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Unterkunft für Spione : Stasi betrieb Hotel in West-Berlin

07.08.2011 02:00 Uhrvon und
Zimmer mit Aussicht. Blick von einem Balkon des „Hotels Luftbrücke“; die Fotomontage entstand Ende der 70er Jahre, sie findet sich in den Stasi-Akten, dort werden auch die mit Zahlen markierten Straßen aufgeschlüsselt.  Foto: BStU/TSP-ReproBilder
Zimmer mit Aussicht. Blick von einem Balkon des „Hotels Luftbrücke“; die Fotomontage entstand Ende der 70er Jahre, sie findet sich in den Stasi-Akten, dort werden auch die mit... - Foto: BStU/TSP-Repro

Die Stasi brauchte einen Stützpunkt für ihre West-Spione – und ein Trio aus der Halbwelt brauchte Geld. Die bizarre Lösung: zwei Etagen DDR mitten in West-Berlin. Ein Schurkenstück in 1000 Akten.

Anna Schwarz wusste, wie man Menschen für sich gewinnt. Wahrscheinlich hatte sich die gebürtige Kölnerin diese Eigenschaft in ihren Jahren als Bardame und Striptease-Tänzerin angeeignet. Ihre Gäste jedenfalls waren so angetan von der geselligen Frau mit den langen braunen Haaren, dass sie noch Wochen nach dem Aufenthalt im „Hotel Luftbrücke“ Post schickten. Ein Musiker aus dem Schwarzwald bedankte sich für die „fürsorgliche Aufnahme“, ein anderer Gast lobte die „liebe Bewirtung“, eine offenbar deutschstämmige Frau aus Virginia versicherte in einem säuberlich getippten Brief vom 1. September 1977: „Sollten ich oder einer meiner Bekannten nach Berlin kommen, dann werde ich Ihr Hotel und Ihre Gastfreundschaft sehr empfehlen.

Schon Anfang 1979, nicht einmal drei Jahre, nachdem Schwarz Geschäftsführerin des Hotels geworden ist, beginnt die wenig komfortable, altmodisch eingerichtete Herberge mit ihren 32 Betten langsam zu florieren. Handwerker und Geschäftsreisende sind Stammgäste geworden in der Dudenstraße 6, sogar die US-Luftwaffe reserviert regelmäßig Zimmer, der Flughafen Tempelhof ist nahe. 27 DM kostet die Übernachtung pro Person, inklusive zwölf Prozent Mehrwertsteuer und Frühstück. Die Einnahmen steigen.

Doch in dem Haus am Platz der Luftbrücke geht es nicht einfach nur ums Geldverdienen. Anna Schwarz tut zwar alles dafür, den Betrieb rentabel zu führen, sie arbeitet pausenlos, führt gewissenhaft Buch, lässt moderne Duschkabinen einbauen und neue Betten kaufen. Aber das ist nur Teil einer größeren Mission. Denn eigentlich erfüllt die Hotelchefin „wichtige Aufgaben zur Erhaltung und Sicherung des Friedens für die gesamte Menschheit“. So steht es in ihrer Verpflichtungserklärung für das DDR-Ministerium für Staatssicherheit vom März 1977.

Aufgabenprofil: umfassend

Unter der Nummer XV 2183/77 führt die Stasi Frau Schwarz als Inoffizielle Mitarbeiterin, Deckname: IM „Janett“, Aufgabenprofil: umfassend. Die 28-Jährige hat dem MfS sogar zugesichert, dass sie notfalls bereit wäre, „im Interesse der Sache intime Beziehungen“ einzugehen. Was weder Schwarz’ Gäste noch die westlichen Geheimdienste ahnen: Das Kreuzberger Hotel – in den Akten firmiert es als „Stützpunkt Rheinland“ – ist eine einzigartige Operationsbasis für eine in ganz Westdeutschland tätige Gruppe von Stasi-Spionen, alle von ihnen Bundesbürger.

Das Haus erfüllt mehrere Funktionen: Der Kopf der IM-Gruppe, der in Hessen lebt, hat als Hotelbesitzer eine offiziell vorzeigbare Begründung für seine regelmäßigen Fahrten nach West-Berlin, die in Wahrheit dazu dienen, Verbindungsmänner im Ostteil der Stadt zu treffen oder Aufträge der Stasi durchzuführen. Für Janett dagegen soll das Hotel eine wirtschaftliche Basis, für ihren Lebensgefährten ein Ort zum Untertauchen sein – denn ihr Geliebter, der Berufskriminelle Joseph Tuszynski, wird von der Polizei gesucht, er lebt mit falschen Papieren.

Tuszynski, Jahrgang 1922, ist ein misstrauischer Typ, einer fürs Grobe, der mit 1,59 Meter zwar nicht groß, aber kräftig ist. Seines Faibles für Kampfsportarten wegen heißt er IM „Karate“. Er stammt aus einer Artistenfamilie, einem richtigen Beruf ist er nie nachgegangen. Lange hielt er sich mit Einbrüchen über Wasser, zuletzt betrieb er in Köln ein Spielcasino namens „Las Vegas“. Weil er eine Haftstrafe nicht antreten wollte, ist Karate 1973 untergetaucht. Die Stasi schätzt seine Kaltblütigkeit, in seiner Beurteilung ist von „großer Ausdauer, absoluter Disziplin und voller Einsatzbereitschaft“ die Rede, und davon, dass Karate sich eher die Zunge abbeißen würde, als jemanden zu verraten. In anderer Hinsicht schneidet er schlechter ab. Janett, die 13 Zentimeter größer und 27 Jahre jünger ist als ihr Liebhaber, wird von der Stasi auch „vom Intelligenzgrad her weit höher“ eingeschätzt.

Wie aus einem Ganovenroman

Worte, die sich lesen wie Charakterisierungen aus einem Ganovenroman. Und eine Art Krimi ist er tatsächlich, jener rund 1000 Seiten umfassende Aktenstapel zum „Hotel Luftbrücke“, den die Stasi über die Jahre zusammengetragen hat und der nun dem Tagesspiegel vorliegt. Es sind Akten, bei deren Lektüre man schwankt – zwischen staunendem Grusel einerseits, über den Ehrgeiz, den das MfS daransetzte, West-Berlin zu unterwandern, und amüsiertem Schmunzeln andererseits, über die Verklausulierungen, mit denen Mielkes Ministerium westdeutsche Kleinkriminelle zu sozialistisch gesinnten Mitstreitern umdichtete.

Da heißt es etwa über die Gründe, die einen notorischen Ganoven und Glücksspieler bewogen haben sollen, die Seiten zu wechseln: „Die vom Kandidaten im kapitalistischen System gewonnenen umfangreichen Lebenserfahrungen ließen ihn das systemeigene Wolfsgesetz erkennen.“ Auch in Janetts Akte wird ideologische Nähe betont: Die Hotelchefin lobt die „soziale Sicherheit“ im deutschen Nachbarstaat, sie bedauert gar, dass die BRD ihren Bürgern das DDR-Fernsehen vorenthält. Allein bei Karate tat sich selbst die Stasi schwer, hehre Motive auszumachen: Der IM habe „keine ausgeprägte politische Meinung“, heißt es trocken.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Das Haus wirft Gewinn ab

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