Unter Heimwerkern : René Siebel kauft sich eine Silikontülle

Unser Tester hat seine Wohnung in Kreuzberg lange genug vernachlässigt - mit der Silikontülle soll alles besser werden

Jemima Gnacke
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Besuch im Baumarkt. René Siebel mit der Silikontülle. -Foto: Jemima Gnacke

Es ist das erste Mal seit zwei Jahren, dass ich mich in einen Baumarkt begebe. Ich würde mich absolut nicht als Heimwerker bezeichnen, aber ich habe meine Wohnung in Kreuzberg jetzt schon eine Weile vernachlässigt – und so lange mit Reparaturen gewartet, bis es nicht mehr ging. Jetzt habe ich mich endlich aufgerafft und mir für einige undichte Stellen im Bad Silikon gekauft. Da die Dusche auch zu den älteren Semestern gehört und es an allen Ecken und Enden aus dem Schlauch tropft, musste ein neuer Duschkopf her. Hier bin ich: völlig verloren zwischen Holz, Fliesen und unzähligen Kunststoffklobrillen.

Aber ich bin überrascht, wie freundlich und zuvorkommend das Baumarkt-Personal zu den Kunden ist. Wenn ich hier den ganzen Tag stehen müsste, wäre ich übellauniger. Die Leute sind hier wahre Spezialisten, im Gegensatz zu mir. Obwohl ich keine Ahnung habe, traue ich mir zu, den Duschkopf anzumontieren und das Silikon in die Fugen zu spritzen. Tipps vom Fachmann sind allerdings nie zu verachten.

Ich habe meine Wohnung deshalb so lange verwaisen lassen, weil ich für ein Jahr in Madrid gelebt habe, um mein verlängertes Erasmus-Stipendium dort zu verbringen. Seit drei Jahren studiere ich auf meinen Bachelor in Kunstgeschichte und Kulturanthropologie an der FU Berlin, und ich bin mehr als zufrieden, weil ich später einmal als Galerist oder Kunsthändler arbeiten will.

Ich interessiere mich sehr für iberische Künstler und habe eine große Affinität zu Spanien, vor allem Barcelona! Das Land, die Sprache und die Menschen sind toll, am meisten reizen mich die lockere Lebensweise und das mediterrane Lebensgefühl. Davon könnten sich die manchmal griesgrämigen Deutschen ruhig eine Scheibe abschneiden. Zwischendurch eine Siesta machen und nicht immer alles so genau nehmen. Dazu müsste es hier jedoch auch ein wenig wärmer sein. Wenn wie bei dieser klirrenden Kälte sogar die Knochen einfrieren, ist einem nicht besonders locker zumute.

Aber Berlin ist der perfekte Kompromiss. Sogar wenn man lange weg war und zurückkehrt, verhält die Stadt sich wie ein alter Freund. Alles ist so, als sei man nie weg gewesen. Das gefällt mir. Also, ich werde mich meiner kleinen Wohnung gegenüber nun endlich auch wie ein alter Freund verhalten und sie etwas aufmöbeln, wo es ihr doch so lange schlecht ging. Und sie hat mir trotzdem stets die Treue gehalten, vielleicht sollte ich ihr dafür eine Schachtel Pralinen kaufen. Protokoll: Jemima Gnacke

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