Zeitung Heute : Unter Geiern

Morgen steht der Mann, der Schröder ohrfeigte, vor Gericht. Eine Suche nach Jens Ammoser und dem Sinn der Mediengesellschaft

Moritz Rinke

Wenn man nach Geiersnest reist, braucht man ein Auto und eine gute Landkarte, bei Navigationssystemen blinkt schon beim Abbiegen, wo es geradeaus nach Bollschweil geht und links nach St. Ulrich, „off road“. Nach Bad Krozingen zu fahren ist auf jeden Fall falsch, da irren die Nachrichtenagenturen, „Geiersnest bei Bad Krozingen“ ist nicht richtig. Man muss auch weder nach Bollschweil noch nach Ehrenkirchen fahren, wie geschrieben wurde, sondern erst mal Richtung Aubach.

Der Gasthof zum Rössle in St. Ulrich liegt gleich rechts hinter der Telefonzelle, und man bremst automatisch an diesem Gasthof, weil man denkt, die Straße endet. In der Stube hängen ausgestopfte Tiere an den Wänden, ein alter Mann sitzt am Fenster und schaut auf den gegenüberliegenden Berg und reibt dabei mit seinen gefurchten Händen über die Tischdecke. Eine Frau mit weißer Bluse betrachtet den Fremden und zapft einen Krug für den Mann, der immer noch den Berg anstarrt. Ich setze mich an den Nebentisch, bestelle Brot mit Speck und lese die Broschüre des SPD-Ortsvereins Ehrenkirchen, in der Jens Ammoser vorgestellt wird.

Ammoser ist Kandidat für den Kreistag des Landkreises Breisgau/Hochschwarzwald und seit dem frühen Abend des 18. Mai ein ganz besonderer Fall. In Mannheim, bei einem Fest der Südwest-SPD für Neumitglieder, zu denen auch Ammoser zählte, trat der Bundeskanzler im Bruno-Schmitz-Saal auf und wurde um 18 Uhr 40 laut Polizeiangaben von der flachen rechten Hand Ammosers im Gesicht getroffen. „Der hat dem Kanzler volle Kanne eine gescheuert“, erklärte ein Neumitglied aus Bad Säckingen. Ammoser wurde abgeführt, später auf freien Fuß gesetzt; er soll mittlerweile nach Geiersnest zurückgekehrt sein. In der mir vorliegenden Broschüre heißt es, Ammoser stehe für neue Ideen in der Sozialpolitik, er habe Deutsch und Mathematik auf Lehramt studiert sowie später, während seiner Arbeitslosigkeit, Vorträge in St. Peter Ording über Ebbe und Flut gehalten.

Lustig, gegenüber an der Wand hängt ein Schild: „St. Ulrich liegt 550 Meter über dem Meeresspiegel“, an der Tür klebt ein Zettel mit der Ankündigung der Katholischen Landvolkshochschule zum Seminar „Die Abgründe der Spaßgesellschaft“, ich denke gerade noch, na, solche Seminare hätte ich hier ja nicht erwartet, vielleicht ist das auch Ammoser?, da kracht das Brett mit der Bestellung auf den Tisch mit senkrecht in den Speck gerammtem Messer. „Guten Appetit!“ „Danke“, sage ich, „hören Sie mal, wo geht’s eigentlich nach Geiersnest?“ „Geradeaus!“, sagt die Bedienung, drückt mir die Gabel in die Hand und geht in die „Privatstube“. „Guten Tag, der Herr. Wissen Sie zufällig, wo der Mann wohnt, der dem Bundeskanzler die Ohrfeige erteilte?“ Keine Reaktion. Ich rufe lauter: „Ja, das ist ja auch ein Ding, was?“, dann dreht sich der Mann um, lächelt freundlich und sagt: „Ja, der Birchiberg, der Birchiberg“, und schaut wieder aus dem Fenster.

Die Straße geht tatsächlich geradeaus, macht aber so eine scharfe Linkskurve, dass man denkt, der Weg nach Geiersnest endet. Ich schalte in den ersten Gang und steige serpentin schätzungsweise auf 800 Meter über dem Meeresspiegel. Überall Nebel, mittlerweile regnet es in Strömen. Geiersnest, das erweist sich auf jetzt circa 1100 Meter über dem Meeresspiegel, ist gar kein Dorf, sondern eine Anzahl über den Birchiberg verteilter Gutshöfe. Ich fahre den Geschwendlehof an, parke vor einem Hühnerstall, laufe zu einer Tür des Hofes und klopfe. Während ich warte, überlege ich, wie ich fragen soll. „Wissen Sie, wo der Mann wohnt, der den Bundeskanzler ohrfeigte?“, klingt so nach Sensationsreporter und mit dem Hintern ins Gesicht. Ich werde einfach sagen: „Kennen Sie den Philologen und Mathematiker Jens Ammoser?“, doch nichts passiert.

Ich laufe einmal um den Geschwendlehof herum und sehe vorsichtig durch ein Fenster. Vielleicht wohnt Ammoser sogar hier? Ich hatte schon beim Kollenhof 100 Meter unter dem Geschwendlehof durchs Fenster geschaut und nach Hinweisen gesucht wie etwa SPD-Material zur Sozialpolitik oder Regale mit Lehramtsbüchern, vielleicht über Vektorrechnung oder Ebbe und Flut. Mittlerweile stehen mindestens 20 Hühner an meinem Auto und picken auf die Reifen ein. Ich kriege Panik und renne auf die Hühner los, mit Platten komme ich ja hier nie wieder weg vom Geschwendlehof. Ich springe ins Auto, hupe und folge dem Schild „Grasshübelhof“.

Wichtig ist, dass ich auch meine Augen aufhalte nach Valentin Sonners Haus, Sonner ist angeblich Nachbar von Ammoser und hatte in seiner Funktion als Kreistagskandidat der CDU gegenüber der „Badischen Zeitung“ erklärt, es sei kein Wunder, dass sich in der SPD derartige Dinge ereignen würden. Links neben mir steht plötzlich ein Schaf, ich drehe die Scheibe runter, gucke das Schaf an, das Schaf guckt mich an, dann habe ich kurz einen Blackout.

Als ich beim Grasshübelhof ankomme und aussteige, steht 30 Meter entfernt eine Frau mit Mistgabel im strömenden Regen. Die Mistgabel ist erhoben und auf meinen Pkw gerichtet, ich denke, mein Gott, nach Stallarbeit sieht das nicht gerade aus, die meint mich! Ich springe ins Auto und fahre Vollgas rückwärts die Einfahrt zum Grasshübelhof wieder runter und am Übergang zur Straße gegen ein Kruzifix. Ich versuche das zwei Meter große Holzgestell mit Jesus oben dran wieder aufzustellen, auch ist das Schild abgefallen mit der Schrift „Der Heiland läßt ans Kreuz sich schlagen/Zur Sühne unserer Sündenschuld“. Das Gestell fällt immer wieder um, ich geb’s auf, leg’ alles in die Wiese, so geht es nicht weiter, ich meine, ist das nicht alles ein bisschen übertrieben? Ich fahre seit Stunden irgendwelche Schlammwege rauf und runter, klebe an Fensterscheiben auf der Suche nach Fachbüchern über Ebbe und Flut und werde abwechselnd von Hühnern oder Frauen mit Mistgabeln bedroht, und am Ende fahr’ ich auch noch den Heiland über den Haufen.

Ich entscheide, bei besserem Wetter wiederzukommen. Vielleicht am nächsten Tag. Vielleicht auch gar nicht. Man muss nicht bis nach Geiersnest reisen, weil sich die Sozialdemokraten prügeln. Hätte Ammoser George W. Bush eine gescheuert, wäre ich hier mit Blumen angerückt, aber nur weil einer angeblich für neue Ideen in der Sozialpolitik steht, soll ich bis auf den Birchiberg? Auf dem Rückweg sehe ich in St. Ulrich vorm Rössle ein Auto mit dem Kennzeichen F, was macht das denn hier? Das kann ja nur die „FAZ“ sein, die haben sich einquartiert!

Am nächsten Tag sofort wieder über Aubach in scharfer Linkskurve hoch nach Geiersnest, das F-Auto vorm Rössle ist weg, wahrscheinlich schon irgendwo vor dem Haus von Ammoser. Ich steige auf 900 Meter über dem Meeresspiegel, mir kommt ein Pkw entgegen mit M wie München, garantiert die „Süddeutsche Zeitung“. Ich biege ab direkt zum Heinehof, den hatte ich gestern ausgelassen, der Heinehof muss zum Holzhandel Heine gehören, „ökologisch, ökonomisch, einfach Holz“, da hatte ich gestern auch durchs Fenster geguckt. Ich setze mich in die Gaststube „Sonners Straußenwirtschaft“ und denke, ah, Valentin Sonner von der CDU kann nicht weit sein, der hat wahrscheinlich im Holzhandel Heine eingeheiratet, und jetzt sitz’ ich hier in Sonners Wirtschaft im Heinehof. Sonner, das lässt sich schnell klären, ist vor zehn Minuten weg, ich bin entsetzt: „Mit der Süddeutschen?! Im Auto mit M?!“, die Kellnerin guckt mich fragend an, nein, sagt sie, nach Bollschweil, mit dem Trecker. Ammoser wohnt schräg oben links im Trudperthof, sagt sie, und wurde gestern hier im Heinehof von Fotografen der „Bild“-Zeitung abgelichtet. Ich rufe: „Als ob ich es geahnt hätte! Das gibt’s doch nicht, ,Bild’ war hier, bei dem Wetter?!“ „Ammoser wird dem ,Spiegel’ ein Exklusiv-Interview geben“, der kriegt vom „Spiegel“ einen fünfstelligen Betrag, erklärt ein Mann, der mir sofort seine Visitenkarte reicht, Fremdenzimmer in Fulda, was soll ich denn damit?, ich muss sofort auf den Trudperthof, wo ist das Auto mit F?

An der Einfahrt zum Trudperthof stehen drei Mülltonnen. Ich öffne die Tonne für Papier und wühle herum, vielleicht finde ich Unterlagen, Notizen von Ammoser, doch es gibt nur Kartons von Joghurt und Salzgebäck. Der Trudperthof ist umrankt von Sträuchern und Löwenzahn, weit und breit kein Auto, keine Hühner, keine Frauen mit Mistgabeln. Ich nähere mich langsam einer Türklingel: Heine/Sonner, na, die CDU lebt wohl wilde Ehe, was? Aber wo ist Ammoser? Es gibt nur noch Sandra Schiller, kenn’ ich nicht, und im Parterre eine Wohnung, wo alles zugezogen ist, alle Jalousien runter, ob da Bücher über Flut&Ebbe stehen, weiß man nicht.

Plötzlich ein Rascheln, ich springe zur Seite hinter einen Busch. Wer Bundeskanzler ohrfeigt, der verprügelt vielleicht auch Reporter? Ammoser soll groß sein und aussehen wie der athletische Fußballer Fredi Bobic, überhaupt scheint das hier ja eine sehr militante Gegend zu sein, das ist mir schon gleich aufgefallen, als die Wirtsfrau im Rössle das Messer in den Speck rammte, denke ich, doch schon sehe ich ein Teleobjektiv auf mich gerichtet: „Badische Zeitung, Hoffmann, sind Sie Jens Ammoser?“ „Nein, nehmen Sie das Objektiv runter, ich bin nicht Ammoser, Ammoser ist weg. Waren Sie die ganze Zeit in dem anderen Busch?“

Ich laufe wieder hoch zur Straße, ich parke jetzt immer an der Straße, ich will nicht, das mir so etwas noch mal passiert wie auf dem Rückweg vom Grasshübelhof. Außerdem, was ist das für ein Wahnsinn, hinter Büsche in Geiersnest zu springen und von der „Badischen Zeitung“, ebenfalls aus dem Gebüsch springend, für Ammoser gehalten zu werden? Ammoser ist garantiert in Hamburg, wenn der „Spiegel“ fünfstellig zahlt, dann fliegen die den auch ein, der sitzt wahrscheinlich jetzt im Atlantic-Hotel, während ich mir hier mein Auto an Kruzifixen zu Schrott fahre. Die Mediengesellschaft ist durch und durch verkommen, nur weil jemand dem Bundeskanzler eine scheuert, irgendwelche Tussen mit David Beckham schlafen oder ein Mensch einen anderen Menschen bei Kassel aufisst, werden Summen gezahlt, kurvt die „FAZ“ durch Geiersnest, springen Reporter durch die Büsche, und der „Tagesspiegel“ wird mit Mistgabeln bedroht oder wühlt in Mülltonnen herum.

Am Ortseingang von St. Ulrich steht das Schild „Katholischer Gottesdienst: Sonntag 9 Uhr 30“. Ich bin da tatsächlich am dritten Tag hin. Ich dachte, wenn Ammoser am Freitag in Mannheim der Prozess gemacht wird, vielleicht geht er dann vorher noch mal zur Messe?

Es war meine erster katholischer Gottesdienst. Die Orgel ertönte, der Pfarrer sprach von unserer „Sündenschuld“. Ich guckte vorsichtig, ob hier die Frau mit der Mistgabel war und ob mich jemand so anguckte, als hätte er mich an der Einfahrt zum Grasshübelhof gesehen. Ein Messdiener-Mädchen lächelte mir zu, das hatte ich auf dem Heinehof gesehen, aber der Pfarrer hörte überhaupt nicht mehr auf mit der „Sündenschuld“, kein Reflex auf das, was mit den Ortschaften St. Ulrich und Geiersnest in den letzten Tagen geschehen war, immer nur „Sündenschuld“, mir wurde schon ganz schlecht, ich lasse mich lieber in Mannheim ohrfeigen als einen Vormittag Katholizismus in St. Ulrich/Geiersnest, der ahnte doch irgendwas mit dem Kruzifix. Die Gemeinde lag bereits geschlossen mit den Knien auf diesen Gebetsbrettern, nur ich guckte verstohlen nach rechts, nach links, ob irgendjemand hier aussieht wie Fredi Bobic, bis ich plötzlich einen dicken Finger in meinen Rippen spürte. „Auf die Knie!“ Man glaubt es nicht. Der Mann mit dem Birchiberg aus dem Rössle! „Hinknien!“

Ja, ich kniete. Und nun reicht’s.

Nach dem Amen war ich bereits fünf Minuten später mit Vollgas durch Aubach in Richtung Berlin. Ammoser, das bleibt nachzutragen, war definitiv nicht in der Messe. Er steckte dem Vernehmen nach zu diesem Zeitpunkt in Dreharbeiten. Die Ohrfeige von Mannheim wurde im Bruno-Schmitz-Saal für RTL nachgestellt, am Originalschauplatz. Dann flog er wieder nach Hamburg, zum „Stern“.

Ich werde in Bälde ein Interview veröffentlichen mit dem Schaf aus Geiersnest. Sonst habe ich ja nix.

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