Zeitung Heute : Urheberschutz im Internet

Halb Hollywood war Anfang vergangener Woche in Washington - und zwar nicht, um mit ihrem Kumpel Bill Clinton zum Lunch zu gehen.Der Grund des Auftriebs ist ein Gesetzesvorschlag aus dem Kongreß zum Thema Copyright im Internet.Obwohl das Gesetz am Montag bereits verabschiedet wurde, kann man sicher sein, daß das nur der erste Anlauf zur Regelung eines Problems ist, das wieder und wieder auf der Tagesordnung stehen wird.

Weil der Handel im Internet, der sogenannte Ecommerce, heutzutage in ist, behauptet jeder, nur mit den besten Absichten für das Internet zu handeln.Die Lobbyisten, die den US-Kongreß gedrängt haben, den Digital Millenium Copyright Act - das digitale Jahrtausend Copyright Gesetz - zu verabschieden, sagen, es werde den Schöpfern geistigen Eigentums mehr Sicherheit im Netz geben.Wahrscheinlich ist jedoch, daß die Flucht in Gesetze eine schiere Überreaktion ist, vor allem in einem so frühen Stadium.

Die Vereinigten Staaten standen schon einmal vor dieser Situation.Damals waren es der Fotokopierer und der Videorekorder, die in Hollywood und bei anderen kreativen Typen schwitzige Hände hervorriefen.Trotzdem blieb in den amerikanischen Gesetzen zum Umgang mit diesen Innovationen genug Spielraum, um die lockere Art der Piraterie noch zuzulassen.Das Geschäft mit den Büchern blühte trotz der Kopierer, die zur Standardausrüstung in allen Bibliotheken wurden.Das gleiche gilt für Videorekorder, der es den Leuten, die von neun bis fünf Uhr im Büro sitzen, erlaubt, ihre Lieblings-Filme am Abend zu sehen.

Der Internationale Index zum Report über bildende Kunst brachte ein interessantes Ergebnis: Nicht nur das Internet wuchs mit halsbrecherischer Geschwindigkeit - auch die Unternehmen, die Werke mit Copyright hervorbringen, wuchsen schneller als die Gesamtwirtschaft.Mit anderen Worten: Das Internet hat die Anreize für Kreativität nicht zerstört.Und es darf angenommen werden, daß sich die kreativen Branchen weiterhin schnell an die neue Technologie anpassen, ohne daß der Gesetzgeber einen breiten, undurchlässigen Vorhang herunterlassen muß.Kunden dieser Branchen legen einen bestimmten Wert auf Annehmlichkeit und auf Markenimage.Anbieter haben deshalb einen natürlichen Anreiz, sich Wege auszudenken, es reizvoller für Kunden zu machen, die Ware zu einem bestimmten Preis zu kaufen.Einige der Online-Shops sind bereits gut dabei, dies zu tun.

Sogar Platten- und Videoläden können das Durchsuchen des Angebots zu einer unterhaltsamen Erfahrung machen, statt ihren Laden einfach dicht zu machen.Der Punkt ist, daß es wenig Sinn hat, eine noch nicht ausgereifte Technologie zu verbieten, die dies möglich macht, Songs direkt von einer Website abzuhören.Es wird noch genug Zeit dafür sein, die Gesetze anzupassen, wenn es wirklich nötig sein sollte.Die Menschen kaufen immer noch Millionen von Kassetten, statt sich die Songs aus dem Radio oder von geliehenen CDs aufzunehmen.Sie würden eher ein echtes Buch ins Regal stellen, als ein Bündel vergilbender, zusammengehefteter Seiten.Es ist ziemlich sicher, daß die meisten Menschen sich nicht einer digitalen Version des Lebens zuwenden werden, wo jeder seinen eigenen Lesestoff, seine Musik und seine Videos aus dem Internet laden wird.Die Zukunft liegt bei jenen, die Informationen für den Nutzer zuschneiden und managen.Für die Hersteller und Besitzer kreativer Arbeit sind die Möglichkeiten, die das Internet bietet, eher eine große Chance als eine große Bedrohung.

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