Unternehmen : Der große Firmen-Flirt

Herausforderung Unternehmenssammlung – so mancher Künstler gibt sich scheu. Die meisten aber schätzen die Begegnung mit der Welt der Wirtschaft.

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Mobile
Der Schwarm. Die Motive in Henrik Schrats Mobile wurden von den Gasag-Mitarbeitern ausgewählt. Für die Berlinische Galerie muss es...Foto: Henrik Schrat

Wenn Henrik Schrat sich Unternehmen vorknöpft, dann ist das wie Aktzeichnen. „Ich schaue dann sehr genau hin“, sagt er. Wie ist die Firma zusammengesetzt? Auf welchen Märkten operiert sie? Wohin fließen die Geldströme? Schrat ist kein Unternehmensberater. Er ist Künstler. Und deshalb fällt ihm auch der Vergleich mit dem Aktzeichnen ein. Die Welt der Wirtschaft zieht den 1968 geborenen Künstler magisch an.

Nicht alle arbeiten so gerne wie er zwischen Kunst und Kommerz. Verena Landau zum Beispiel hat 2001 aufgehört, mit Finanzinstituten zu kooperieren. Georg Winter sieht sich als Systemkritiker und findet, Firmensammlungen seien sein „neuralgischer Punkt“. Jessica Centner kritisiert, vielen Künstlern ginge es nur darum, sich richtig zu platzieren. Sie alle sind in Firmensammlungen vertreten.

Für Auftraggeber zu arbeiten, „das gehört zu meinem Beruf“, erklärt Schrat, der sich als Teil einer langen kunsthistorischen Tradition sieht. Michelangelos Fresken in der Sixtinischen Kapelle sind Kunst am Bau. Rembrandt malte sein berühmtes Gemälde „Nachtwache“ für den Festsaal der Amsterdamer Schützengilde. König Ludwig I. von Bayern ließ seinen Hofmaler Joseph Karl Stieler über dreißig junge Frauen für seine Schönheitengalerie porträtieren. Nur, dass man heute von Corporate Collections spricht – und von Imagetransfer. Kunst gibt dem Unternehmen einen weltoffenen, modernen Anstrich, soll Mitarbeiter inspirieren und motivieren, wenn sie auf den Gängen einem roten Gemälde von Rupprecht Geiger begegnen, wie etwa in der Eon-Niederlassung in München. Der gesellschaftliche Anspruch hinter den Sammlungen schafft Sympathiepunkte bei den Kunden.

Henrik Schrat entwickelt seine typischen Comic-haften, scherenschnittartigen Werke mit Motiven aus der Märchenwelt für große Firmen, für Banken, den Deutschen Bundestag. Wenn er einen Auftrag annimmt, dann wirft er seinen ganz eigenen Blick auf den Betrieb. Denn ein Dienstleister ist er auf keinen Fall. Im vergangenen Jahr hat er für die Dresdner Bank in Frankfurt am Main auf die Wirtschaftskrise weithin sichtbar geantwortet: Die Arbeit „Wolfsampel“ ist ein 17 Meter langer und fast 5 Meter hoher Folienschnitt an der Fassade des „Gallileo“-Hochhauses. Den Großen Handelssaal der Frankfurter Börse kleidete er mit 50 000 Bonbonpapieren aus. Das Abfallprodukt glänzt und glitzert und ist für Schrat ein Symbol für „Mehrwert“. In das Treppenhaus der Gasag hat der Künstler ein Mobile gehängt, das sich sachte bewegt, wenn man daran vorbeigeht. Die Motive aus schwarzem Aluminium hat Schrat im Vorfeld von den Beschäftigten aussuchen lassen. Märchenfiguren, Tiere, das Brandenburger Tor, ein Liebespärchen – die Zahl war auf hundert unterschiedliche begrenzt. Schließlich sollte dieses Auswahlverfahren der inneren Mitarbeiterstruktur entsprechen: Die Freiheiten in so einem großen Betrieb sind beschränkt. Dafür steht auch das Konstrukt des Mobiles, des „Schwarms“, wie die Arbeit heißt: in sich flexibel, aber mit Schnüren und Querstangen, die dem Ganzen eine Form geben. 369 von 550 Mitarbeitern haben Schrat ihre Stimme abgegeben. Am häufigsten wurde der Delfin gewählt, gefolgt vom biedermeierlichen Liebespaar. Für die Berlinische Galerie ist das Mobile, das vom fünften Stock bis ins Untergeschoss reichte, viel zu groß. Der Künstler musste es in zwei Hälften teilen.

Andere Künstler hätten aufgeschrien. Schrat sieht das als seine Arbeit an – immer wieder auf äußere Umstände, auf Bedingungen zu reagieren. Andere Werke trifft ein Schicksal, wie es bei „Kunst-im-Bau“-Projekt der Gasag passieren kann. Der Auftraggeber zieht weg und muss die Kunst zurücklassen. Alena Meiers „Fluchtweg“ etwa ist eine Wandmalerei, die für den spezifischen Ort geschaffen wurde. Die Künstlerin hat das Piktogramm des rennenden Männchens auf grünem Grund überdimensional auf den langen Flur des Shell-Gebäudes übertragen. Transportabel ist eine solche Arbeit nicht.

Es sei denn, Georg Winter würde sich ihrer annehmen. Er ist Mitbegründer der Künstler- und Forschungsgruppe „Retrograde Strategien“. Eine ihrer größten Aktionen war der so genannte „Rückbau“ einer Arbeit von Katharina Grosse, die im Rahmen der Verleihung des Nationalgalerie-Preises für junge Kunst entstanden war. Winter und seine Künstlerkollegen zerlegten nach Ausstellungsende die monumentale L-förmige Wand und bauten sie im Kunstverein Heilbronn wieder auf, verarbeitet zu Kopf- und Lesestützen. Immer wieder setzt sich Winter mit Kunstproduktion und dem Markt auseinander. Benutzt dazu Vokabular der Ökonomie.

Arbeiten von ihm sind in der Daimler Kunstsammlung vertreten, deren Schwerpunkt auf dem 20. Jahrhundert liegt. Große Namen sind darunter, Adolf Hölzel, Oskar Schlemmer, Jeff Koons und Andy Warhol. Aber auch Nachwuchskünstler werden angekauft. Im Haus Huth am Potsdamer Platz hat die Sammlung einen Ausstellungsraum. Dort war bis Ende Februar Winters „Fernsehkanal“ ausgestellt, ein Holzschacht, durch den der Besucher hindurchschauen kann und so selbst zum Sender und Empfänger wird.

Immer wieder stellt sich Winter die Frage, was man mit Technik erreichen kann. Dass ausgerechnet die hochtechnisierte Automobilindustrie sich für sein „low-tech“-Produkt entschieden habe, sei doch schon kontrovers. Der 1962 im schwäbischen Biberach geboren Künstler findet, dass die Gesellschaft inzwischen so komplex verworden sei, dass man nicht mehr zwischen gutem und schlechtem Geld unterscheiden könne. „Das ist doch Koketterie, wenn einer ablehnt, dass eine Firma seine Arbeit ankauft“, sagt Winter. Früher, da habe er die Verbindung von Kunst und Geld noch abgelehnt, aber da war er auch noch bei Straßenkämpfen im schwarzen Block aktiv gewesen. Heute weiß er, „jeder Künstler muss schauen, wie er sein Geld verdient“.

Wie eine Auftragsarbeit sehen die acht bunten Stelen der Künstlerin Jessica Centner aus, die im Museum Ritter ausgestellt sind. Tatsächlich passte die Rauminstallation „Texas ist der Grund“ einfach nur wie die Faust aufs Auge, wie die Berlinerin betont. Das Museum im baden-württembergischen Waldenbuch beherbergt die Sammlung von Marli Hoppe-Ritter, der Miteigentümerin der Schokoladenfirma Ritter Sport. Das Haus ist also streng genommen keine Corporate Collection, sondern Privatbesitz. Das Konzept jedoch passt außerordentlich gut zum Markenauftritt der Schokoladenfabrik. Kasimir Malewitsch macht den Anfang einer 700 Werke umfassenden Sammlung abstrakt-geometrischer Kunst, die sich nur mit dem Quadrat auseinandersetzt. Centners Würfel aus Legosteinen, die auf einem gleichfarbigen Sockel stehen, sind eine Reminiszenz an den Minimal-Art-Künstler Donald Judd. Dass sogar das Rot und Gelb und Grün und Weiß den Verpackungen verschiedener Schokoladensorten entsprechen, ließ die 38-Jährige erst einmal zögern. „Aber dann fand ich es natürlich toll, dass die komplette Gruppe zusammen angekauft wurde und nun öffentlich zugänglich ist“, sagt sie. Ihre Galerie war auf die Sammlerin zugegangen.

Die Leipziger Künstlerin Verena Landau, deren Arbeiten zurzeit in der Ausstellung „Macht zeigen. Kunst als Herrschaftsstrategie“ im Deutschen Historischen Museum zu sehen sind, entdeckte vor neun Jahren in der Zeitung ein Foto, das den Vorstandschef einer Bank vor einem ihrer Gemälde zeigte. Landau hatte auf jenem Bild Filmausschnitte von Pier Paolo Pasolini verarbeitet. Die Szenerie, die sich ihr bei der Betrachtung des Managerporträts bot, passte für Landau nicht zusammen: Vorne der mächtige Vertreter des Kapitals, hinten der marxistische Anti-Kapitalist. Landau begann, diesen Bildtypus des Unternehmerporträts – Vorsitzender vor zeitgenössischer Kunst – von Foto-Vorlagen abzumalen. In den Kopien drücken sich für sie alle Gegensätze zwischen künstlerischer Intention und dem Missbrauch zu Repräsentationszwecken aus. Und sie entschloss sich, vorerst nicht mehr für Banken zu arbeiten.

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