Zeitung Heute : Unter vielen Guten der Bessere sein

Durchstarten 2003 – Teil III: Wie man sich von der Masse abhebt – Arbeitgeber schätzen smarte Bewerber, die auch die Standards beherrschen

Katja Winckler

In der Zeitungannonce stand lediglich, dass „Mitarbeiter für den kaufmännischen Bereich“ gesucht werden. Von der Resonanz wurde die Troisdorfer HT Troplast AG regelrecht überwältigt: 1400 schriftliche Bewerbungen gingen auf das Angebot ein, bei der Berliner Tochtergesellschaft KBE Profisysteme GmbH in der Disposition, in der Buchhaltung und im Personalwesen zu arbeiten.

Die Erfahrung des nordrhein-westfälischen Kunststoffverarbeiters ist kein Einzelfall. Nahezu alle Unternehmen können sich vor Bewerbungen in DIN-A-4-Umschlägen und als E-Mail, vor telefonischen Anfragen und Überraschungsbesuchen kaum noch retten. Doch wenn eingestellt wird, geht es um Fluktuationsersatz oder, wie bei KBE Profilsysteme, um Standortverlagerung. Klaus W. Zimmermann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, befürchtet noch Schlimmeres. „Es legt sich ein lähmender Nebel über das Land. Wir könnten vor einer längeren Phase der Stagnation stehen.“

Das Verkehrteste wäre jetzt, zu resignieren und die Hände in den Schoß zu legen. Das können sich ohnehin nur die wenigsten leisten – und die meisten wollen es auch gar nicht. Der Run auf gute Jobs ist größer als jemals zuvor. Bettina Hörmann vom Münchner Fernsehsender Pro Sieben erhält monatlich rund 2000 schriftliche Bewerbungen und telefonische Anfragen. Dem Berliner Ensemble wird regelrecht die Tür eingerannt. Als eine Pressesprecherin gesucht wurde, gingen die Bewerbungen waschkörbeweise ein. Auch die Deutsche Bahn kann die Bewerbungsflut kaum noch bewältigen. „Wirtschaftswissenschaftler und Informatiker interessieren sich momentan für unser Unternehmen“, sagt Sprecherin Stella Pechmann. Bei Siemens ist der Andrang besonders bei IT-Offerten gestiegen, sagt Hans-Christoph Kürn vom Recruiting Support Center.

Doch nur ein Bruchteil der Kandidaten ist für die Unternehmen interessant. Die Kunst besteht darin, in den auserwählten Kreis derjenigen zu kommen, die zu einem Gespräch mit dem Personalentscheider eingeladen werden. Dabei wird der Unterschied zwischen demjenigen, der sich als angestellter Mitarbeiter bewirbt und einem Freiberufler oder Selbstständigen, der sich um ein Projekt bemüht, immer kleiner. Das Ziel ist in jedem Fall identisch: Sich ins richtige Bild zu setzen. Punkten kann heute nur noch jemand, der eine tiptop gestaltete Bewerbung vorlegt. Bettina Hörmann etwa möchte schon im Anschreiben Kreativität spüren: „Die ersten Sekunden beim Lesen zählen. Mit einer peppigen Bewerbung, einem aktuellen Foto, Arbeitsproben und einer klaren Aussage, warum man bei uns arbeiten möchte, kann man sich von der Masse abheben.“ Auch beim Musikkonzern Universal sind kreative, ungewöhnliche Bewerbungen gerne gesehen – allerdings nur, wenn die formalen Kriterien stimmen. Lücken im Lebenslauf werden zunehmend akzeptiert, genauso ein Berufswechsel. Beim Berliner Ensemble kann man sogar mit einer schrägen Biografie glänzen. „Es gibt Theaterleute, die früher Quantenphysiker waren“, sagt BE-Sprecherin Gaby Hofmann. Gern gesehen sind bei ihr Initiativbewerbungen, „denn manchmal ist man aufgrund von Fluktuation zur richtigen Zeit am richtigen Ort“. Siemens sieht es genauso. Wird eine Stelle frei, wird zunächst intern gefahndet und dann bei den Initiativbewerbungen geschaut. Ein Signal für Bewerber, sich auch auf gut Glück zu bewerben. Das zeigt Engagement, Selbstbewusstsein und Köpfchen. Fotos: Wolff, Figuren: Neudahm

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