Zeitung Heute : Unter Zugzwang

Weniger Service, weniger Gemütlichkeit – und dann ist auch noch das neue Preissystem für viele zu kompliziert. Die Bahn verliert Kunden. Ihr Chef Hartmut Mehdorn ist trotzdem optimistisch und verschiebt Änderungen in die Zukunft. Aber jetzt streiken die Lokführer, und alles steht still.

Klaus Kurpjuweit

WOHIN FÄHRT DIE BAHN?

Fährt Bahnchef Hartmut Mehdorn auf dem richtigen Gleis? Der Sprecher der Gewerkschaft Transnet, Michael Klein, hat da seine Zweifel. Es sei zum Beispiel völlig falsch, am Kundendienst zu sparen. Allein bei der telefonischen Auskunft wolle die Bahn 700 Stellen streichen, 1800 sollen es nach Kleins Angaben in den Reisezentren sein. 300 Verkaufsstellen sollen geschlossen werden. „Und das bei steigendem Beratungsbedarf der Kunden“, klagt Klein. Reisebüros sind für viele Fahrgäste keine Alternative. Wer sich dort nur beraten lassen will, muss nämlich meist zahlen.

Die Forderung nach einer Lohnerhöhung um fünf Prozent und der sofortigen Angleichung der Ostgehälter an das Westniveau verteidigt Klein auch angesichts der roten Zahlen, die die Bilanz der Bahn verhageln. Seit der Bahnreform von 1994 seien 150000 Arbeitsplätze weggefallen, gleichzeitig habe sich die Produktivität der Mitarbeiter um 180 Prozent erhöht. Und beim Umsatz peile die Bahn in diesem Jahr ein Plus von sechs Prozent an. Im Moment ist sie davon aber weit entfernt. Die Einnahmen sind in diesem Jahr zurückgegangen, in den Zügen sitzen weniger Fahrgäste als erhofft.

Noch macht sich Mehdorn aber selbst Mut. Die Probleme seien nicht hausgemacht, sondern auf externe Faktoren zurückzuführen: das schlechte Wetter (das früher der Bahn zusätzliche Fahrgäste beschert hat), die schlechte Konjunktur und pannenanfällige Fahrzeuge, die die Industrie geliefert hat. Sind also nur die anderen schuld? Verlassen können sich die Kunden auf die Bahn nämlich auch ohne Streik nur noch eingeschränkt. Während die Protestaktionen, wie am Mittwoch in Norddeutschland und am heutigen Donnerstagmorgen flächendeckend in der gesamten Bundesrepublik und dem zusätzlichen Schwerpunkt in Berlin, von den Gewerkschaften vorher angekündigt werden, wurden Fahrgäste gerade auf der prestigeträchtigen Neubaustrecke von Frankfurt am Main nach Köln seit der Inbetriebnahme am 15. Dezember von Ausfällen der modernsten ICE-Einheiten überrascht.

Umstritten ist auch das Servicekonzept Mehdorns in den Zügen. Er hat den Speisewagen, auch Bord-Restaurant genannt, durch Bedienung am Platz ersetzt. Zu teuer und zu wenig genutzt sei der Speisewagen gewesen. Für die Fahrgäste war es dort aber gemütlich, sofern sie in den besetzten Servicewagen einen Tisch ergattern konnten und der Kellner sie nicht gleich nach Verzehr der Getränke oder Speisen bat, für andere Platz zu machen.

Jetzt essen sie auf ihren Plätzen vor den Nasen ihrer Mitreisenden. Mit Gemütlichkeit hat das nichts zu tun, schon die Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt. Denn die Bahn hat den Sitzabstand in den neuen ICE-Zügen verringern lassen, kaum dass sie auf den Schienen standen. So will man die Kapazität erhöhen, ohne weitere teure Züge einsetzen zu müssen. Bahnfahren wird damit so „bequem“ wie Fliegen, wo die engen Sitzreihen sogar Thrombosen verursachen können.

Doch die Bahn versteht sich ja als „Flugzeug auf Schienen“. Auch ihr neues Preissystem orientiert sich am Vorbild der Fluggesellschaften. Trotz aller Kritik und sinkenden Fahrgastzahlen will Mehdorn frühestens in einem Jahr über Änderungen nachdenken. Die Bahn weiß aber heute schon, dass das neue Preissystem, das billige Fahrten zwar möglich macht, aber Einschränkungen bei der Nutzung erzeugt, keine Rolle beim Fahrgastrückgang gespielt habe.

Auch im Güterverkehr ist die Strategie der Bahn umstritten. Zahlreiche Gleisanschlüsse wurden stillgelegt, Güterverkehrsstellen geschlossen. In die Bresche gesprungen sind hier Konkurrenten der Bahn, die die Einzelwagen nun zu den Kunden bringen – sofern sie noch als solche vorhanden und daran interessiert sind. Private haben es aber schwer, ein freies Gleis zu finden. Noch verwaltet die Bahn auch das Netz. Einen Kleinkrieg vor Gericht liefert sich Mehdorn mit dem Konkurrenten Connex, der sich als Erster im Fernverkehr engagiert hat. Weil die Bahn diese – wenigen – Verbindungen nicht in ihr Kursbuch aufnahm, muss sie den Hinweis, der Band enthalte „alle“ Bahnverbindungen, entfernen. Auch im Regionalverkehr, wo es feste Zuschüsse der Länder gibt, verliert die Bahn an Boden. Private bieten die Fahrten günstiger an, weil sie ihren Beschäftigten weniger zahlen als die Bahn. Um konkurrenzfähig zu werden, will auch die Bahn zu anderen Tarifabschlüssen kommen. Der Weg zu einer Einigung mit den Gewerkschaften kann noch lang sein – weitere Streiks eingeschlossen. Foto: ullstein/phalanx

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