Zeitung Heute : Unterwegs auf vier Kontinenten

Studierende der Freien Universität berichten über Praktika während der Semesterferien

Carsten Wette

Semesterferien – das klingt nach Sommer, Sonne, Sand und Meer. Tatsächlich gönnen sich einige Studierende eine Auszeit von Vorlesungen, Referaten und Prüfungsstress. Doch viele nutzen die vorlesungsfreie Zeit auch für Seminar- oder Abschlussarbeiten, nehmen Jobs zur Finanzierung ihres Studiums an oder absolvieren Praktika. Auf dieser Seite berichten Studierende der Freien Universität Berlin von ihren Ausflügen in die Arbeitswelt auf vier Kontinenten. Bezahlt wurde ihre Zeit weder in harten Euro, Kenianischen Schilling, Australischen Dollar noch in Singapur-Dollar – dafür aber mit einer gehörigen Portion Berufserfahrung.

Deutschunterricht in Singapur

Einen in beruflicher Sicht bereichernden Kulturschock erlebte die Lehramtsstudentin Katharina Kunstreich im August und September bei einem Unterrichtspraktikum an der German European School Singapore: „Von den Arbeitsbedingungen und der hervorragenden Ausstattung in Singapur können Schulen in Deutschland nur träumen“, meint die 25-Jährige, die seit wenigen Tagen wieder in Berlin ist. Die Lehramtsstudentin der Fächer Deutsch und Spanisch weiß, wovon sie spricht, denn bei zwei Praktika zuvor in Berlin und Hamburg begegneten ihr die in Südostasien erlebten Annehmlichkeiten wie Beamer oder Laptop-Klassen nie. Auch die geringe Zahl von Schülern pro Klasse hätten das Unterrichten enorm erleichtert. Die Studentin hospitierte in verschiedenen Deutschklassen und durfte sogar eine eigene kleine Unterrichtsreihe von neun Stunden geben. Außerdem war ihr Engagement in der Spanisch-AG der Schule gefragt. In guter Erinnerung hat Katharina Kunstreich auch die intensive Betreuung durch Kollegen: „Ich wurde besonders herzlich aufgenommen.“ Doch so exotisch, wie der Praktikumsplatz auch klingt – die Bewerbung war vergleichsweise unkompliziert: Ein Blick in das Verzeichnis deutscher Schulen im Ausland und eine E-Mail mit Lebenslauf und Anschreiben haben genügt.

Innenpolitik in Down Under

Für außergewöhnliche Praktika bedürfe es unkonventioneller Methoden, wird sich der Student der Politikwissenschaft Benjamin Pfleger gedacht haben: Er nutzte im Anschluss an ein Auslandssemester in Australien die Pause einer Fragestunde des Parlaments der Region Victoria in Melbourne zur Direktbewerbung. Er nahm einen Abgeordneten der Labour-Partei für sich ein und verbrachte bis Anfang des Sommers in dessen Wahlkreisbüro – sechs Monate, die es in sich hatten: „Ich bearbeitete Beschwerden und Anregungen von Wählern, verfasste im Auftrag des Parlamentariers Briefe und Pressemitteilungen, kommunizierte mit Ministerien und organisierte Arbeitskreise und Gruppendiskussionen.“ In den letzten beiden Monaten unterstützte er als Assistant Government Whip seinen Chef sogar bei der Parlamentsarbeit. „Das Praktikum war für mich sehr nützlich, denn ich habe Einblick in alle Abläufe eines Wahlkreisbüros bekommen“, resümiert der 25-Jährige. Geprägt hat es ihn auch aus einem anderen Grund: „Manchmal war ich einem Zeitdruck ausgesetzt, der kaum Fehler zulässt. Diese Erfahrung hat mich sicherlich für stressige Situationen später im Arbeitsleben abgehärtet und mein Selbstvertrauen gestärkt, denn ich weiß, dass ich damit umgehen kann.“

Wertvoller Einblick in die Welt der Bücher

Für das sprichwörtliche Kaffeekochen blieb auch dem Praktikanten Boris Barth keine Zeit. Der Student der Geschichte und Französischen Philologie ergatterte über Kontakte bei einem früheren Praktikum einen sechswöchigen Einblick in die Vertriebsabteilung der Aufbau Verlagsgruppe in Berlin-Mitte. „Die Verlagsbranche ist für einen Geisteswissenschaftler ein potenzielles Arbeitsfeld“, erläutert der 20-Jährige. Seine Aufgaben waren mannigfaltig: Er verschickte Werbemittel aller Art und Lese-Exemplare an Kunden und stellte Rezensionshinweise, Pressemappen oder Übersichten zu Umsatzzahlen zusammen. Als eine Mitarbeiterin erkrankte, sprang er für die Betreuung des Standes der Verlagsgruppe auf der Leipziger Buchmesse ein. Dort beriet er Kunden über das Sortiment und organisierte die Termine der Verlagsmitarbeiter. Eine Woche später half er bei der Vorbereitung der Vertreterkonferenz für das neue Buchprogramm mit. Boris Barth zieht eine positive Bilanz seines Praktikums: „Ich kann mir gut vorstellen, später in der Verlagsbranche zu arbeiten.“

Arbeit gegen den Hunger in Afrika

Veterinärmedizin-Studentin Kristin Kreidel verknüpfte bei ihrem Praktikum soziales Engagement mit ihrer Begeisterung für Afrika: Im August und September arbeitete sie für die Hilfsorganisation Tierärzte ohne Grenzen in Kenia und im Sudan. Im Reisegepäck hatte sie auch ihren gerade erst absolvierten Magisterabschluss in den Fächern Politikwissenschaft, Geschichte und Internationales Recht mit dem Schwerpunkt Entwicklungspolitik. Den Abschluss unterzog sie in Afrika gleich einem Praxistest: Von Nairobi aus koordinierte sie zwei Wochen lang Hilfsprojekte in Kenia und drei Nachbarstaaten und unterstützte später Tierärzte in verschiedenen Regionen. „Es war eine unglaublich schöne und verantwortungsvolle Aufgabe“, erinnert sich die 29-Jährige, „ich habe mit Menschen zusammengearbeitet, deren Existenz von der Tierhaltung abhängt und die trotz harter Lebensbedingungen zumeist sehr positiv eingestellt sind.“ Das Praktikum war nicht nur für Kristin Kreidel ein Gewinn, sondern wird es wohl auch für Tierärzte ohne Grenzen: Während ihres Aufenthaltes verfasste die Studentin mehrere Reportagen, die in einer Festschrift zum 15-jährigen Bestehen der Organisation veröffentlicht werden, um Spenden einzuwerben. Kristin Kreidel ist durch das Praktikum ihrem Berufswunsch näher gekommen: „Vielleicht arbeite ich eine Zeit lang in den Tropen, um die Menschen dort zu unterstützen.“

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