Zeitung Heute : Unverletzbar

CHRISTOPH FUNKE

Die Berliner Brecht-Tage oder die Frage, wer mit wem schliefCHRISTOPH FUNKEErstaunlich, wie widerstandsfähig ein Dichter sein kann.Er hat nicht gut gerochen, dieser Bertolt Brecht, Waschen und Zähneputzen betrieb er nur widerwillig, und die Frauen, viele Frauen, belohnte er mit Sex für Lyrik und Drama.Ein Genie? Oder doch eher ein Werkstatt-Boß, der durch geistige Ausbeutung massenhaft hergestellte Produkte unter seinem Namen höchst gewinnbringend auf den Markt warf? Doch merkwürdig: Was auch immer über diesen Mann herausgefunden wird, macht ihn nicht kleiner.Das Werk bleibt unverletzbar.Auf den Kern des poetischen Opus waren die ersten Gespräche der Brecht-Tage 1998 gerichtet. Zu Beginn, klugerweise, die Editoren.Archiv-Chef Erdmut Wizisla brachte zwei der Herausgeber der Großen Brecht-Ausgabe, Werner Hecht und Jan Knopf, mit den gelassenen Konkurrenten Albrecht Kloepfer und Klaus Völker zusammen.Buchstabenschnüffelei sollte nicht betrieben werden, "konzentrierte Spannung" war vielmehr verlangt.Wie stellt man solche her? Hecht und Knopf erläuterten das Prinzip ihrer Ausgabe, den Arbeitsprozeß Brechts verfolgbar zu machen, durch das Zurückgehen auf die Urgestalt der Texte.Befragt wurden in der Debatte die Entscheidung der Edition für die Gliederung des Werks nach Genres, der Charakter der Kommentare, die Zuordnung übergreifender Werke (Kriegsfibel) in die Ausgabe, die Aufnahme fragwürdiger lyrischer Texte (Völker: Zeilenschrott!) und anderes mehr.Wichtiger als der Streit über Detailfragen war die gemeinsame Haltung der Herausgeber, auch die bisher umfangreichste Brecht-Werk-Ausgabe als Versuch zu nehmen, als Arbeitsschritt und Grundlage für möglichst unverstellte Auseinandersetzung mit Texten.Jan Knopf bezeichnete Brecht dabei als einen völlig neuen Typus von Autor, der literarische Arbeit in der Gemeinschaft organisiert, geleitet - und geadelt habe.Das Entscheidende, letztlich Gültige kam immer von ihm. Im Berliner Ensemble traten dann die Regisseure an.Friedrich Dieckmann befragte Frank Castorf, Thomas Langhoff, Peter Palitzsch und B.K.Tragelehn.Das Theater war überfüllt, obwohl es ja außer den fünf Herren vor dem Leinenvorhang mit der Friedenstaube Picassos nichts zu sehen gab.Und zu hören nicht den fetzigen Streit, den sich wohl mancher erhofft hatte - denn auch Christoph Schlingensief war angesagt, aber anderer Verpflichtungen wegen nicht erschienen.So folgte dem artigen Austausch über die "Initialzündung Brecht" bei den regieführenden Koryphäen bald die Grundsatzdebatte über die Krise des zeitgenössischen Theaters als Krise der Gesellschaft.Frank Castorf, der sich der blockhaften, akademisch bemühten Gesprächsführung Dieckmanns noch am ehesten entzog, machte aus seiner pessimistischen Befindlichkeit kein Hehl: Kein Feindbild mehr.Keine neue Strategie für Theater.Die Wahrheit ist zuschanden geritten.Muß der Durchschnitt heilig gesprochen werden? Die Älteren unter den Regisseuren zeigten sich eher geneigt, dem Theater Möglichkeiten zuzusprechen.Nicht zuletzt dadurch, sich um Fragen nicht herumzumogeln.Theater könne nichts ändern, es habe keine Lösungen anzubieten, die seien nur im Parkett, nicht auf der Bühne zu finden.Aber: Wenn außerhalb des Theaters keine geschichtliche Absicht für Änderung des Gegebenen mehr erkennbar sei, so eben vielleicht im Theater."Wir sind nicht am Ende der Geschichte", sagte Tragelehn.Langhoff beschrieb Entdeckungen, die mit Brecht-Dramatik noch möglich sind - die "Zwischenzeit" im "Kaukasischen Kreidekreis" etwa, merkwürdig verwandt mit den Wendemonaten 1989/90.Und Palitzsch zitierte Luther, der zu Protokoll gegeben hatte, auch im Wissen um den Untergang noch einen Baum pflanzen zu wollen.Das ist ein vernünftiger Satz für Theaterleute, sagte dann auch Castorf - und so werden die Regisseure weiter ihre Arbeit tun, auch nach Brechts hundertstem Geburtstag. Dritter Akt: die Biographinnen und Biographen.Zum ersten Mal nun auch Damen auf dem Podium, Regula Venske und Sabine Kebir, gemeinsam mit Carl Pietzker, John Willett und dem Gesprächsleiter Klaus Völker.Biographie als Ergebnis strenger Wahrheitsliebe oder Verpflichtung zur Lüge (Sigmund Freud)? Sachlichkeit oder Betonung des eigenen Standpunktes? Das Werk hat im Mittelpunkt zu stehen, betonte John Willett, Herausgeber der englischen Brecht-Ausgabe, und nicht der statistische Nachweis, mit wem und wie oft Brecht geschlafen hat.

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