Zeitung Heute : Unter einem Hut

Lennart Jondral, Eike Wendland und Birgit Kaulfuss haben mit „Berliner Klamotten“ eine Plattform für die Modeszene geschaffen

Susanna Nieder

Als Erstes fällt ein T-Shirt vom Himmel, als Nächstes erscheint die Skyline von Berlin. Eine Riesenhand pflückt den Fernsehturm heraus, steckt ihn verkehrt herum in ein Nadelkissen, und dann zischen von rechts zehn Kleiderbügel mit Berliner Labels ins Bild: Adddress! Anne Schmuhl! Animo! Und die nächste Ladung: Betty Bund! Blitz! Butterflysoulfire! Mit einem Klick findet man Philosophie, aktuelle Fotos und Adressen von rund 100 Berliner Modelabels. Die Webseite www.berlinerklamotten.de ist die reinste Fundgrube.

Zum ersten Mal tauchte der Begriff „Berliner Klamotten“ während des Modewochenendes im Juli 2004 auf. So nannte sich eine Minimesseveranstaltung im ehemaligen Reichsbahngebäude am Leipziger Platz, und vermutlich dachten viele: Typische Berliner Dilettantenveranstaltung, das machen die ein Mal und nicht wieder. Doch siehe da – das Gegenteil trat ein.

Zur nächsten Aktion von „Berliner Klamotten“ kamen pro Tag durchschnittlich 500 Besucher, zahlreiche Kamerateams und Journalisten nicht mitgerechnet. Diesmal handelte es sich um einen so genannten „Salesroom“ in einem eigens ausgestalteten Ladenlokal in der Rosenthaler Straße, bei dem vom 1. Dezember bis 15. Januar die Kollektionen von 40 Berliner Designern verkauft wurden. Für das anschließende Januar-Modewochenende verwandelte sich der Salesroom in einen Showroom für Einkäufer.

„Es war durchaus geplant, dass wir zunächst unterschätzt wurden, denn so konnten wir in Ruhe anfangen“, sagt Lennart Jondral. Vor etwas über einem Jahr gründete der 36-jährige Kommunikationsplaner mit dem Grafikdesigner Eike Wendland und der Modefotografin Birgit Kaulfuss „Berliner Klamotten“ als Plattform für Berliner Designer, die bekanntlich zahlreich und kreativ, aber weit verstreut sind. Es ist schon oft versucht worden, ein solches Forum zu schaffen. „Berliner Klamotten“ sind jedoch die Ersten, die eine umfassende Webseite betreiben, regelmäßige Salesrooms veranstalten und die Modemessen Bread and Butter und Premium nutzen, um ihre Berliner Labels der internationalen Modebranche zu präsentieren.

„Ohne Bread and Butter keine ,Berliner Klamotten’“, gibt Jondral freimütig zu. Mit Berührungsängsten halten er und seine Kollegen sich nicht weiter auf, und obwohl in der Modeszene Interna meist eifersüchtig gehütet werden, scheint Ähnliches für die beteiligten Modemacher zu gelten. Mitmachen kann jedes Label, das aus Berlin kommt, seine Kollektionen in mindestens einem Laden (nicht unbedingt dem eigenen) verkauft und „eine gewisse Nachhaltigkeit“ vorweisen kann. Zum Programm gehört der Aufbau eines Netzwerks, was besonders jüngere Designer zu schätzen wissen.

„Die Labels im Salesroom sind schon sehr unterschiedlich, mir geht es auch ein bisschen zu sehr in Richtung bedrucktes T-Shirt. Andererseits ist die ganze Veranstaltung so sympathisch, dass man gut damit leben kann“, sagt Esther Perbandt, die nach dem Studium an der Universität der Künste, Aufbaustudium und Berufserfahrung in Frankreich ihr eigenes Label in Berlin gründete und gerade an ihrer dritten Modekollektion arbeitet. Charakteristisch sind ihre Stoffe, die sie aufwändig mit Designs aus Buchstaben bedruckt. Webseite und Salesroom von „Berliner Klamotten“ sind für sie ideale Orte, um ihren Namen bekannt zu machen, Kontakte zu knüpfen und das eine oder andere Stück zu verkaufen.

Beim Modewochenende im Januar stellte Esther Perbandt ihre Taschenkollektion dem Fachpublikum allerdings auf der Premium vor und nicht bei „Berliner Klamotten“. Die Premium ist die Berliner Messe mit dem höchsten Anspruch an Innovationsgeist und Exklusivität; was dort vorgestellt wird, ist meistens teuer. Bei „Berliner Klamotten“ dagegen sind derzeit vor allem junge Labels vertreten; wichtige etablierte Namen wie Firma, Frisch, Claudia Skoda, Sai So oder Just Mariot fehlen bislang. Es wird sich zeigen, ob Jondral und Kollegen auf Dauer eher den Nachwuchs präsentieren oder ob sie mit der Zeit zu einer Adresse für Berliner Designer aus allen Sparten werden. Ein Hinderungsgrund dafür könnte der Name sein, der bewusst hemdsärmelig daherkommt – was einerseits ein gesundes Selbstbewusstsein ausstrahlt, andererseits aber Designer mit einer gediegeneren Zielgruppe abschrecken könnte.

Thomas Mrozek von den Thatchers hat damit kein Problem. Seit zehn Jahren sind sein Partner Ralf Hensellek und er im Geschäft; den diversen Berliner Initiativen der letzten Jahre standen sie oft kritisch gegenüber, doch über „Berliner Klamotten“ ist Mrozek voll des Lobes: „Sie machen korrekte Abrechnungen, sind pünktlich und mittlerweile gut organisiert. Dazu kommen schön gestaltete Räume und eine Superatmosphäre.“ Trotz zweier gut gehender Läden in der Kastanienallee und in den Hackeschen Höfen würden die Thatchers beim nächsten Salesroom mitmachen – wenn sie mit der Produktion nachkämen.

Die Produktion ist auch für Andrea van Reimersdahl eins der Argumente, warum sie sich auf ihren Laden in der Tucholskystraße konzentriert. Die Mode ist ein hartes Geschäft, da müssen Geld und Kräfte genau eingeteilt werden. Für die Künstlerin waren Kleidungsstücke anfangs vor allem Leinwände für ihre komplexen Bilder. Inzwischen besitzt ihr Label einen guten Namen, dessen Bekanntheitsgrad sich durch ihre Präsenz auf der Webseite von „Berliner Klamotten“ erhöht hat. Als Messe bevorzugt sie jedoch wie Esther Perbandt die Premium mit ihrem hochwertigen Image.

Dass „Berliner Klamotten“ Mitbewerber haben, findet Lennart Jondral völlig normal. Klar hätte er gerne Namen wie Firma auf der Webseite – aber das kann ja noch werden. „Wir setzen auf Qualität, Zuverlässigkeit und gute Organisation.“ Über Stagnation kann sich das Team jedenfalls nicht beklagen: Vor einem Dreivierteljahr startete die Webseite mit 30 Designern, inzwischen sind es rund 100, und wöchentlich kommen neue Bewerbungen und Medienberichte. „Was wir jetzt haben, ist noch nicht mal ein Drittel des Berliner Potenzials.“

Die nächste Aktion ist ein Salesroom mit 45 Berliner Labels in den neu eröffneten historischen Höfen im Quartier 110 der Friedrichstraße. Die Örtlichkeiten werden wieder von den Innenarchitekten Flip Sellin und Mark Bendow gestaltet, das Team wird täglich vor Ort sein, um gute Laune zu verbreiten, Kauflust anzufachen und den Ruhm der Berliner Mode zu befördern. Der Name „Berliner Klamotten“ mag manchen zu schlampig klingen, aber eines tut er ganz gewiss: die Mode vom hohen Ross holen.

Salesroom Berliner Klamotten, 16. April bis 18. Juni, Friedrichstraße 110 (Mitte), Mo-Sa 11-20 Uhr. Infos im Internet unter www.berlinerklamotten.de.

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