Zeitung Heute : Unterhaltungsfressen

BERND GUGGENBERGER

VON BERND GUGGENBERGERWenn von den neuen Dimensionen der Netzdemokratie die Rede ist, vom Aufbruch zu neuen Ufern der Interaktivität, von egalitären Bildungschancen und ähnlichem mehr, dann drängt sich der Vergleich mit der älteren "Broadcastingdebatte" auf, einer Kontroverse aus den Anfangstagen des Rundfunkzeitalters, bei der von interessierter Seite die nämlichen vollmundigen Verheißungen ins Spiel gebracht wurden, wie wir sie nun im Zusammenhang mit dem Internet und den Möglichkeiten des interaktiven Fernsehens wieder hören können.Es fällt schwer, den wohlfeilen Beschwichtigungen und Frohbotschaften (Demokratie, Bildung, Interaktivität) zu trauen, zu deutlich laufen diese Versprechen der ökonomischen Erkenntnis zuwider.Statt der verheißenen Vielfalt macht sich millionenfach geklonte Einfalt breit, die homogenisierende und trivialisierende Wirkung der Medien ist viel wahrscheinlicher als der Aufbruch zu neuen Ufern der kulturellen Vielfalt und der authentischen Persönlichkeit.Was sich abzeichnet ist ein gigantischer neumedialer Totalausverkauf, eine mit aller Raffinesse und Brutalität geführte Veräußerungsschlacht, wie wir sie ja bereits vom Rundfunk und Fernsehen her kennen.Beide Medien sind sozial und wirkungspsychologisch gewissermaßen "tot", sie offerieren, was ohnehin alle bis zum Überdruß haben und kennen.Die Medien elektrisieren keinen mehr, sie wecken keine Erwartungen mehr, transportieren auf längere Sicht keine unserer Visionen und Sehnsüchte mehr; ja "mit ihnen läßt sich wohl - auf Dauer - nicht einmal mehr richtig Geld verdienen.Die Folgen der unterschiedslosen Totalkommerzialisierung, die vor nichts zurückschreckt und alles unter ihre Verwertungsbrille zwingt - von der Halbzeitpause bis zur Hitparade, vom Tennismatch bis zu den Tenören - sind, fast unvermeidlich, Erschöpfung, Enttäuschung, Übersättigung.Wir Medienkonsumenten können nur noch stöhnen: "Danke, mir reicht es!" Der Autor ist Privatdozent am Fachbereich Politik der FU Berlin.

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