Zeitung Heute : Unternehmungslustig

Mit einem Zentrum für Entrepreneurship will die TU Berlin den Gründergeist bei den Studierenden wecken

Sybille Nitsche

Salopp formuliert, könnte man sagen: super Performance. Innerhalb von nur zwei Jahren kletterte die TU Berlin im „Schmude-Ranking“ von Platz 27 im Jahr 2005 auf Platz 8 im Jahr 2007. Und diesen Platz konnte sie unter den 59 untersuchten Hochschulen 2009 behaupten. Die Liste wird seit 2001 von Jürgen Schmude, Professor für Wirtschaftsgeografie und Tourismusforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München, erstellt. Das Ranking beurteilt, was deutsche Universitäten unternehmen, um Gründungen aus der Hochschule heraus zu fördern. Besonders gut schloss die TU Berlin bei der Kommunikation der Angebote und der externen Vernetzung ab.

Dass die TU Berlin sich so gut platzieren konnte, daran hat der Gründungsservice der Universität großen Anteil. Hier kümmern sich 14 Mitarbeiter unter der Leitung von Agnes von Matuschka darum, dass Gründungsinteressierte alles bekommen, was sie brauchen, um aus einer neuen Technik ein marktfähiges Produkt und eine tragende Geschäftsidee zu entwerfen: Beratung, Trainings, Kontakte, Fördermittel. Sogar Räume für die erste Gründungsphase werden bereitgestellt dank der Gründungswerkstatt, die vor zwei Jahren auf dem Campus eingerichtet wurde.

Eines der jüngsten erfolgreich geförderten Unternehmen ist „imcube“. Die TU-Elektrotechniker Matthias Kunter und Sebastian Knorr haben ein Verfahren entwickelt, das herkömmliche 2-D-Filme automatisch in 3-D-Szenen konvertiert. Bislang musste das in vielen Fällen durch Bildbearbeiter am Computer „per Hand“ erfolgen. Anfang des Jahres waren die beiden Wissenschaftler in Las Vegas und Los Angeles und haben dort Filmstudios wie Disney World, Sony Pictures und 20th Century Fox ihr Verfahren vorgestellt.

Aber wie das mit Rankings so ist, sie bringen auch die Schwächen ans Licht. Und diese liegen bei der Gründungsförderung an der TU Berlin in den hochschulpolitischen Rahmenbedingungen und in der „Entrepreneurship Education“, der Lehre vom unternehmerischen Handeln. In dieser Kategorie konnten im Ranking bis zu 80 Punkte erzielt werden, doch die TU Berlin erreichte nur 33. In der Kategorie hochschulpolitische Rahmenbedingungen erhielt sie von 40 möglichen Punkten lediglich 17.

Diese Schwachstellen waren in der Universität bereits vor dem Ranking bekannt. Deshalb berief sie im vergangenen Jahr Jan Kratzer, einen der führenden Wissenschaftler für Entrepreneurship in Deutschland, auf eine von der Siemens AG bezahlte Professur, um vor allem die akademische Gründungslehre besser an internationale Standards anzukoppeln. Anfang März beschloss der Akademische Senat die Einrichtung eines Zentrums für Entrepreneurship. „Unser Ziel ist es, die vielen bestehenden, aber untereinander kaum vernetzten Aktivitäten zu bündeln und dauerhaft zu verankern, um deutlich zu zeigen, dass die TU Berlin eine Kultur des Unternehmertums etablieren und eine Gründeruniversität sein will“, sagt Kratzer, der das Zentrum gemeinsam mit Agnes von Matuschka leitet.

Dass deutsche Hochschulen sich nicht nur als Forschungsstätten begreifen, sondern auch Unternehmer ausbilden sollen, ist erklärter politischer Wille der Bundesregierungen und hat handfeste ökonomische Gründe. Zum einen müssen neue Techniken vermarktet werden, damit Arbeitsplätze entstehen. Zum anderen hat die Globalisierung die bisher bekannte Arbeitswelt stark verändert. „Die Vorstellung, als Ingenieur in einer Firma auf Lebenszeit fest angestellt zu sein, ist überholt. Dennoch sind deutsche Studenten diesem Denken noch stark verhaftet“, sagt Kratzer. Viel zu wenige, besonders in den Studiengängen der Ingenieur- und Naturwissenschaften, zögen die Firmengründung in Betracht. „Wir müssen besser vermitteln, dass unternehmerische Selbstständigkeit eine Karriereoption sein kann“, sagt Kratzer.

Dazu müssen die Studierenden in der Lage sein, eine unternehmerische Chance zu erkennen, einen Geschäftsplan aufzustellen, aber auch mit dem Gefühl leben zu können, dass man scheitern kann. „Die Angst vor dem Scheitern ist ein nicht zu unterschätzendes Problem“, sagt Agnes von Matuschka. Anders als etwa in den USA sei Scheitern hierzulande ein großer Makel. In Lehrveranstaltungen wie „Entrepreneurship“, „Venture Campus“ oder „Human Venture“ sollen das nötige Wissen und die entsprechenden Kompetenzen gelehrt werden.

„Dadurch, dass im Zentrum für Entrepreneurship Forschung, akademische Ausbildung und praktische Gründungsförderung viel enger miteinander verzahnt werden, können einerseits die Erfahrungen aus der Gründerberatung direkt in die Lehre einfließen“, sagt Georg Gemünden, TU-Professor für Technologie- und Innovationsmanagement. „Andererseits wird die Beratungstätigkeit näher an die neuesten Erkenntnisse aus der Gründungsforschung herangerückt.“

Wie wichtig der Universität es ist, das Thema Entrepreneurship auch institutionell zu verankern, zeigt sich darin, dass der befristete Status vieler Aktivitäten aufgegeben werden wird und unbefristete Stellen eingerichtet werden sollen.

Marianne Kulicke vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe sieht die TU Berlin mit dieser Entscheidung auf dem richtigen Weg. „Wenn an Hochschulen wirklich ein unternehmerischer Geist Einzug halten soll, dann muss jetzt der Übergang von ausschließlich drittmittelfinanzierten Projekten zu einer dauerhaften Finanzierung vollzogen werden. Nur so können erfolgreiche Projekte ihre Wirkung entfalten, ist Kontinuität möglich und eine Kultur des Unternehmertums zu schaffen“, sagt Kulicke, die zu Entrepreneurship und Innovationsfinanzierung forscht.

Die Erweckung des Gründergeistes ist allerdings keine ganz neue Idee, sondern – der Blick in die Geschichte zeigt es – eine Besinnung auf alte Tugenden. Die TU Berlin zum Beispiel ist diesem Pfad bereits in den 1980er Jahren gefolgt, als sie in Wedding das Berliner Innovations- und Gründerzentrum BIG ins Leben rief.

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