Zeitung Heute : Uran-Geschosse: Deine Toten, meine Toten

Stephan Israel

Zoran Stankovic hat sich zu einer Art Wortführer der Opfer des "Balkansyndroms" gemacht. Der Arzt und Chef der Pathologie am Belgrader Militärkrankenhaus jongliert in seinem Büro bereitwillig mit Zahlen: Rund zehn Prozent der 4000 Serben von Hadzici, einem Vorort von Sarajevo, seien in den letzten fünf Jahren an der einen oder anderen Form von Krebs gestorben. Zur Erinnerung: Nato-Flugzeuge feuerten am 9. und 11. September 1995 knapp 3000 Schuss der mit abgereichertem Uran gehärteten Spezialmunition auf ein Werksgelände, auf dem die Armee der bosnischen Serben während der Belagerung von Sarajevo Panzer und anderes Kriegsgerät reparieren ließ. Wenig später kam es zum Friedensschluss von Dayton. Hadzici wurde der muslimisch-kroatischen Föderation zugeschlagen. Die serbischen Bewohner verließen am 5. März 1996 Hadzici in einem organisierten Exodus. Ihnen wurde das ostbosnische Bratunac als neuer Wohnort zugewiesen, ein Dorf, das zu Kriegsbeginn von der mehrheitlich muslimischen Bevölkerung "gesäubert" worden war. Heute sterben die ehemaligen Bewohner von Hadzici in der neuen Heimat von Bratunac, sagt Zoran Stankovic: Als späte Opfer eines Nato-Angriffs, der mehr als fünf Jahre her ist.

Zoran Stankovic wird zur Zeit von Journalisten aus der ganzen Welt heimgesucht. Er gilt als Experte in seinem Fach: Der Arzt hat nach eigenen Angaben während des Kriegs und danach im benachbarten Bosnien gegen 4000 Autopsien durchgeführt. Der korpulente Pathologe ist auch ein guter Freund von Ratko Mladic, dem einstigen General von Serbenführer Karadzic und heutigen Angeklagten des Haager Kriegsverbrechertribunals.

Zoran Stankovic will jedoch nicht die Nato allein verantwortlich machen: In der Reparaturwerkstatt von Hadzici sei auch mit den Resten der Uran-Munition experimentiert worden. Aus dem gehärteten Material seien Kugelwesten für Soldaten hergestellt worden. Stankovic will das vom Direktor der Werkstätte erfahren haben. Der ehemalige Offizier schäme sich jedoch heute und wolle aus Furcht vor der Rache von Angehörigen der Opfer des "Balkansyndrom" nicht mehr zu seiner Aussage stehen. Die Anekdote von den Kugelwesten lässt sich in Bratunac allerding ebenso wenig erhärten wie die Zahlen, die Stankovic präsentiert hat.

Slavica Jovanovic war die letzten fünf Jahre Direktorin des Ambulatoriums von Bratunac und hat Buch über die Todesfälle geführt. Sie hat nicht nur unter den ehemaligen Bewohnern von Hadzici, sondern generell in der Flüchtlingspopulation eine leicht überdurchschnittliche Todesrate festgestellt. Die Flüchtlinge aus Hadzici sterben allerdings noch etwas öfter als Vertriebene aus anderen Gemeinden. Während der Kriegsjahre gab es für viele keine Möglichkeit, regelmäßig einen Arzt zu besuchen. Und heute fehlt den meisten das Geld dazu. Krebs und andere Krankheiten werden deshalb oft in einem sehr späten Stadium festgestellt. Hinzu kommen das Trauma der Flucht, der Entwurzelung und die Folgen der schlechten Ernährung.

Slavica Jovanovic weiß von den Ängsten der Flüchtlinge aus Hadzici. Sie kann jedoch die Zahlen ihres Belgrader Kollegen Stankovic nicht bestätigen. Im ersten Jahr nach dem Exodus zählte die Direktorin des Ambulatoriums 36 Todesfälle unter den rund 4500 Flüchtlingen aus Hadzici. 1997 starben 41, und im ersten Halbjahr 1998 zählte sie 26 Todesfälle. Weiter konnte die Ärztin mangels Mittel ihre Statistik neben der täglichen Arbeit nicht führen.

Die Nachricht vom "Balkansyndrom" hat allerdings inzwischen auch Bratunac erreicht. Jede Krebserkrankung wird jetzt auf die Uran-Munition zurückgeführt. Man ist gemeinsam geflüchtet und ist auch am neuen Ort eine verschworene Schicksalsgemeinschaft. Und jeder weiß von einem Verwandten oder nahen Bekannten, der plötzlich erkrankt und ebenso plötzlich gestorben ist. Selbst auf dem Friedhof von Bratunac haben die Flüchtlinge aus dem Sarajevoer Vorort ihre eigene Abteilung.

Nur eine ernsthafte Untersuchung, sagt Ärztin Jovanovic, könne Klarheit schaffen. Immerhin zeigen sich jetzt erstmals auch die Behörden der bosnischen Serbenrepublik am Schicksal der Flüchtlinge von Bratunac interessiert. Experten untersuchten diese Woche die noch intakten Maschinen, welche die Fabrikarbeiter von Hadzici abtransportiert und ins Exil mitgenommen hatten. An den Apparaten sei keine erhöhte Radioaktivität festgestellt worden. Ganz anders bei den Munitionsresten, die einige der Flüchtlinge als Erinnerung an den Beschuss durch die Flugzeuge der Nato mitgenommen und in der neuen Wohnung aufgestellt hatten. Die Experten hätten die Bevölkerung inzwischen eindringlich aufgefordert, die strahlenden Souvenirs abzugeben, sagt die Ärztin.

Bratunac mit seinen 20 000 Einwohnern ist auch ohne die Furcht vor dem "Balkansyndrom" ein Ort der Tristesse. Weder die gestrandeten Vertriebenen noch die gebürtigen Einwohner haben Arbeit. Wer einen Weg findet, sucht sein Glück irgendwo in Westeuropa oder in den USA. Vor allem deshalb schrumpft die Gemeinschaft der Flüchtlinge von Hadzici in Bratunac.

Dort, wo einst die Moschee stand, wuchert heute Gras, und gleich daneben hat einer der Profiteure aus dem Krieg ein Hotel mit dem passenden Namen "Evropa" hingestellt. Auch sonst erinnert nichts an die einst muslimische Mehrheit im Ort. Die serbischen Machthaber ließen schon 1992 die gesamte muslimische Bevölkerung deportieren, rund 200 wurden hingerichtet.

"Sind sie jetzt glücklich ohne uns?", fragt Safet, ein gut 40 Jahre alter Lehrer, nach der Stimmung an seinem heute rein serbischen ehemaligen Wohnort. Safet, der seinen ganzen Namen nicht nennen will, stammt aus Bratunac und lebt heute in Hadzici. Er und seine Frau, die im Erdgeschoss einen kleinen Laden führt, wollen wissen, wie es heute in Bratunac zugeht. Der Muslim hat mit einem Serben, der nun in seinem ehemaligen Heimatdorf lebt, das Haus getauscht. Safet hat die Deportation mit seiner Familie überlebt. Heute wohnt die Familie des Lehrers direkt neben jener Panzerwerkstatt, die nun wegen der Uran-Munition in die Schlagzeilen geraten ist. Das weitläufige Gelände ist durch einen hohen Zaun abgesperrt. Soldaten der Nato-Friedenstruppen haben erst vor wenigen Tagen Reste von Uran-Munition auf dem Gelände mit Plastikbändern markiert. Rund um das Werksgelände warnen Schilder aber auch vor Minen, welche die Serben vor dem Abzug zurückgelassen haben.

"Wie sollen wir Angst haben vor Uran-Munition, nach allem, was wir während des Krieges erlebt haben?", wundert sich Mirsada, die Frau des Lehrers. Ehemann Safet fragt sich, weshalb die Uran-Munition knapp sechs Jahre nach Kriegsende zum Thema wird und hält die Warnungen ohnehin nur für Propaganda: "Vielleicht sucht der Westen ja nach einem Vorwand, um sich vom Balkan zurückzuziehen."

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