Unter  HEIMWERKERN : „In Irland gibt es nichts zu bauen“

Protokoll: Leonie Langer
Foto: Leonie Langer
Foto: Leonie Langer

EAMON COTTER, 40

kauft

2 Päckchen Nägel

für 4,20 Euro

Ich helfe einem Freund dabei, seine Wohnung zu renovieren. Gerade war ich damit beschäftigt, die Fußleisten im Flur zu befestigen, da sind mir die Nägel ausgegangen. Die Wohnung ist fast fertig, die gröbste Arbeit haben wir hinter uns. Ich habe den Trockenbau gemacht, also die Wände verspachtelt und verputzt, Laminat gelegt und das Bad gefliest. Mit den Fußleisten werde ich heute fertig, dann fehlen nur noch ein paar Kleinigkeiten. Offen ist zum Beispiel noch die Frage, in welche Richtung sich die Tür öffnen soll.

Ich komme aus Dublin, seit zwei Jahren lebe ich in Berlin. Ich habe Tischler gelernt und 14 Jahre in Irland gearbeitet, aber seit der Krise gibt es da keine Jobs mehr. Nur einer meiner fünf Brüder ist in Irland geblieben, alle anderen sind weggegangen. In Dublin habe ich nicht nur getischlert, sondern auch als Barmann gearbeitet, ich habe mich um den Rasen auf einem Golfplatz gekümmert, und nebenbei habe ich noch tausend andere Sachen gemacht.

Ich komme aus einer Handwerkerfamilie: Schon mein Großvater war Tischler, mein Vater hat ständig gewerkelt, mein Zwillingsbruder ist Tischler, ein Bruder ist Elektriker, ein anderer Möbelschreiner. Vor ein paar Jahren haben wir alle zusammen das Haus unserer Mutter neu gemacht, sie hat eine neue Küche und einen richtigen Garten mit Rasen und Blumenbeeten bekommen. Vorher sah er aus wie ein Urwald.

Einer meiner Brüder hat hier in der Nähe ein Haus gekauft, er wohnt schon seit 18 Jahren in Berlin. Das Haus haben wir selbst in Schuss gebracht, das ist günstiger. Jetzt lebt er dort mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen.

Seit ich in Berlin bin, mache ich Maler- und Tischlerarbeiten, alles, was so anfällt. Manchmal ist das etwas schwierig: In Deutschland braucht man für alles ein Zeugnis. In Irland gibt’s so was nicht, da habe ich höchstens mal einen Wisch bekommen: „Eamon hat so und so viele Jahre bei uns gearbeitet.“

Im August fahre ich aber mal wieder hin, meine beiden Schwestern erwarten Kinder. Wenn ich zurück bin, möchte ich noch einen Deutschkurs machen, der letzte fand nur einmal die Woche statt, das war mir nicht intensiv genug.

Ich habe keine Frau und keine Kinder, ich bin frei und kann tun und lassen, was ich will. Das mag ich auch so an Berlin: Hier kümmert es niemanden, was du tust oder wie du aussiehst, man wird nicht so schnell verurteilt, alle sind locker, offen. Das ist in Irland anders.Protokoll: Leonie Langer

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