Zeitung Heute : Unter die Haut

ECKART SCHWINGER

Abbado und die Berliner Philharmoniker mit Mahlers DritterECKART SCHWINGERSo außergewöhnlich der Ansturm auf dieses Konzert war, so außergewöhnlich war die Aufführung.Claudio Abbado und die Philharmoniker musizierten Mahlers dritte Sinfonie ­ mit allerhöchstem Anspruch und einer unter die Haut fahrenden Expansionskraft.Sogleich der erste Satz wurde mit solch scharfem dramatischen Zuschnitt und knisterndem Konzentrationsvermögen präsentiert, daß sich das vehement ausbreitende Geschehen in einer ­ verglichen mit früheren Aufführungen unter Haitink und Mehta ­ noch stärkeren Authentizität des musikalisch Schönen, Tragischen und Geheimnisvollen mitteilte.Dieser erste Satz, der allein beinahe vierzig Spielminuten beansprucht, will in seiner grandiosen Diskontinuität gestaltet, gestaffelt und vor allem durchgestanden sein.Dabei war (von kleinen Unschärfen zu Beginn in den Hörnern abgesehen) eine bisweilen extrem hochgetriebene, packende Verlebendigung der Mahlerschen Musik zu erleben, die vom schrill losprasselnden, bissigen, parodistisch trivialen Tonfall bis zu einer fast tonlos stillen, ergreifenden Klangrede reichte.Die Philharmonischen Solisten traten dabei auf phänomenale Weise in Aktion.Mahlers ureigenstes Anliegen, mit dem Komponieren einer Sinfonie "das Aufbauen einer ganzen Welt" in Angriff zu nehmen, scheint in dem monströsen ersten Satz in einer so riskant ausgedehnten, ungebärdigen wie hart widerstreitenden Form verwirklicht zu sein.Adorno sagte, mit Blick auf diesen Satz, hier würde "Form selber schreckhaft-ungeheuerlich".Und von erschreckender Ungeheuerlichkeit war dann auch nicht selten die Interpretation von Abbado und den Philharmonikern geprägt.Sie verdeutlichte immer wieder mit bedrängender Expressivität das Unbotmäßige dieses Satzes mit der trauermarschartigen Einleitung, dem Aufmarsch der Militärmusikkapellen gleichsam aus allen Himmelsrichtungen. Auf der Mahlerschen Weltbühne mit der geradezu schaubaren Gedanken- und Kontrastfülle, auf der die Blumen, die Tiere, die Engel singen und spielen, hinterläßt schließlich die Stimme des Menschen im sehnsuchtsvollen, klagenden Gestus die bewegendste Spur.Das tiefe Weh der Welt, der gefährdeten und schließlich zerbrechenden Welt der Jahrhundertwende, besang mit großer lyrischer Intensität Marjana Lipovsek, während Damen des Bayerischen Rundfunkchores und der Tölzer Knabenchor für die helleren beziehungsweise ironisch heiteren und kindhaften Klangbilder gewonnen waren.Aber was das Singen anlangt, standen beim schier unendlichen Melodienstrom des abgründigen Finales die Philharmoniker mit so hochwogender wie ausdrucksgesättigter Kantabilität den Vokalisten nicht nach.Orkanartiger Applaus.

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