Zeitung Heute : Urlaubsgrüße sprechen

Von Elisabeth Binder

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Jahrelang haben alle gejammert, dass keiner mehr Briefe schreibt, seit es das doofe Telefon gibt, das uns noch alle zu Analphabeten macht. Wie

schrecklich! So viele Worte, die über Leitungen flitzen, hüpfen, gleiten, je nach Temperament des Sprechers – und vergehen. Wenn man Glück hat, bleiben sie noch ein Weilchen im Gedächtnis des Empfängers haften. Aber sicher nicht in der Reihenfolge, die man gewählt hat. Keine liebevolle Formulierung bleibt, die dann von anderen vielleicht noch gelesen wird. Kein dezent gemaltes Herz. Nichts.

Glücklicherweise hat der Untergang der Kultur dann doch nicht stattgefunden. Nach dem Telefon wurde der Computer erfunden und mit ihm das Internet. Seitdem schreiben wir wieder wie die Weltmeister aus Bequemlichkeit. Ich habe wirklich noch nie in meinem Leben so viele Briefe geschrieben, wie seit dem Tag, an dem ich einen E-Mail-Anschluss bekam. Dabei hatte ich als Kind eine Menge Brieffreunde in aller Welt.

Schreiben ist plötzlich wieder einfacher geworden als Telefonieren. Auch im Zeitalter des Handys wählt man sich ja regelmäßig die Finger wund, um einen Kontakt von Mailbox zu Mailbox herzustellen. Hat man tatsächlich mal jemanden live am Telefon, dann wahrscheinlich nur, weil der vergessen hat, das Ding auszuschalten und durch den Anruf auf dem Höhepunkt einer Rede vor hochmögendem Publikum ertappt wurde. Sowas wird einem nie verziehen, auch, wenn man gar nichts dazu konnte. Deshalb haben manche Menschen Hemmungen, Handy-Nummern zu exzessiv zu gebrauchen, und es sind nicht die Unsympathischsten.

Per E-Mail erreicht man den anderen immer im besten Moment. Man kann auch unangenehme Sachen loswerden, ohne gleich eine ablehnende Reaktion befürchten zu müssen. Man kann überhaupt alles loswerden, weil man ja verdrängen kann, dass der andere das auch wirklich zur Kenntnis nimmt. Am Telefon, wo die Stimme gleich präsent ist, geht das nicht so leicht. Man kann Erinnerungen, Ermahnungen loswerden oder sich auf die denkbar dezenteste Art in Erinnerung bringen. Man kann Termine abklären und Ideen entwickeln, ohne ständig von einem Besetztzeichen blockiert zu werden. Man kann sanfte Absagen formulieren und hoffnungsfrohe Einladungen, man kann stilsicher über Gott und die Welt plaudern, kann Pointen austauschen oder Neuigkeiten, die man sonst nur flüstern würde. Manchmal bin ich richtig froh, dass ich beizeiten das Schreiben als Beruf erwählt habe, denn die damit trainierten Fähigkeiten kommen nun in allen Lebenslagen zur Geltung. Besiegeln die neuen Sitten nun den Tod des Telefongesprächs? Nein, überhaupt nicht.

Ausgerechnet ein Dichter hat mich kürzlich mit einer neuen Anwendungsform überrascht: der gesprochenen Postkarte auf dem Anrufbeantworter. Wenn Sie in einer besonders schönen und vielleicht gerade deswegen laptopfreien Gegend der Welt sind, greifen Sie einfach zum Telefon und erzählen denen, die Sie grüßen wollen, in welch schöner Umgebung Sie gerade an sie denken. Aber wählen Sie eine Zeit, zu der Sie nicht fürchten müssen, dass jemand leibhaftig den Hörer abnimmt. Urlaubsgrüße kann man nämlich nicht beantworten. Noch nicht.

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