Zeitung Heute : Uranias Erben

HARTMUT WEWETZER

Mehr als 700 000 Menschen sahen die Ausstellung "Körperwelten" des Anatomen Gunther von Hagens.VON HARTMUT WEWETZERAusstellungen im Mannheimer Landesmuseum für Technik und Arbeit pflegen im allgemeinen nicht die Aufmerksamkeit größerer Kreise zu wecken.Schon der Name wirkt abschreckend - Technik und Arbeit.Aber in diesen Tagen ging eine rekordverdächtige Schau in besagtem Landesmuseum zuende.Mehr als 700 000 Menschen sahen die Ausstellung "Körperwelten" des Anatomen Gunther von Hagens.Zuletzt war das Museum wegen des Besucherandrangs rund um die Uhr geöffnet.Stunden des Wartens nahmen die Leute in Kauf, um sich präparierte, eingefärbte und mit Kunststoff konservierte und gehärtete Leichen anzusehen.Noch nie dürfte eine einzelne Ausstellung in so weiten Teilen der Bevölkerung soviel Neugier geweckt haben.Aber wer um der Sensation willen gekommen war, verließ die "Körperwelten" beeindruckt und informiert über den Bau und das Aussehen des menschlichen Körpers.Ein gelungenes Exempel der Aufklärung also, ein kleiner Triumph der Wissenschaft.Und eine Provokation.Aber kein Frevel, wie die Kritiker meinten.Den Menschen das Begreifen erleichtern, indem man sie zum Staunen bringt, das war auch das Leitmotiv der Urania-Schöpfer vor 110 Jahren.Schon sie waren Entertainer für einen höheren Zweck und wollten die damals neuen Naturwissenschaften, allen voran die Physik, unters Volk bringen.Man setzte auf moderne Technik.Sternen-Teleskop, wissenschaftliches Theater und Experimente zum Selbermachen belehrten die Besucher spielerisch, indem sie faszinierten und unterhielten.Und schon damals fanden manche unfein, was da getrieben wurde - nicht zuletzt viele Gelehrte selbst.Heute, möchte man meinen, haben es die Wißbegierigen leichter, sich klug zu machen.Kein naturwissenschaftlicher Unterricht ohne Experimente (und neuerdings wieder züchtig getrennt nach Geschlechtern), dazu ungezählte Bildungseinrichtungen, Büchereien und ein Computernetz, das auf Knopfdruck Informations-Konfetti zu jedem beliebigen Begriff und in beliebiger Menge ausspuckt.Wissen ist also in schier unbegrenzter Fülle vorhanden, scheinbar wertfrei, stetig wachsend und mit potentiellem Mehrwert.Und über all dem schwebt das hehre Wort von der Wissensgesellschaft.Wissen sei der Rohstoff der Zukunft, heißt es.Das hört sich nett und schlüssig an.Aber eine Flut von jederzeit abrufbaren Informationen macht noch keine Bildung.Dazu bedarf es mehr.Zum Beispiel des Elans, der die Väter der Urania beflügelte.Also jener ansteckenden Leidenschaft für die Sache, die die Urania-Besucher Wernher von Braun, Manfred von Ardenne und Max von Laue dazu brachte, später selbst in die Wissenschaft zu gehen.Heute aber mangelt es an Popularisierern, die Neugier und Forscherdrang beflügeln, sich unters Volk mischen und mit ihm debattieren - so wie der Anatom von Hagens.Dessen Arbeit mag umstritten bleiben, vorbildhaft war dennoch die Risikobereitschaft, mit der sich von Hagens schonungslos der öffentlichen Kritik aussetzte - und gewann.Seit den Pionierzeiten der Urania ist die Bedeutung der Wissenschaft im öffentlichen Bewußtsein deutlich zurückgegangen, allen Lobreden zum Trotz.Vielen ist das Treiben der Forscher unheimlich geworden.Kritiker und Bedenkenträger haben die Oberhand gewonnen.Ob sie in jedem Fall recht haben, sei dahingestellt.Aber das gärende Unbehagen am wissenschaftlichen Tun sollte schon aus eigenem Interesse ein Grund für Forscher sein, ihr Tun der Öffentlichkeit erklären.Und es ist nicht das schlechteste Argument für die Urania-Idee.Auch wenn es nicht mehr um die Selbstdarstellung der Wissenschaft, sondern um die Verteidigung der Vernunft geht.

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