Zeitung Heute : Urlaub in Gefahr

Gibt der Richter den Djerba-Opfern jetzt Recht, ist die Reisebranche bedroht

Jost Müller-Neuhof

Opfer des Anschlags auf eine Synagoge in Djerba im Jahr 2002 klagen heute gegen Tui. Welche Bedeutung hat das Verfahren?

Vor kurzem erst kündigte der Reiseveranstalter Tui zehntausende zusätzliche Flugplätze für die Herbsturlauber an, die nach Süden wollen, auch Reisen nach Djerba, die beliebte Ferieninsel vor der tunesischen Küste. Das Attentat vom 11. April 2002 haben offenbar viele vergessen – die Opfer und ihre Angehörigen nicht. Heute verhandelt das Landgericht Hannover die Klage eines damals besonders schwer verletzen Jungen. Schadenersatz und Schmerzensgeld wegen islamistischen Terrors, das gab es noch nie in der Bundesrepublik.

Adrian E. ist heute fünf Jahre alt. Er geriet in die Flammen, als Attentäter einen mit Gasflaschen beladenen Laster vor der Synagoge in Djerba in die Luft jagten. 21 Menschen starben, darunter 14 Deutsche. Adrian überlebte, entstellt und pflegebedürftig, nach mehr als 20 Operationen. Die Bundesregierung richtete einen Opferfonds ein. Nach Angaben von Tui soll jeder der am schlimm Betroffenen daraus 250000 Euro erhalten haben, dazu 100000 vom tunesischen Hotelverband. Jedoch: „Soweit Zahlungen geleistet worden sind, reichen diese zum Ausgleich des Schadens nicht aus“, sagt der Berliner Anwalt von Adrian, Burghardt Lau.

Tui, mit dessen Unternehmenstochter 1-2-Fly die Familie unterwegs war, versteht die Welt nicht mehr. „Das Ende der organisierten Reisen“ sieht der Konzern gekommen, sollte Adrian mit seiner Klage gewinnen. Anwalt Lau sieht das weniger dramatisch, meint aber, im Hinblick auf die globale Gefahr seit dem 11. September 2001 sei ein Umsteuern nötig: „Das Gericht wird zu entscheiden haben, wie ein Veranstalter mit seinen Reisenden umzugehen hat“. Djerba sei nach dem Terror in den USA alles andere als ein sicheres Pflaster gewesen. „Vor Ort rumorte es. Es gab Unruhen, von denen der Veranstalter wusste – oder hätte wissen müssen“, sagt er und verweist auf Demonstrationen und Attacken auf Busreisende.

War die ganze Tour, mindestens aber der Ausflug zur Synagoge also Leichtsinn? Darum dreht sich der Prozess. Tui verteidigt sich damit, keine Informationen über eine etwaige Gefährdung gehabt zu haben. „Von Demonstrationen wussten wir nichts“, sagt Konzernsprecher Robin Zimmermann. Im Gegenteil, noch einen Tag vor dem Attentat habe das Auswärtige Amt in Berlin einen Sicherheitshinweis gegeben. „Keine Gefährdung“ für Djerba.

Anwalt Lau meint, darauf könne es nicht ankommen. „Der Reiseveranstalter muss sich vor Ort darum kümmern, ob seine Kunden sicher sind“. Bisher sind diese Hinweise im Reiserecht das Maß der Dinge. Sieht das Außenministerium ein Risiko, dürfen Reisen kostenfrei storniert werden. Die Kläger sind überzeugt, die Vorfälle auf Djerba im Vorfeld des Attentats seien zumindest unter den Einheimischen bekannt gewesen und der Veranstalter hätte sich kundig machen müssen. Tui hält die Anforderungen für überzogen. „Wir sind kein Geheimdienst“, sagt Tui-Sprecher Zimmermann.

Einen außergerichtlichen Vergleich hatte Tui abgelehnt. Man fürchtete, der könne als Schuldeingeständnis gewertet werden. Doch auch der Prozess wird dem Image schaden, gleichgültig, wie er ausgeht. Die Aktionäre könnten einen Preis dafür zahlen müssen, der weit über das Begehren des kleinen Adrian hinausgeht.

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