Zeitung Heute : Unter einem Dach

Auf dem neuen Flughafen in Schönefeld kommen alle Passagiere gemeinsam an. Erst nach dem Marktplatz trennen sich die Wege

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So soll die Haupthalle aussehen, in der auch die Gäste der „Low-Cost-Carrier“ eintreffen. Erst wer anschließend den Pier der Billligflieger betritt, muss auf kleine Annehmlichkeiten verzichten. Foto: Promo (gmp Architekten, JSK International/Berliner Flughäfen)
So soll die Haupthalle aussehen, in der auch die Gäste der „Low-Cost-Carrier“ eintreffen. Erst wer anschließend den Pier der...

Alle zusammen – und doch getrennt. Auf dem neuen Flughafen Berlin-Brandenburg „Willy Brandt“ in Schönefeld wird es für sämtliche Passagiere zunächst nur einen gemeinsamen Weg geben: Durch die Kontrollanlagen in der Haupthalle und anschließend durch den Marktplatz mit den Geschäften und Restaurants. Erst danach werden sich die Wege trennen. Die Passagiere der klassischen Fluglinien bleiben dann in der Regel im Hauptpier, Kunden von Air Berlin laufen weiter durch den Hauptpier zum Südterminal, und die Gäste der Billigfluglinien wenden sich nach Norden in den dortigen Abfertigungsbereich.

Durch dieses „One-Roof-Konzept“ soll der Flughafen übersichtlicher werden; aber auch kostengünstiger zu betreiben sein. Alle Passagiere – egal, ob sie einen Kurz-, Mittel- oder Langstreckenflug gebucht haben – sollen vom Konzept des Flughafens mit hellen Räumen durch viel Glas profitieren. Dass Fluggäste zum Abfertigen in ein dunkles Loch irgendwo im Keller verbannt werden, was an anderen Flughäfen durchaus üblich ist, hat man – zumindest bisher – bei der Planung in Schönefeld ausgeschlossen.

Differenzierungen wird es aber auch unter dem gemeinsamen Dach geben. Im Trakt für die Billigfluglinien gibt es keine Laufbänder; wer zu einem Gate am Ende des Piers gehen muss, darf die rund 350 Meter laufen. Und wer dabei hungrig oder durstig wird, findet dort lediglich einige mobile Stände, eine feste Gastronomie wird es im Nordpier nicht geben. Dass der Trakt ein bisschen schmaler ist als sein Pendant im Süden und auch bei den Materialien ein wenig gespart wird, werden dagegen wohl nur wenige Passagiere bewusst mitbekommen. Für die Gesellschaften, die den Nordpier nutzen, zählt dagegen, dass sie durch den geringeren Aufwand der Flughafengesellschaft auch weniger Gebühren zahlen müssen. Diese werden aber, verglichen mit den Preisen im heutigen Terminal, trotzdem steigen, was von den Gesellschaften auch kritisiert worden ist.

Im Vorfeld hatte sich unter anderem Easyjet, der Marktführer unter den Billigfluglinien in Schönefeld, dafür eingesetzt, im bisherigen Abfertigungsgebäude bleiben zu dürfen. Dies hatte die Flughafengesellschaft jedoch abgelehnt. Eine Aufteilung des Airports in zwei Bereiche wollte man nicht mehr haben.

So billig wie heute wäre der Betrieb auch dort zudem nicht geblieben. Die dann erforderlichen Kontrollanlagen und auch das für die Gepäckabfertigung benötigte Personal hätte von den Nutzern mitfinanziert werden müssen. Inzwischen hat sich aber auch Easyjet mit dem Umzug in den neuen Terminal abgefunden. Dort profitiere man von einer besseren Verkehrsanbindung und fliege von und zu Berlins Hauptflughafen, sagt der Deutschlandchef von Easyjet, Thomas Haagensen. Das gleiche einiges wieder aus.

Am Hauptterminal profitieren auch die Passagiere von den kurzen Wegen bei der An- und Abfahrt. Der neue Bahnhof, in dem S-Bahnen und Züge des Regionalverkehrs halten, liegt direkt unter der Haupthalle; in wenigen Minuten sind die Schalter zu erreichen. Der mehrere hundert Meter lange Weg zwischen dem heutigen Bahnhof Schönefeld und dem Terminal entfällt.

Dass Passagiere sich zurückgesetzt fühlen, weil der Nordpier weniger Komfort bieten wird als die anderen Trakte, glaubt Haagensen nicht. Das Unternehmen will verstärkt auch Geschäftsreisende als Kunden gewinnen. Diese legten Wert auf Effizienz und wollten schnell und direkt von A nach B fliegen, sagt Haagensen. Ob sie über eine Fluggastbrücke ins Flugzeug steigen oder nicht, spiele dabei keine Rolle. Wichtig für Geschäftskunden sei auch die Pünktlichkeit. Hier habe Easyjet eine Quote von 80 Prozent erreicht.

Wer welchen Platz im Nordpier erhält, ist noch nicht entschieden. Lufthansa hofft, seine Billigfluglinie Germanwings möglichst nahe am Hauptpier in Nachbarschaft zur Konzernmutter unterbringen zu können, so dass Umsteiger innerhalb des Terminals nur kurze Wege zurücklegen müssen. Der Konzern prüft derzeit, ob und wie er sein Engagement auf dem neuen Flughafen ausbauen kann. Dabei achtet man im Vorstand auch verstärkt auf die Konkurrenz durch die Billigfluglinien. Ein attraktiver Standort für Germanwings könnte hier von Vorteil sein.

Dass die Billigflieger zusammen mit Air Berlin den Tourismus in der Stadt vorangebracht haben, davon ist Berlins Tourismuschef Burkhard Kieker überzeugt. Er hatte als Marketingleiter bei der Flughafengesellschaft den Deal mit der Ansiedlung von Easyjet einst eingefädelt. Die exzellente Erreichbarkeit der Stadt sei die Grundlage für den Boom bei den Besuchern, aber auch für „junge, kluge Köpfe“, die wochentags in Berlin arbeiteten und am Wochenende schnell nach Hause fliegen könnten, sagt Kieker. Und Flughafenchef Rainer Schwarz betont, die „Low-Cost-Carrier“ seien ein etabliertes Marktsegment. Von ihnen profitierten die Besucher, aber auch die Berliner, die dadurch beste Verbindungen zu europäischen Zielen hätten. Dabei solle es auf dem neuen Flughafen auch bleiben.

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