Unter  HEIMWERKERN : „Meine Frau braucht ein Regal“

Protokoll: Steffen Seibel
Foto: Steffen Seibel
Foto: Steffen Seibel

BASTIAN KALETTA, 27

kauft

3 Bretter Fichtenholz

200 Teilgewindeschrauben

für insgesamt 32,20 Euro

Eigentlich hatte ich heute nicht vor, in den Baumarkt zu fahren. Dann bekam meine Frau einen Wutanfall. Die Ordner und Kunstwälzer, die sie zum Arbeiten braucht, liegen auf dem Boden und in Kisten herum. Sie betreut angehende Kunststudenten aus dem Ausland am Computer per Skype und muss immer alles griffbereit haben. Heute wurde ihr die Unordnung zu viel. Ich baue ihr jetzt ein Regal.

Die drei Bretter habe ich mir gleich auf das richtige Maß zuschneiden lassen. Das ist kostenlos und erspart das mühevolle und ungenaue Sägen mit der Handstichsäge. Mit 30 Zentimetern werden die Fächer recht tief sein, weil Ordner und die Kunstbücher hineinpassen müssen. Das Regal wird nur einen Meter hoch sein, damit es unter das halbhohe Bett passt. So etwas findet man nicht genormt, man muss es bauen. Ich mache vieles selbst, das habe ich wohl von meinem Vater und von meinem Opa.

Erst schleife ich die Bretter ab, mit 80er-Schmirgelpapier und von Hand, weil ich keine Maschine habe. Dann muss ich das Holz vorlackieren und wieder abschleifen, drei Mal, bis es schön glatt ist. Im Anschluss wird rote und danach braune Lasur aufgetragen. Die wird am Ende etwas abgeschmirgelt, dadurch entsteht ein Vintage-Look.

Holz ist ein großartiges Material: warm und lebendig. Beruflich habe ich gewissermaßen auch mit Holz zu tun. Eigentlich schreibe ich Filmmusiken, aber gerade lerne ich intensiv Kontrabass – ein großes Holzgerät.

Für das Zusammenbauen werde ich nur eine Viertelstunde brauchen. Ich leime die Bretter nicht zusammen, sondern verschraube sie. Auf jeder Seite kommen drei Schrauben rein. Wenn man sie löst, kann man alles wieder auseinanderbauen und wegpacken. Ein ultrasimples Ding.

Ich glaube, viele Menschen kaufen lieber fertige Möbel, weil ihnen schlicht das Werkzeug fehlt. Ich habe mir ein gutes Set zugelegt, mit anständiger Bohrmaschine und Säge. Andauernd wollen sich Freunde bei mir Werkzeug leihen.

Ich gehe auch mal zu Ikea, aber ungern. Mich nerven die Leute und die Musik. Das gilt auch für den Baumarkt.

Über eine Stunde habe ich hier verbracht, besonders lange hat das Zuschneiden gedauert. Aber das ist es mir wert: Die Wohnung ist mein persönlicher Raum, in den ich mich zurückziehen kann, zum Leben und zum Arbeiten. Da muss ich mich wohlfühlen. Meine Frau und ich entwickeln uns ständig weiter, also muss sich auch unser Raum weiterentwickeln. Protokoll: Steffen Seibel

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