Unter  HEIMWERKERN : „Schimmel putzen für den Mieter“

Protokoll: Silke Weber
Foto: Silke Weber
Foto: Silke Weber

STEFAN KNÜTEL, 39

kauft

1 HT-Rohr mit Steckmuffe

1 Lochblech

Sanitärsilikon & Lack

für insgesamt 78,50 Euro

Nächste Woche sind erst einmal nur Spaghetti angesagt, so viel Geld habe ich im Baumarkt gelassen. Spaghetti mit Lack und Silikon. Ich habe alles gekauft, was das Heimwerkerherz begehrt: ein Abwasserrohr und ein Lochblech zum Beispiel. Die Sachen brauche ich für meine Zweitwohnung in Neukölln.

Eigentlich komme ich aus Norddeutschland. In Berlin habe ich drei Jahre gelebt, als ich mein Referendariat als Lehrer gemacht habe, danach musste ich berufsbedingt wegziehen. Die Wohnung habe ich im Mai dieses Jahres gekauft – und den Mieter quasi dazu. Der hat sich jetzt über das Bad beschwert, da müsse mal was gemacht werden. Er hat ja recht. Das Abflussrohr war nicht in Ordnung, dann hat es im Bad geschimmelt, ein paar Kleinigkeiten kamen noch dazu. Das mache ich jetzt alles in einem Abwasch.

Das Bad ist zehn Quadratmeter groß. Ich muss ein Abwasserrohr verlegen, verputzen, streichen, verfugen, kacheln und Tür und Fußleisten lackieren. Das Lochblech kommt unter die Badewanne, damit sich das Kondenswasser verflüchtigen kann und kein Schimmel entsteht. Die Bauarbeiten in der Wohnung werden etwa zwei Tage dauern. Das mache ich übers Wochenende, dann geht es zurück nach Hause.

Ich wohne mit meiner Frau und meinen zwei Kindern in Hüll bei Stade, das ist auf dem platten Damm mitten im Moor. Wir haben dort ein altes Bauernhaus, 200 Quadratmeter, das saniere ich gerade. Ich habe schon Elektroleitungen verlegt, Wände gemauert und Fenster eingebaut. Das war ein Abrisshaus, als wir es gekauft haben. Nach und nach eignet man sich die handwerklichen Dinge selbst an, da bin einfach ins kalte Wasser gesprungen. Manchmal geraten die Sachen ein bisschen krumm und schief, aber dafür leben sie, und es ist Herzblut dabei. Man kann sie so gestalten, wie man will. Hätte ich die Arbeiten bei einer Firma bestellt, könnte ich mir das gar nicht leisten.

Solange man es noch bezahlen kann, wollte ich mir eine Wohnung in Berlin sichern. Noch müssen wir sie vermieten, aber irgendwann soll das unser Alterswohnsitz sein. Außerdem sollen meine Kinder die Großstadt kennenlernen, damit sie nicht auf dem Land versauern und auch andere Lebensentwürfe verstehen. Die finden Berlin spannend, bestaunen alles mit großen Augen. Ungefähr alle zwei Monate kommen wir hierher, um Freunde zu besuchen – und weil die Stadt einfach toll ist. Protokoll: Silke Weber

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