Unter  HEIMWERKERN : „Ich baue mir ein Bett“

Protokoll: Michael Schneider
Foto: Michael Schneider
Foto: Michael Schneider

YOANN PISTERMANN

kauft

4 Holzbretter für 10 Euro

Ich brauche dringend ein Bett. In den vergangenen Wochen war ich in mehreren Möbelgeschäften und habe geschaut, was es so gibt. Wissen Sie eigentlich, wie viel ein gutes Bett kostet? Mindestens 700 Euro! Das Geld würde ich möglicherweise sogar investieren – wenn ich mir sicher wäre, dass ich die nächsten zehn Jahre hier in Berlin bleibe. Das jedoch ist sehr unwahrscheinlich. Als freischaffender Künstler bin ich sehr viel unterwegs, oft auch spontan. Es ist durchaus möglich, dass ich in einem Jahr ganz woanders lebe. Und wenn ich wieder umziehe, habe ich keine Lust, ein großes, teures Bett zu transportieren. Deshalb habe ich mich entschlossen, lieber eins selbst zu bauen. Im Falle eines Umzugs kann ich das auch in seine Einzelteile zerlegen und das Material für meine Kunst recyclen.

Die Maße des Rahmens orientieren sich an der Matratze, die ich gekauft habe. Er wird 2 Meter lang und 1,60 Meter breit. Aus den Brettern, die ich gerade gekauft habe, baue ich eine Art Halterung, auf der der Lattenrost an Kopf- und Fußende aufliegt. An das Material habe ich keine besonderen Ansprüche. Deshalb habe ich das günstigste Holz gekauft, das zu bekommen war: Tanne. Wenn ich alles, was ich brauche, beisammen habe, werde ich nicht mehr als einen halben Tag zum Bauen brauchen. Wie gesagt, meine Ansprüche sind nicht besonders hoch.

Da ich als Künstler vor allem mit Skulpturen und Installationen arbeite, bin ich mit den meisten Materialien bestens vertraut. Ich liebe es, mit meinen Händen zu arbeiten. Diese Leidenschaft habe ich durch meinen Vater entdeckt, der ein begeisterter Bastler ist. In meiner Kindheit haben wir uns oft stundenlang in die Garage verkrochen, um Fensterrahmen, Tische oder Stühle zu bauen. Ich habe das geliebt. Auch, weil ich damit vor meinem älteren Bruder angeben konnte, der zwei linke Hände hat. Am meisten hat mich damals das Arbeiten mit Gips fasziniert, weil es ein Material ist, das mir gestalterisch fast keine Grenzen setzte und meine Fantasie beflügelte. Diesen Einklang von Handwerk und Fantasie liebe ich an meinem Beruf.

Aber jede Medaille hat natürlich zwei Seiten. So schön es ist, sich handwerklich und gestalterisch zu verwirklichen – es entstehen Unmengen Dreck. Ich glaube, ich verbringe genauso viel Zeit mit dem Putzen meines Ateliers wie mit meiner künstlerischen Arbeit. Wenn Sie mich also fragen würden, was einen guten Künstler – oder auch Heimwerker – auszeichnet, dann würde ich antworten: Ein guter Künstler ist einer, der immer putzt. Protokoll: Michael Schneider

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben