Zeitung Heute : Urlaub in ehemaligen Industrieregionen boomt - doch vor jähem Ende wird gewarnt

Joachim Görres

Der Harz - Wandern im Sommer, Ski fahren im Winter, Nationalpark mit einzigartiger Natur, herrliche Aussicht vom 1142 Meter hohen Brocken, romantische Fachwerkstädte. So preist die Deutsche Bahn Deutschlands nördlichstes Mittelgebirge in einem Prospekt als Urlaubsziel an, und so vermarkten die Fremdenverkehrsbüros aus dem Harz ihre Region ebenfalls am liebsten. "Die Industriegeschichte des Harzes gilt immer noch als Stigma, die wird lieber nicht erwähnt", sagt Reinhard Roseneck. Roseneck ist Leiter des Rammelsberg Bergbaumuseums in Goslar.

Seit 1992 gehört der Rammelsberg, wo bis 1988 ein Bergwerk in Betrieb war, zum Unesco-Weltkulturerbe. Hier, wo sich einst die größte Kupfermine Europas befand, kann man sich auf die Spuren nach mehr als tausend Jahren Bergbaugeschichte machen, an verschiedenen unterirdischen Führungen teilnehmen und dabei anschaulich erleben, wie sich die Arbeit in einem Bergwerk vom Mittelalter bis zur Gegenwart verändert hat. "Wir verfügen von der Fläche her über eine der größten Museumsanlagen in Deutschland, ein Tag reicht kaum aus, um alles zu besichtigen", so Roseneck.

Auch wenn es viele Verantwortliche noch nicht begriffen haben: Tourismus in ehemaligen Industrieregionen hat Konjunktur. Durch die Internationale Bauausstellung Emscher Park ist in den 90er Jahren das Ruhrgebiet als Urlaubsziel entdeckt worden. Auch Roseneck profitiert von diesem Trend, der in Rammelsberg durch die Verleihung des Unesco-Titels begünstigt wurde: "1998 hatten wir 30 Prozent mehr Museumsbesucher als im Vorjahr, im vergangenen Jahr zählten wird 140 000 Gäste, und viele kommen extra wegen unseres Museums in den Harz."

Roseneck war einer von zahlreichen Leitern eines Industriemuseums, die am vergangenen Wochenende auf der größten alternativen Reisemesse, dem Reisepavillon in Hannover, mit Tourismusexperten über den Stand und die Perspektiven des Industrietourismus diskutierten. "Die Touristiker sind an alten Fabriken als Kulisse interessiert. Sie überlegen, wie man an diesem besonderen Ort einzigartige Events durchführen kann, um damit viele Leute anzulocken. Irgendwann werden sie davon genug haben und etwas Neues suchen. Wir dürfen nicht zulassen, dass Industriekultur zur Staffage verkommt," fordert Roseneck.

Einige Kilometer weiter, im Oberharzer Bergwerksmuseum Clausthal-Zellerfeld, überlegt Willi Marbach, wie er den Besuchern das einstmals größte Tunnelsystem der Welt und seine Umgebung noch näher bringen kann. Künftig sollen sie mit einer Info-Box ausgestattet selbstständig das Freigelände erkunden und per Knopfdruck an Originalschauplätzen ganz nach Interesse alles Wissenswerte über den historischen Ort erfahren, am dem sie sich gerade aufhalten. "Wir verschandeln so die einzigartige Landschaft, die wir ja gerade herausstellen wollen, nicht mehr mit großen Informationstafeln", meint Marbach. Er will nicht nur die Entwicklung der Technik darstellen, sondern die Bedeutung des Bergwerks für die Kulturgeschichte zeigen.

In einem Schaubergwerk können alle Arbeitsschritte verfolgt werden, die nötig waren, um die silberhaltigen Erze ausbeuten zu können. In einer Bergwerksiedlung wird der Einfluss der Arbeit auf das Leben der Familien dargestellt.

Während die Bergbaumuseen im Harz über Jahre gewachsen sind und langsam an Anerkennung gewinnen, ist in anderen Regionen aus der Not eine Tugend gemacht worden. "Als die ersten Initiativen für die Oberösterreichische Eisenstraße entstanden, war der Widerstand groß", sagt Udo Wiesinger vom Museum der Arbeitswelt Steyr. Der Schmerz über den Verlust der Arbeit in den gerade geschlossenen Großbetrieben der Eisenindustrie sei zu groß gewesen, als dass die betroffene Bevölkerung ihre einstigen Arbeitsstätten als Museum erhalten wollte. "Abreißen, weg damit" - das ist die überwiegende öffentliche Meinung. "Die Stimmung hat sich geändert, als Einzelne sich für den Erhalt alter Anlagen einsetzten und ihre Freizeit für die Instandhaltung opferten", meint Wiesinger.

Mit finanzieller Unterstützung der Gemeinden und des Landes wurde 1998 das Projekt "Land der Hämmer" verwirklicht. In 30 Gemeinden der Region Pyhrn-Eisenwurzen, entlang der neu geschaffenen Eisenstraße, können Touristen wieder eingerichtete Schmelz- und Hammerwerke sowie Huf-, Sensen-, Schwert- und Nagelschmieden besichtigen oder die Entwicklung von der Maultrommel zur Harmonika kennenlernen. 700 000 Besucher zog es 1998 in die Dörfer, in denen Tourismus sonst kaum eine Rolle spielt. Mit der Reduzierung der finanziellen Förderung und eingeschränkten Öffnungszeiten gingen im vergangenen Jahr auch die Besucherzahlen zurück.

"Bei uns gibt es viel weniger spektakuläre Einzelobjekte wie im Ruhrgebiet, dafür ist die Industrie stark in die Landschaft eingebettet. Im Zentrum liegt ein Nationalpark. Viele Urlauber verbinden die Erholung in diesem großen Waldgebiet mit Abstechern an die Stätten des Eisenwesens. Die Kombination dieser beiden Elemente ist ganz wichtig für den Erfolg. Außerdem muss die Bevölkerung beteiligt werden, wenn der Tourismus in einer einstigen Industrieregion eine Chance haben soll", das ist die Erfahrung Wiesingers.

Das Ruhrgebiet wird immer wieder als Vorbild beschworen, wenn es darum geht, eine ganze Industrieregion touristisch zu vermarkten. Nach anfänglichem Zögern springen dort viele Privatleute auf den Tourismuszug auf und bieten Bed und Breakfast an, und mit steigenden Gästezahlen wächst der Stolz auf die eigene Geschichte. So einfach scheint das.

Alle Tourismusmanager träumen von der Currywurst, deren Verzehr an einem Imbiss im ehemaligen Kohlenpott inzwischen den gleichen Kultstatus hat wie der Kauf einer Pizza bei einem Rom-Besuch.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben