Zeitung Heute : Update: Baudrillard

DIRK DE POL

$ VON DIRK DE POL

Frage: Was treibt eigentlich der französische Soziologe und Medientheoretiker Jean Baudrillard, dem ich bereits vor einiger Zeit an dieser Stelle in "Mensch ohne Eigenschaften" vorgeworfen habe, seine apokalyptische Prognose vom Ende der Informationsgesellschaft sei eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, weil er die gegenwärtig zu beobachtende Tendenz zur Homogenisierung und zu einer einheitlichen Weltkultur mit Hilfe physikalischer Metaphern als unverfügbares Schicksal festschreibe? Antwort: Er ist vom Saulus zum Paulus geworden. Nachdem er jahrelang sein theoretisches Bemühen darauf verwendet hat, darzulegen, daß die Vielfalt der Kulturen unausweichlich dem Mahlstrom der Informationsgesellschaft zum Opfer falle, hat er nun eine erstaunliche Kehrtwende vollzogen.Nicht nur politisch, sondern auch wissenschaftlich sei das Eintreten für Differenzen und kulturelle Eigenständigkeit dringend geboten und sogar sinnvoll.Für diesen Sinneswandel opfert Baudrillard sogar seine von der mythischen Medientheorie enthusiastisch aufgenommenen Theoreme der Simulation und der Hyperrealität. Was er also lange und sehr erfolgreich leugnete, soll nun wieder möglich sein: Realität von Medien-Realität unterscheiden zu können.So einen haarsträubenden Abfall des Meisters von seiner eigenen wahren Lehre, können jene, die sich in der Erwartung der prophezeiten Apokalypse in ihr bequem eingerichtet haben, natürlich nicht ohne Widerspruch hinnehmen.Die Jagd auf den abtrünnigen Ketzer Baudrillard ist eröffnet.Als treibe ihn die Wut orientierungsloser Verzweiflung klagt etwa der Sozialphilosoph Detlef Horster im Februarheft der "Neuen Gesellschaft / Frankfurter Hefte" an und ein: Baudrillard habe doch längst bewiesen, daß "es keine Umkehr mehr geben kann" und daß "die Welt ihren nicht zu bremsenden Selbstlauf begonnen hat". Horster und den übrigen enttäuschten Jüngern empfehle ich, auf der Suche nach einem neuen Führer vertrauensvoll nach Amerika zu wenden.Denn dort geht die mythische Medientheorie gegenwärtig eine sehr suggestive Symbiose mit der Evolutionstheorie ein, wodurch sie im attraktiven Licht naturwissenschaftlicher Legitimation erstrahlt.Was aber den neuen Baudrillard betrifft, so dürfen wir gespannt sein, wie produktiv seine Krise ausfällt. Der Autor ist Literatur- und Medienwissenschaftler und lebt in Berlin.

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