Unter Wölfen : Ein Pastor in der Türkei

Seit April 2007 lebt Wolfgang Häde, Pastor in der Türkei, mit Polizeischutz. Damals wurden in Malatya vier Christen bestialisch ermordet – er sollte der Nächste sein.

Türkei
Halbmond und Kreuz: In der Türkei leben rund 72 Millionen Muslime und kaum mehr als 2500 Protestanten.Foto: dpa

Mittags gehen der Pastor von Izmit und sein Leibwächter gerne in eine Garküche. Über Fleischbällchen und Gemüse spricht Wolfgang Häde ein kurzes Gebet, mit Rücksicht auf seinen Tischgenossen auf Türkisch. Seit acht Monaten leben der Protestant und der Polizist so zusammen. Seit im April in Malatya drei protestantische Christen ermordet wurden und sich herausstellte, dass Wolfgang Häde, 49 Jahre alt, das nächste Opfer sein sollte. Seitdem wird er vom türkischen Staat geschützt – vor allem, solange die Mörder noch vor Gericht stehen. Am Montag ist der zweite Verhandlungstag.

Der Rückweg zur Kirche führt Häde und seinen Hirten durch die engen Gassen des Cukurbag-Stadtviertels, wo Händler auf Karren Fische und fettiges Gebäck feilbieten. In einem Laden für Mekkapilgerbedarf kopiert der Pastor manchmal Unterlagen für den Bibelunterricht. Aus einem Friseurladen tritt der Barbier heraus, um die beiden Männer mit Handschlag zu begrüßen.

Der Barbier ist ein guter Nachbar. Aber nicht alle hier gehen so entspannt mit dem Pastor und seiner protestantischen Kirche um, der einzigen in der 200 000-Einwohner-Stadt am Marmara-Meer. Vor dem Fenster des zweistöckigen Gemeindehäuschens ist ein Drahtgitter gespannt, es soll vor Molotowcocktails schützen. „Izmit Protestan Kilise“ – Protestantische Kirche Izmit – steht über dem Eingang. Seit den Morden von Malatya hängt dort auch eine Kamera.

Es ist ein Dilemma, das sagt auch Pastor Häde. Seit dem Massaker von Malatya ist seine winzige Gemeinde geschrumpft. Von den 20 bis 30 Leuten, die sich vorher regelmäßig zum sonntäglichen Gottesdienst einfanden, zur Gebetsstunde am Freitag oder zum Bibelkreis am Mittwoch, sind etliche weggeblieben. Für neue Interessenten ist die Hemmschwelle noch höher geworden. Ob sie sich mehr vor ultranationalistischen Mörderbanden fürchten, vor den Nachbarn oder vor dem Staat, das ist schwer zu sagen. Vom traumatischen Zerfall des Osmanischen Reiches ist in weiten Teilen der türkischen Gesellschaft bis heute die Vorstellung geblieben, dass es sich bei den Christen um die Agenten eines feindlichen Auslands handele, die die Türkei zerstören wollen.

„Der Abfall vom Islam gilt noch immer als Schande, als Verrat“, sagt Wolfgang Häde. Türkische Moslems, die sich ernsthaft für das Christentum interessieren, wollen das oft sogar vor dem Ehepartner geheim halten. Entsprechend diskret und zurückhaltend ist Hädes Stil. „Wenn ich jemanden kennenlerne, lade ich ihn natürlich in die Kirche ein“, sagt er. „Aber von Tür zu Tür gehen, das mache ich hier nicht.“

Seit zehn Jahren gibt es die kleine Gemeinde in Izmit nun. Ihre Kosten bestreitet sie aus der Kollekte, den Lebensunterhalt des Pastors finanziert Hädes Heimatgemeinde in Hessen. Er hat diesen Ort lange gesucht. Er hat Theologie studiert und in der christlichen Drogen-Reha gearbeitet, aber das war nicht das Wahre. „Gott, gib mir eine Lebensaufgabe“, betete er. Irgendwann unternahm er eine Türkeireise. Er besuchte auch eine Missionarsfamilie. Er sagt, dass Gott ihn so geführt habe.

Im Gemeindehaus schaltet Wolfgang Häde den Monitor ein, der die Bilder der Sicherheitskamera zeigt. Der Polizist wacht im Foyer. Hädes Frau Janet kommt vorbei. Sie ist tief gläubig, hat über eine geschenkte Bibel zum Protestantismus gefunden. Den Glauben braucht sie in diesen Tagen mehr denn je: Ihre Schwester Semse ist die Witwe von Necati Aydin, dem protestantischen Pastor von Malatya, der im April ermordet wurde.

Wolfgang Häde hat seine Frau in Izmir kennengelernt, der quirligen Großstadt an der Küste, natürlich in der protestantischen Kirche. Und auch ihre Schwester traf ihren zukünftigen Ehemann dort, Necati Aydin, der vom Islam zum Christentum übergetreten war. Im Gemeindehaus von Izmit hängt ein Bild von Aydin im Foyer. „Mein Name ist im Himmel aufgeschrieben“, steht darunter, in Anlehnung an das Lukas-Evangelium. Im Januar waren die Hädes noch zu Besuch in Malatya. Die beiden Familien standen sich sehr nahe.

Seit dem 18. April ist das alles vorbei. Wolfgang Häde war für eine Besorgung nach Istanbul gefahren und bestieg gerade den Überlandbus für die Rückfahrt, als der erste Anruf kam: In Malatya habe es einen Überfall auf die christliche Gemeinde gegeben, berichtete ein Bekannter, der Eilmeldungen im Fernsehen gesehen hatte. Auch seine Schwägerin Semse in Malatya wusste nur, was im Fernsehen gemeldet wurde, als Häde sie anrief; zu Necati bekam er keine Verbindung. Die ganze Busfahrt über klingelte Hädes Handy fast ununterbrochen, während sich die Nachrichten überschlugen. Necati sei tot, er sei in Sicherheit, er sei gar nicht da gewesen, als die Mörder kamen. Bis der Bus in Izmit einfuhr, war es gewiss: Necati Aydin war tot, zusammen mit zwei anderen Gemeindemitgliedern ermordet von fanatischen Nationalisten.

Auf dem Bildschirm vor Häde geraten die Schatten in Bewegung. Der Pastor lehnt sich vor – ein später Besucher. Mindestens ein halbes Dutzend Angriffe auf die Kirche hat es in den vergangenen drei Jahren gegeben. Eines Morgens im Mai 2005 hat Häde ein blutrotes Hakenkreuz auf seiner Wohnungstür gefunden; im Drohbrief stand, man gebe ihm einen Monat, um die Türkei zu verlassen.

Aber nichts davon hatte die Christen von Izmit und anderswo in der Türkei auf das Grauen von Malatya vorbereiten können. Die fünf Täter – Studenten, 19 und 20 Jahre alt – hatten Interesse am Christentum bekundet. Bei einem Bibelkreisgespräch zogen sie plötzlich ihre Messer. Stundenlang dauerte das Martyrium von Necati Aydin, dem türkischen Christen Ugur Yüksel und dem deutschen Gemeindemitglied Tilman Geske, bis die Mörder ihnen schließlich die Kehlen durchschnitten.

An die Stunden und Tage danach erinnert sich Häde wie an einen Alptraum. Die hastige Reise nach Malatya, die Anklage gegen Staat und Gesellschaft, die der Vorsitzende der protestantischen Gemeinden in der Türkei dort vor den Fernsehkameras vortrug, das Ringen mit einem Bruder von Necati, der Semse unter Druck setzte, ihren Mann nach moslemischem Ritus zu beerdigen. Und schließlich: der Anruf von der Polizei. Der Pastor in Izmit, so hatten die Täter von Malatya im Verhör gesagt, wäre der nächste auf ihrer Liste gewesen. Mit seiner Ermordung hätten sie das Missionarswesen in der Türkei beenden wollen.

Warum die Täter ausgerechnet ihn für den obersten Missionar hielten, versteht Wolfgang Häde bis heute nicht. Schließlich sind in der Türkei mehrere hundert Evangelisten im Einsatz – die meisten aus Amerika und Südkorea entsandt, einige auch von deutschen Freikirchen. Erfolg haben sie alle nicht: Landesweit gibt es kaum mehr als 2500 Protestanten.

Trotzdem beschwören Nationalisten bis hinauf ins Parlament die Gefahr für die Nation, die von den Missionaren ausgehe. Landauf, landab tagen Konferenzen zum Thema. Bei Arbeitsgenehmigungen für Ausländer prüfen die Behörden routinemäßig, ob es sich um „Missionare, Spione oder Prostituierte“ handelt. Und auf der Straße handeln die aufgewiegelten Jugendlichen entsprechend: In Izmir hat erst letzten Monat ein 19-Jähriger einem Kapuzinermönch ein Messer in den Bauch gerammt. Erst im Juli hat die Polizei wieder eine Bande geschnappt, die ein Attentat auf Wolfgang Häde vorbereitet haben soll.

Häde sagt, dass er dankbar sei für den Schutz. Trotzdem hat er sich „eindeutigere Gesten der Regierung erhofft“. „Es hätte deutlich gesagt werden müssen, dass nach türkischem Gesetz jeder das Recht hat, seinen Glauben zu verbreiten, und dass akzeptiert werden muss, wenn ein Muslim Christ wird.“

Seit der Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder begonnen hat, ist sein Vertrauen weiter erschüttert worden. Die Staatsanwaltschaft hatte bei ihren Ermittlungen nur die nötigsten Fakten über die Täter zusammengestellt, dafür aber 16 Ordner über die missionarischen Aktivitäten der Opfer gefüllt – als läge da das eigentliche Verbrechen. Geflissentlich übersehen hatte sie, dass die Mörder von Malatya vor der Tat engen Kontakt zu hochrangigen Vertretern von Polizei und Justiz hatten – und dass entscheidende Dokumente verschwunden sind.

Die Angst kann auch sein Leibwächter nicht völlig vertreiben, sagt der deutsche Pastor, draußen wird es dunkel. „Ich bin nicht besonders heldenhaft.“ Izmit zu verlassen komme trotzdem nicht in Frage: Wenn er Gemeindemitglieder ermutige, zu Jesus Christus zu stehen, „dann kann ich als Pastor nicht einfach abhauen“.

Draußen im Cukurbag-Viertel ist es still geworden. Häde schultert seine Aktentasche und dreht den Gashahn im Gemeindehaus ab. Der Leibwächter blickt prüfend in die Dunkelheit.

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