Zeitung Heute : Unternehmens-Übergabe

ANDREAS ROEPKE

Knapp eine dreiviertel Million westdeutscher Mittelstandsunternehmen steht nach Schätzungen des Instituts der deutschen Wirtschaft zur Jahrtausendwende vor dem Problem der Unternehmensnachfolge.Betriebswirte, Wirtschaftsingenieure und sonstige Akademiker mit kaufmännischen Ambitionen machen sich für einen Start in die oberste Führungsriege bereit.Doch um den Wechsel in die lukrativen Führungspositionen ist es nicht gut bestellt.

"In den kommenden fünf bis zehn Jahren werden 5000 Handwerksbetriebe aus Altersgründen zur Übernahme anstehen", sagt Oliver Gerhard von der Berliner Handwerkskammer.Fast jedem zweiten Betrieb fehlt der Nachfolger.Pilotprojekte, die den Stabwechsel für die Beteiligten erleichtern sollen, sind allerdings rar.Immerhin haben einige Industrie- und Handwerkskammern Nachfolgebörsen eingerichtet, die als Marktplatz für Anbieter und Käufer gedacht sind.So weist die "Nachfolgeagentur" der Berliner Handwerkskammer derzeit 103 Handwerksbetriebe aus, die händeringend nach Interessenten suchen.

Daß es letzteren nicht gerade leicht gemacht wird, hat Christian V.erfahren müssen.Der Berliner Elektroingenieur wollte sein Erbe in einen mittelständischen Betrieb investieren und wandte sich mit seinem Vorhaben an Senat und IHK.Sein ernüchterndes Ergebnis: "Selbst mit einer Million in der Tasche wirst du als Investor noch nicht ernst genommen." Er behalf sich deshalb mit einer Teilhaberschaft an einem Unternehmen, das von keinerlei Nachwuchssorgen geplagt wurde.Ein verlorener Investor für die Berliner Industrie.

Unsere Gründergeneration ist in die Jahre gekommen.Von den 2,9 Millionen westdeutschen Selbständigen sind 24 Prozent älter als 55 Jahre.In 143 000 Betrieben ist es fast schon zu spät für eine solide Nachfolgeregelung, denn ihre Eigner (jenseits der 65) denken mit Grausen an ihre Pflicht, einen Nachfolger zu suchen.In den neuen Bundesländern ist die Alterspyramide günstiger besetzt, denn die meisten Existenzgründungen erfolgten nach der deutschen Einheit.Daher werden ostdeutsche Beschäftigte in den nächsten Jahren auch seltener vom Extremfall betroffen sein: der Betriebsschließung mangels Nachfolgeregelung.Wie ernst dieses Problem hierzulande ist, zeigt die Statistik: jeder vierte Betrieb wird nach Schätzung des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung keinen neuen Chef finden.

Das Düsseldorfer Wirtschaftsministerium startete kürzlich in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung ein zweijähriges, sechs Millionen Mark teures Projekt, um Unternehmen mit Nachfolgeproblemen Hilfestellung zu leisten.Firmen sollen fachkundige Beratung erhalten und werden auch bei der Suche nach geeigneten Nachfolgern intensiv unterstützt.In Berlin muß der Existenzgründer die meisten Probleme leider noch selbst oder unter Zuhilfenahme von Steuer-, Rechts- und Betriebsberatern lösen.

Die Gründe für eine fehlgeschlagene Nachfolgeregelung sind vielfältig.Oft scheitert sie an der Persönlichkeit des Junior-Chefs, der nicht über das nötige unternehmerische Talent verfügt oder die enorme Arbeitsbelastung und Verantwortung für die Mitarbeiter scheut.Nur bei jedem dritten Unternehmen, das die Nachfolgeregelung bis zum Jahr 2000 trifft, übernimmt nach den Schätzungen des Instituts für Mittelstandsforschung ein Familienangehöriger die Leitung.Der Rest muß sich unter seinen leitenden Angestellten umsehen oder auf dem Führungskräftemarkt nach geeignetem Nachwuchs Ausschau halten - und zwar rechtzeitig.

Damit bei der Nachfolgeregelung nichts schiefgeht, sollte die Suche nach einem neuen Chef möglichst in drei Etappen erfolgen.Bereits 15 Jahre vor dem zu erwartenden Ausscheiden des Senior-Chefs kann ein kleiner Beirat aus betriebsangehörigen Sachverständigen gebildet werden, die an der Nachfolgeregelung mitarbeiten.Die potentiellen Kandidaten aus der Familie sollten jetzt bereits auf Eignung und Neigung hin geprüft werden.Etwa zehn Jahre vor der Übergabe des Staffelstabes sollte über die künftige Unternehmensstrategie nachgedacht werden.Der Kandidat aus den eigenen Reihen muß jetzt konkret ausgesucht werden.Ihm bleibt dann noch genügend Zeit, um sich in anderen Betrieben zu bewähren, denn die Übernahme eines elterlichen Betriebes ohne das vorherige Sammeln von Branchenerfahrung geht in den meisten Fällen schief.Fünf Jahre vorher sollte dann ein detaillierter Zeitplan für die Übergabe erstellt werden.Die Führungsmannschaft kann sich langsam an den Juniorchef gewöhnen, und auch wichtige Kunden und Kreditgeber können Vertrauen zu ihm gewinnen.

Was Verkäufer beachten sollten

Der Entwurf des Steuerentlastungsgesetzes 1999 / 2000 / 2002 enthält einschneidende Änderungen für den Verkauf eines Gewerbebetriebs.Diese treten wahrscheinlich rückwirkend zum 1.Januar 1999 in Kraft und sollten deshalb von jedem Verkäufer berücksichtigt werden.

Nach § 16 EStG gehören zu den Einkünften aus Gewerbebetrieben auch Gewinne, die aus seiner Veräußerung erzielt werden.Der Veräußerungsgewinn ist dabei der Betrag, um den der Veräußerungspreis abzüglich der Veräußerungskosten den (Buch-)Wert des Betriebsvermögens übersteigt.

Nach der alten Fassung des § 16 Absatz 4 EStG, der ersatzlos gestrichen werden soll, wird der Veräußerungsgewinn auf Antrag nur insoweit besteuert als dieser 60 000 Mark übersteigt, wenn der Steuerpflichtige das 55.Lebensjahr vollendet hat oder dauernd berufsunfähig ist.Dieser Freibetrag ermäßigt sich um den Betrag, um den der Veräußerungsgewinn 300 000 Mark übersteigt.

Der nach Abzug des Freibetrags verbleibende Veräußerungsgewinn wurde nach § 34 EStG (alte Fassung) ermäßigt besteuert.Danach wurden außerordentliche Einkünfte mit der Hälfte des durchschnittlichen Steuersatzes, der sich sonst ergäbe, besteuert.Die neue Fassung des § 34 EStG sieht demgegenüber (vereinfacht) vor, daß die außerordentlichen Einkünfte aus der Veräußerung des Betriebs gefünftelt werden und die danach ermittelte Einkommensteuer verfünffacht wird.Auf diese Weise soll die Progressionsspitze gekappt werden. HELMUT MATERN

Informationen: Nachfolgeagentur der Handwerkskammer Berlin, Stefan Schiller, t 25 903 -360, nachfolge@hwk-berlin.de .

Institut der deutschen Wirtschaft: www.iwkoeln.de (Rubrik Datenbanken).

Wolfram Gruhler, "Unternehmensnachfolge im Mittelstand", Beiträge zur Wirtschafts- und Sozialpolitik des Instituts der deutschen Wirtschaft, Köln Nr.244, 52 Seiten, 13 Mark 60.

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