Zeitung Heute : Urlaub in der Rhön: Ökologie und Tourismus - Von Schafsnase und alter Goldparmäne

Walter Schmidt

Wenn der Beweis gelingt, dass der Mensch die Natur schonend nutzen kann, dann ist das auch Menschen wie Jürgen Krenzer zu verdanken. Der 35-jährige gelernte Koch und Hotelfachwirt aus der Rhön führt nicht nur mit pfiffigen Ideen und einer Wagenladung Engagement einen gutgehenden Gasthof in Seiferts, einem Dorf im Ulstertal kaum zwei Kilometer vom Dreiländereck Hessen-Thüringen-Bayern entfernt. Er ist auch Vorsitzender der Rhöner Apfel-Initiative, die seit 1995 dafür kämpft, die Streuobstwiese "vor dem wirtschaftlichen und ökologischen Aus zu retten" und damit auch Eidechsen, Siebenschläfer und Steinkauz wieder mehr Lebensraum zu geben.

Krenzer will vermeiden, dass seine Gäste auch in ihrem Urlaub nur die Wahl zwischen einer Handvoll polierter Allerwelts-Apfelsorten haben, "wo es doch allein in der Rhön noch immer rund 300 verschiedene gibt", darunter so schön klingende wie die Schafsnase, der Ausbacher Rote und der Geflammte Kardinal.

Seine Initiative will Bauern, Gastwirte und Touristen zusammenbringen, damit möglichst ungespritzte Rhöner Äpfel auch in der Region angeboten und verzehrt werden. Der Gewinn käme so den Menschen an Ort und Stelle zugute. Doch die Feriengäste sollen nicht nur Äpfel essen, sondern können auch selbst ernten, den Most keltern und beim Apfelweinmachen helfen. Etliche Erlebnistage rund um die Frucht ermuntern zum Mittun.

Auf Wanderungen zu Streuobstwiesen erklärt der junge Rhön-Wirt seinen Gästen alte Apfelsorten wie Boskoop, Goldparmäne und Jakob Lebel. Dann werden Äpfel geerntet und nach der Rückkehr in Krenzers moderner Schau-Kelterei zu einem köstlichen Apfelsaft gepresst, gegen den die Industrieware aus dem Getränkemarkt nicht ankommt. "Wir wollen hier keinen Naturschutz mit erhobenem Zeigefinger", sagt der Apfel-Experte. Wenn den Urlaubern ihre Erlebnisse Spaß machten, gäben sie auch gerne mehr Geld aus - für Honig aus Wüstensachsen, wie ihn der Imker Willi Trapp für Gäste anschaulich herstellt, oder auch ein Steak vom Rhöner Weideochsen, dessen Zerlegung der Metzger Ludwig Leist im unweit gelegenen Hilders Besuchern vorführt.

Das alles ist ganz im Sinne der Weltkulturorganisation Unesco, welche die Rhön 1991 mit dem Titel Biosphärenreservat geadelt hat - ein 1850 Quadratkilometer großes Gebiet östlich von Fulda, in dem regionales Wirtschaften und der Schutz der Kulturlandschaft Hand in Hand gehen sollen. Die eigentliche kulinarische Delikatesse der Rhön ist das würzige Fleisch des nach ihr benannten Schafes. Wer die beinahe ausgestorbene Schafrasse mit dem schwarzen Kopf nicht nur auf dem Teller genießen, sondern richtig kennenlernen will, der ist bei Schäfer Dietmar Weckbach im nahegelegenen Wüstensachsen durchaus an der richtigen Stelle.

Der 37-Jährige und seine sechs Hirtenhunde hüten auf 130 Hektar gepachteter Weide derzeit 500 Mutterschafe und im Frühjahr bis zu 600 Lämmer. Rund 320 Muttertiere sind echte Rhönschafe, eine zähe, an das rauhe Leben in bis zu 900 Meter Höhe hervorragend angepasste Art, die zwar weniger und langsamer Fleisch liefert als das Merino-Schaf, dafür aber ein besonders wohlschmeckendes.

"Die Urlauber wollen eigentlich nur noch Rhönschaf essen", sagt Weckbach. Urlaubergruppen ab 15 Personen können ihn von Wüstensachsen aus für einige Stunden oder auch den ganzen Tag auf die Weiden in der Hochrhön begleiten. Der Schäfer nimmt fünf Mark pro Kopf. Einzelreisende können ihn auf den Weiden besuchen; ein Handy führt er immer dabei.

Weckbach zeigt seinen Gästen die Arbeit mit den Altdeutschen Schäferhunden, legt Kindern Lämmer in die Arme und demonstriert, wie sich ein Schafhirt korrekt auf die Schäferschippe lehnt. Der mannshohe Haselstock hat nicht nur einen Haken, mit dem Weckbach nach den Beinen der Schafe angeln kann, sondern eben auch eine kleine Metallschippe, mit der sich ein Brocken Erde nach widerspenstigen Tieren werfen lässt, damit sie parieren. Manche seiner Gäste schwärmen schnell vom einfachen Schäferleben an der frischen Luft. "Die Büromenschen sehen mich hier aber nicht bei Hagel und eisiger Kälte, ohne einen Tag Urlaub im Jahr", sagt der gebürtige Schweinfurter, der vor Jahren eine durch den Umweltverband Bund vorm Schlachter gerettete Herde Rhönschafe übernahm.

Auch Weckbachs Kollege Josef Kolb im bayerischen Ginolfs führt Urlauber zu seiner Herde. Seine Tiere sorgen sogar schon länger dafür, dass die Hochweiden nicht verbuschen und das bei Wanderern so geschätzte Gepräge der Rhön erhalten bleibt. Seidelbast, Türkenbund und Akelei, aber auch Vögel wie die Dorngrasmücke und der Neuntöter haben auf den artrenreichen Weiden gute Überlebenschancen. Heute blöken wieder etwa 3000 Rhönschafe in der alten Heimat - gegenüber nur noch 300 Ende der 50er Jahre.

Wer von Wüstensachsen aus zur Wasserkuppe, dem mit 950 Metern höchsten Berg Hessens, aufsteigen will, wird dicht an Lothar Keidels Teichen vorbeikommen. Der 38-jährige Fischwirtschaftsmeister widmet sich vornehmlich der Rhöner Bachforelle, die in dieser Region allmählich wieder häufiger gezüchtet wird. In 24 seiner 31 schonend bewirtschafteten Teiche tummeln sich die quirligen Fische mit den charakteristischen roten Punkten, woran sie gut von der Regenbogenforelle zu unterscheiden sind. Wenn Kelder Besuchern seine teilweise 110 Jahre alten Teiche zeigt, lässt er keinen Zweifel daran, "dass die Bachforelle besser schmeckt", was Kennern den drei Mark höheren Kilopreis wert ist. Sie sei nur leider aus der Mode gekommen, weil die Regenbogenforelle statt dreier nur zwei Jahre bis zur Schlachtreife brauche und aggressiver sei, weshalb Angler sie so lieben. "Die beißt halt besser", sagt Kelder. Doch für die Ökologie der Mittelgebirgsbäche ist der modische Nimmersatt kein Gewinn: Er zerstört die Laichkuhlen der Bachforelle. Im Biosphärenreservat soll die einheimische Fischart wieder verstärkt auf die Speisekarten gelangen. Urlauber können beim Bestellen im Restaurant dazu beitragen, indem sie - wie sie es beim Rhönschaf auch tun - genau nachfragen. "Was dort nämlich als Rhöner Räucherware angeboten wird, sind oft Regenbogenforellen aus Kolumbien, Peru oder Chile", klärt Kelder auf. "Wo Geld zu verdienen ist, wird es eben gemacht."

Oberhalb von Kelders Fischteichen beginnt der eigentliche und Schweiß treibende Anstieg über gut 300 Höhenmeter zur Wasserkuppe. Wanderer durchqueren rauschende Mischwälder, später das Rote Moor mit seinen Karpatenbirken-Wäldchen und Borstgrasrasen, steigen vorbei am zerbröckelnden Basaltkegel des Schafsteins und an der ummauerten Fulda-Quelle, die im trockenen Frühherbst eher tröpfelt, als dass sie "den Berggruß rauschend einherträgt", wie es eine Gedenkplatte will.

Auf der Wasserkuppe, einem Dorado für Segelflieger, sitzt auch die hessische Verwaltung des Biosphärenseservats. Gernot Sauer hat hier ein waches Auge darauf, wie sich die Landwirtschaft in der Rhön entwickelt. "Ohne das Reservat hätten nur wenige Bauern den Sprung in den Öko-Landbau geschafft", sagt der gelernte Landwirt. Heute wirtschafteten von 1800 Höfen 160 ökologisch. Das war mal ganz anders: "Wenn ich 1991 in eine Bauernversammlung von Öko-Landbau gesprochen habe, musste ich aufpassen, dass mir keine Bierkrüge um die Ohren flogen", erinnert sich Sauer. Gottlob habe sich auch die Haltung der Einheimischen gegenüber dem nutzungsfreundlichen Schutzkonzept inzwischen grundlegend geändert. Anfangs hätten die Rhöner die Nase gerümpft über das drohende "Indianer-Reservat", um das sicher bald ein Zaun gezogen würde. "Es hieß, die grüne Kralle greife sich nun auch die Rhön und ersticke jedes wirtschaftliche Tun", wundert sich Sauer heute.

Es hat Jahre gedauert, bis die Menschen merkten, dass das Reservat aus der Rhöner Landschaft und ihren Produkten ein sehr einträgliches Markenzeichen machen kann. Dass sich manche Touristen noch schwertun mit der Idee, regionale Erzeugnisse zu bevorzugen, zeigt ein Fall, von dem Ulrich Kolb, der Bruder des Rhönschäfers, berichten kann. Auf bayerischer Seite, östlich vom sehenswerten Schwarzen Moor mit seiner uhrglasartigen Torfkappe, bewirtschaftet Kolb den Rhönhof, einst von den Nazis als Erbguthof errichtet. Auch bei ihm gibt es Rhönschaf-Gerichte, und statt Cola und Fanta kredenzt er Holunder-Limo und frischen Apfelsaft.

Eines Tages rief das Tourismusamt an und kündigte ihm eine 15-köpfige Gruppe von Kölner Urlaubern an, die Interesse an einer Planwagenfahrt über die Hochrhön hatten. Kolb bietet so etwas an, und er schwärmt dann vom Kutschbock oder winters vom Pferdeschlitten aus nicht nur vom Rotmilan, dem "Vogel des Jahres 2000", der hier noch sehr häufig vorkommt. Er zeigt auch die Fichtenhaine, die der Reichsarbeitsdienst vom ehedem benachbarten "Dr. Hellmuth-Lager" aus hat pflanzen lassen, um den scharfen Wind zu brechen und das Moor urbar zu machen. Er berichtet von der Hochrhönstraße, die russische Kriegsgefangene im Lager haben schottern müssen.

Und er rumpelt nach einem Abstecher ins Schwarze Moor hinüber zur ehemaligen Zonengrenze beim thüringischen Dorf Birx, wo noch heute Grenzzäune und ein gespenstischer Wachturm all jene zur Besinnung bringen sollten, die gerne wieder die Mauer errichten würden. Doch über die Kölner Gruppe musste Kolb den Kopf schütteln. "Die bestanden darauf, dass ich ihnen einen Kasten Warsteiner in den Planwagen stelle", wundert er sich noch heute. Das hat er abgelehnt und wollte die Fahrt absagen lassen. Die Kölner kamen trotzdem und tranken Rhöner Bier. "Es hat ihnen geschmeckt", sagt Kolb und grinst. Vielleicht ist auch der Groschen bei diesen Ausflüglern gefallen, und die Rhön hat ein paar Freunde mehr.

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