Zeitung Heute : Unterm Schutt, da blüht es

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Von Peter Böthig

Inge Müller, die sich 41-jährig in Ostberlin 1966 das Leben nahm, zählte lange zu den unbekannten DDR-Autoren. Doch dies gilt seit einigen Jahren nicht mehr. Ein Poesiealbum 1976, eine Gedichtauswahl 1985 und ein Überblicksband 1996 haben ihre Texte dem Lesepublikum vorgestellt, aus der Geschichte der DDR-Literatur ist sie nicht mehr wegzudenken.

Der letzten Kriegsgeneration zugehörig, erlebte sie das Inferno des „Endkampfs“ um Berlin als Wehrmachtshelferin, verlor ihre Angehörigen, wurde verschüttet und nach Tagen geborgen. Sie hat literarisch von den eigenen Traumatisierungen Zeugnis abgelegt. Vor allem ihre Gedichte aus den 60-er Jahren lassen sich neben die Romane von Gert Ledig oder Hans Erich Nossack stellen. Doch erst spät, lange nach ihrem Freitod, wurde sie als eine der sprachmächtigsten Dichterinnen der Nachkriegszeit entdeckt. Ihr Werk reicht über das Thema „Unterm Schutt“ (so der Titel einer Gedichtreihe) hinaus. Sowohl bei den Gedichten wie vor allem auch bei der Prosa und den dramatischen Texten zeigt sie ein starkes Interesse an Gegenwartsthemen der 50er und 60er Jahre. Sechs Jahre nach dem letzten und bis dahin umfangreichsten Band mit Gedichten, Erzählungen und Tagebuch-Notizen erscheint nun ein Band aus dem Nachlass, mit dem Untertitel „Gesammelte Texte“. Damit liegt, 35 Jahre nach Müllers Tod, das Gesamtwerk vor.

Die Nachlass-Situation ist schwierig. Nicht nur, dass Briefe und Tagebücher, die Ines Geipel noch 1996 einsehen und auszugsweise veröffentlichen konnte, inzwischen gesperrt sind, es scheinen auch Teile von Manuskripten verschwunden zu sein oder außerhalb des gemeinsamen Archivs von Heiner und Inge Müller in der Akademie der Künste zu lagern. Außerdem ist vieles fragmenthaft geblieben, einige Texte liegen in mehreren Varianten vor, und die Anteile beider Schriftsteller sind, bedingt durch eine 13-jährige enge Partnerschaft, nicht immer klar zu trennen.

Inge Müller selbst hat ein Jahr vor ihrem Tod eine zur Veröffentlichung bestimmte Auswahl an den Aufbau-Verlag gegeben. Die 81 Gedichte bildeten, um 29 weitere Gedichte aus dem Nachlass erweitert, die Edition von 1985, herausgegeben von Richard Pietraß. Ganze 22 Gedichte waren zu ihren Lebzeiten, in Anthologien und Zeitschriften, veröffentlicht worden. Der Rang dieser Gedichte ist unbestritten, Kollegen wie Elke Erb, Adolf Endler, Wulf Kirsten, Annett Gröschner, Herta Müller, Reinhard Jirgl, Wolf Biermann und andere haben die Lyrikerin gewürdigt. In ihrer Verknappung der Sprache, den an Kinderverse erinnernden Reimen und den kunstvoll eingesetzten Synkopen und Zeilenbrüchen überraschen sie den Leser und bestechen durch ihre Präzision und ihren Ernst.

110 veröffentlichten Gedichten bei Pietraß und 129 bei Geipel stehen nun knapp 300 Gedichte gegenüber. Obwohl etliche der neu hinzu gekommenen Gedichte als Fragmente kenntlich sind, teils durch Abbrüche, teils durch geringere Durcharbeitung, kann man von einer Bereicherung sprechen. Auch die Fragmente zeigen, weit mehr als bisher, dass Inge Müller keineswegs nur auf ihre Erlebnisse am Kriegsende fixiert blieb. Wir sehen jetzt die Dichterin eingebettet in die literarischen Strömungen ihrer Zeit, aber doch als singuläre Erscheinung. Hatte schon Ines Geipel Prosa und Tagebuchblätter aufgenommen, so bezieht die neue Edition auch die dramatischen Texte ein. Damit sei, so die Herausgeberin, bis auf die für Kinder geschriebenen Texte, alles aufgenommen worden, was im Nachlass auffindbar war. Müllers Prosa reicht an Intensität und gedanklich-emotionaler Tiefe jedoch nicht an ihre Gedichte heran. Auch hier arbeitet sie mit Verknappungen und dialogischen Passagen, Themen und Milieu von Leuten aus dem untersten Proletariat erinnern an Margarete Steffins Erzählungen. Obwohl die Erzählungen sich brisanten Themen nähern (z.B. Schmuggel an der Sektorengrenze), bleiben sie seltsam eindimensional. Eine Ausnahme bildet das umfangreiche Konvolut aus Textanfängen, Skizzen, Entwürfen und Erzählungen mit dem Titel „ICH JONA“. Inge Müller arbeitete hier an einer Sammlung von Einzelerzählungen und Anekdoten, gruppiert um die weibliche Hauptfigur Jona, die mit Perspektivwechseln und sehr unterschiedlichen Erzählhaltungen sich zu einer Art disparatem Roman zusammenfügen.

Die dramatischen Texte, teils Sketche in Berliner Mundart, lassen das dialogische Talent der Autorin erahnen, ihre Kraft zur Figurenzeichnung. Das Hörspiel „Die Weiberbrigade“, seinerzeit erfolgreich aufgeführt und mehrfach prämiert, nach dem 1969 Heiner Müller sein Stück „Weiberkomödie“ gestaltete, besticht noch heute durch witzige Dialoge. Es zeigt aber auch auf anrührende Weise die damalige Utopie des sozialistisch vergesellschafteten Menschen.

Da die weitaus meisten Texte nicht datiert sind, sehen sich die Herausgeber gefordert, selbst eine Ordnung zu finden. Ines Geipel hat ein eigenes Periodensystem gefunden und Prosa und Tagebuch-Notizen zwischen die Gedichte gestreut. Entstanden ist ein plausibel gegliedertes Lesebuch. Ob jedoch Hilzingers inhaltliche Einteilung der Gedichte überzeugen kann? Die Einteilung in „Ich-Gedichte“, „Du-Gedichte“, „Wir-Gedichte“, „Sie-Gedichte“ und „Ihr-Gedichte“ scheint doch gewollt-naiv. Offenbar verführt die Autorin dazu, sich über das Werk distanzlos herzumachen. Schon die Titel lehren den Leser das Gruseln. „Irgendwo; noch einmal möchte ich sehn“ hieß der Band von 1996, und der jetzige: „Dass ich nicht ersticke am Leisesein“. Wie schön und schlicht war dagegen der von Richard Pietraß 1985 gewählte Titel: „Wenn ich schon sterben muss“. Und dann die Nachworte: „Einzig nicht zu Vollendendes wird zum gültigen Gestus ihre Schreibens ... Nur hier, über den Impuls des Kunstwerks auf die gesamte Aktivität des wahrnehmenden Körpers, darf Neues entstehen“, schreibt Geipel. Was bei der einen vor sich hin künstelt, das germanistelt die andere hinterher: „Seit der Veröffentlichung ihrer Gedichte hat eine Rezeption eingesetzt, die Inge Müller als tragisch Gescheiterte wahrnimmt... Stoff zum Nachdenken über die auch in der feministischen Literaturkritik praktizierte problematische Vereinnahmung Inge Müllers als vergessene Autorin unter überwiegend biografischer Perspektive und ihre Stilisierung zum Opfer männlicher Auslöschungsstrategien“, heißt es bei Hilzinger. Und dann windelweich: „Auch wenn im konkreten Fall Heiner Müller Anlass zu einer solche Lesart gegeben hat, müssen die widersprüchlichen und komplexen Aspekte dieser Problematik sorgfältig untersucht werden". Die „notwendige Kontextualisierung unter rezeptionsgeschichtlichen Gesichtspunkten“ darf dann nicht fehlen. Ach, wenn sie es doch täte, statt darüber zu schwadronieren. Trotzdem ein Dank an den Verlag, der seine Autorin immer wieder neu ins Bewusstsein der Leser hebt.

Inge Müller: Dass ich nicht ersticke am Leisesein. Gesammelte Texte. Hg. von Sonja Hilzinger. Aufbau, Berlin 2002. 661 S. 29,90 €.

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