überrascht wird und dabei an Tennessee Williams denken muß und die Figur der Blanche in "Endstation Sehnsucht".Auch er glaubt an die Güte von Menschen.Da klingelt das Telefon (Er würde wohl sagen: die Telefonschlange entrollt sich), Freunde wollen ihn sprechen, aber es geht jetzt nicht, später.Wir stürzen uns erneut in den "Koffeinrausch" und die "Visionen eines Kaffeetrinkers".Wirklichkeit ist für ihn mehr als die sichtbare Welt.Das sei der Widerstand der Poesie, der ihn fasziniert, schon von Kindheit an.Während er mit wohltönender Stimme vehement von den Schrecknissen seiner Jugend spricht, wärmt sich ein silbern glänzender Hoffnungsmond am weißen Kachelofen in der Ecke des Raumes.Von der Decke schwebt die unbesiegbare Kindersonne aus seinem Gedichtband "Das Herz dieser Stunde" (1997).Eine Inszenierung natürlich, aber nicht nur für diesen Augenblick, - es sind Requisiten, mit denen er lebt, Symbole wie auf der Bühne.Schauspieler ist er von Beruf, ausgebildet in Berlin, hatte Engagements in Berlin und Kiel, war auch Regisseur.Als Künstler, dachte er zuvor, sei er immun gegen die Welt der Spießer, gegen Banalität und Bürgerlichkeit.Das sei aber ein Irrtum und die Naivität der Provinz gewesen.Bis heute geblieben ist die Identitätssuche in der Phantasie, seit 1988 ausschließlich beim Schreiben.Als Kind habe er das Gefühl von Ohnmacht zum Größenwahn stilisiert, in Phantasiegeschichten schuf er sich als Kaiser oder König eine bessere Welt, erdichtete sich später als der "Rimbaud von Frankenberg" eine "starke und unverletzliche Identität", erfand sich in schwulen Liebesstorys ein Asyl.Was er heute klein und kitschig nennt, gab ihm damals Kraft zu leben.Dieselbe Wirkung hatten die Kinderstücke und Boulevardkomödien, die er nach der tödlichen Diagnose 1985 für das Theater "Gaukelstuhl" schrieb."Zuerst schien mir der Auftrag absurd, aber dann schrieb ich mit Lust und Freude".Auch dies "Verdrängungsliteratur", wie er heute weiß, aber damals eine wirksame Selbsttherapie.Sein eigentliches Thema habe er erst durch Rosa von Praunheim gefunden, mit dem er 1989 bis 1991 einen heftigen Briefwechsel führte, der 1995 unter dem Titel "Folge dem Fieber und tanze" als Taschenbuch erschien.Seitdem ist jedes Wort, das er schreibt, immer auch Widerstand gegen den Tod in einem gesellschaftlichen und politischen Kontext.Schreiben als Überwindung von Angst.Daß er nicht nur von einer Minderheit spricht, sondern den Nerv der Zeit trifft, belegt der Erfolg des nächtlichen Berichts "Es ist spät, ich kann nicht atmen" (1992) und die Erzählung "Biographie eines lebendigen Tages" (1994).Als document humain künden beide von der Gefährdung des Lebens am Ende dieses Jahrtausends.Mario Wirz, der Natur-Komödiant, ist heute weit entfernt von theatralischen Posen oder gar Hysterie.Im Kopftheater seiner Verse ist er unterwegs als Graffitisprüher, Körpertier, verlorener Sohn, Amokläufer, Eistänzer und Reisender ohne Gepäck.In seinen Gedichten setzt er sich als ein Subjekt täglich neu zusammen und akzeptiert dabei auch die widersprüchlichen und chaotischen Splitter seiner Existenz.Wer kann das in einer Welt der Objekte, in der alles easy und cool aussehen muß, in der Krankheit und Tod nach wie vor ausgegrenzt werden, so rigoros von sich behaupten.Was sagte Mario Wirz jüngst in ein Mikrofon in Paris? "Solange ich schreiben kann, hat der Tod keine Macht über mich". Mario Wirz wird heute mit dem Förderpreis des Brandenburgischen Literaturpreises ausgezeichnet.

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