US-Republikaner : Schimpfwort Europa

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Amerika schaut angeblich nur noch nach Asien? Nicht die Republikaner. Ihre Kandidaten rücken Europa ins Zentrum des Wahlkampfs – freilich nicht als Vorbild, sondern als Chiffre, was den USA drohe, wenn Barack Obama wiedergewählt wird. Er wolle Amerika zu einer europäischen „Wohlfahrtsgesellschaft“ machen, in der nicht Leistung, sondern Anspruchsdenken regiere, und „vergiftet Amerikas Seele“, wettert Mitt Romney. Laut Rick Santorum möchte Obama den Amerikanern „europäischen Sozialismus aufzwingen“. Oberpopulist Newt Gingrich hängt dem Präsidenten gleich eine Viererkette abscheulicher Worte an. Er stehe für „säkularen, europäischen, bürokratischen Sozialismus“.

Soll man lachen? Oder polemisch einwenden: Empfinden die Republikaner Europa als so gefährlich attraktiv, dass sie es zum Feindbild aufbauen? Deutschland ist besser als Amerika durch die Rezession gekommen – erstens dank der Reformen, aber zweitens nicht trotz, sondern wegen der stabilisierenden Mechanismen aus Sozialstaat und jobsichernden Maßnahmen wie Kurzarbeitergeld und Kombilohn. Es sind jedenfalls nicht „pazifische Nationen“ wie China oder Japan, an denen die Konservativen die USA messen.

Kann der Versuch verfangen, die Wahl zu einem Kulturkampf zwischen Amerika und Europa zuzuspitzen? Als Wahlkampfthema ist die Beschimpfung Europas so verführerisch, weil sie an große Gefühle im Selbstbild der Amerikaner appelliert. Sie haben ihre Nation als freiheitliche Republik in Abkehr von Europas Monarchien gegründet. Sie sind stolz darauf, dass sie sich nicht auf den Staat verlassen, sondern auf die Selbstverantwortung der Bürger. Sie sind überzeugt, dass ihr Modell freiwilliger Solidarität effektiver ist als die bürokratische Umverteilung auf Grund gesetzlicher Ansprüche.

In der Politik wirkt fast nichts mächtiger als ein Überlegenheitsversprechen, das einen unterdrückten Minderwertigkeitskomplex ausgleicht. Europa hat die ältere Kultur, dort spricht man mehr Sprachen, ist weltläufiger und genießt das Leben. Doch Amerika nutzt seine Macht, um Unrecht auf der Welt zu korrigieren – in Kuwait, auf dem Balkan, in Libyen –, während Europa nur redet. Der Demokrat Kerry verlor die Wahl gegen Bush 2004 auch wegen des Bilds, er sei ein Snob, der europäische Kultur dem kernigen Amerika vorziehe: ein „Käse essender Kapitulierer“ wie die Irakkriegsgegner in Frankreich 2003.

Viele Europäer pflegen ihr eigenes Klischee: Mag sein, dass sie ohne US-Hilfe nicht mal in ihrer Nachbarschaft Frieden schaffen können. Aber geht es den Amis in der Krise nicht viel dreckiger wegen ihres unsozialen Gesellschaftsmodells? Der Praxistest fällt nicht so eindeutig aus. Im Gesundheitswesen straft er Amerika Lügen: Die Kosten pro Kopf sind doppelt so hoch wie in Europa, die Durchschnittsversorgung ist schlechter. Was Mitt Romneys Steuererklärung über die Verantwortung reicher Amerikaner lehrt, sollte Europäern zu denken geben: Er zahlt nur 15 Prozent Steuern auf 20 Millionen Dollar Einkommen. Doch freiwillig gibt er 17 Prozent für gemeinnützige Zwecke. Die zusammen 32 Prozent liegen nahe am Höchststeuersatz.

Die Republikaner treffen einen Nerv. Doch wie wollen sie bei einem Sieg mit diesem Europa kooperieren? Das Bündnis über den Atlantik ist das Rückgrat der Weltpolitik und der Weltwirtschaft. Wer es beschädigt, lähmt auch Amerika.

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