US-Truppen verlassen den Irak : Unglück in Sicht

Werden die USA beim Abzug aus dem Irak an ihre irakischen Mitarbeiter denken und sie nicht ihrem Schicksal überlassen?

Kirk W. Johnson
Traumatische Erfahrung. Hubert van Es fotografierte 1975, wie die Amerikaner die letzten vietnamesischen Mitarbeiter der USA nach dem Fall von Saigon ausflogen. Foto: dpa
Traumatische Erfahrung. Hubert van Es fotografierte 1975, wie die Amerikaner die letzten vietnamesischen Mitarbeiter der USA nach...Foto: picture-alliance/ dpa

Der Fall von Saigon, der diesen Sommer 35 Jahre zurückliegt, kennzeichnete das Ende des Vietnam-Kriegs und den Beginn einer folgenschweren Flüchtlingskrise. In den letzten Wochen des Krieges berief der damalige US-Präsident Ford eine verspätete Reihe von Treffen ein, um die Rettungsmöglichkeiten für Tausende Südvietnamesen zu besprechen, die die USA unterstützt hatten. In einem mittlerweile nicht mehr vertraulichen Schreiben des Nationalen Sicherheitsrates der USA schätzte der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger die Zahl auf eine „nicht-reduzierbare Liste“ von 174.000 Menschen. Ein Antrag über 722 Millionen Dollar für die Evakuierung unserer Verbündeten, der in letzter Minute gestellt wurde, spiegelte die geringfügige Planung wider und wurde vom kriegsmüden Kongress abgelehnt. Was sich in der Folge in jenen frühen Morgenstunden auf den Dächern Saigons abspielte, sollte sich als letzte Szene des Krieges in die amerikanischen Gewissen einbrennen: das Bild verzweifelt um Hilfe rufender Vietnamesen unter den abhebenden Helikoptern.

Im Verlauf des Jahres 2005, als ich für die amerikanische Entwicklungsbehörde USAID in Bagdad und Falludscha im Wiederaufbau tätig war, strahlte Al-Jazeera diese Szenen des Zurücklassens von damals immer wieder aus. Meine irakischen Kollegen, die ihr Leben riskiert hatten, um uns zu helfen, wurden durch dieses Filmmaterial verunsichert und gerieten in Sorge darüber, was mit ihnen passieren würde, wenn wir wieder abzögen.

Seit meiner Rückkehr versuche ich Tausenden von Irakern zu helfen, die geflohen sind, um ihr Leben zu retten. Diese Menschen wurden gefoltert, vergewaltigt, entführt, weil sie für die USA arbeiteten. Meine Organisation führt die größte existierende Liste dieser gefährdeten Iraker und unterstützt sie dabei, einen Weg durch das Labyrinth unserer Flüchtlingsbürokratie zu finden. Und obwohl ich lange dachte, dass die dunklen Jahre des irakischen Bürgerkriegs von 2006 bis 2008 die Trostlosesten für die Menschen auf meiner Liste waren, befürchte ich zunehmend, dass ihnen das Schlimmste noch bevorsteht.
Wir befinden uns gerade mitten in einer gigantischen Truppenverlegung: Wir haben soeben die letzten Kampfbrigaden abgezogen und planen, bis zum Dezember 2011 vollständig abgezogen zu sein. In ihrem überbordenden Selbstbewusstsein vergleichen unsere Generäle ihre logistische Herausforderung mit Hannibals Überquerung der Alpen mit seinen Elefanten. Zehntausende Soldaten wurden mit der Aktion betraut und werden in den kommenden Monaten Hunderte von Stützpunkten abbauen. Wir haben alles im Vorfeld so gut geplant, sagen sie, dass wir sogar einen Kaffeebecher auf seiner Reise von Bagdad nach Birmingham verfolgen könnten.

So beeindruckend das auch ist, verschleiert es doch einen elementaren und gefährlichen Schwachpunkt in unserer hochgepriesenen Abzugsstrategie: Wie schon in Vietnam, gibt es wieder keine ernsthaften, umfassenden Notfallpläne für die Evakuierung der Tausenden Iraker, die momentan als Dolmetscher, Ingenieure und Berater für uns arbeiten und mit uns leben. Wenn wir unsere Stützpunkte abbauen, werden diese Iraker auf sich allein gestellt sein und den Spießrutenlauf der Umsiedlung überstehen müssen, der üblicherweise ein Jahr oder länger andauert.
Ich bin auf ein erschreckendes Dokument gestoßen, in dem die Pläne einer anderen Gruppe für das kommende Abzugsjahr skizziert sind. Veröffentlicht in Fallujah vom Islamischen Staat Irak (ISI), eine Art Dachverband für zahlreiche Rebellen- und Terroristengruppen, unter anderem Al-Qaida in Irak. In diesem Leitfaden wird ein „durchdachter Militärplan“ in erschreckender Schlichtheit vorgelegt: „1. neun Kugeln für die Verräter und eine für den Kreuzritter, 2. Reinigung und 3. gezielte Aktionen“. Sie denken praktisch: „Das ist nicht innerhalb von ein oder zwei Monaten machbar, sondern verlangt kontinuierlichen Einsatz.“ Diejenigen, die glauben, dass der ISI, der über die letzten Jahre viele unserer irakischen Mitarbeiter ermordet hat, an Bedeutung verloren habe, sollten einmal die Hunderte von Opfern der Selbstmordattentate dieser Organisation bedenken. Und diese Attentate haben im gegenwärtigen Klima der Unsicherheit, verursacht durch das Fehlen einer Regierung fünf Monate nach der diesjährigen Wahl, drastisch zugenommen.

Wir wissen, wohin dieser Weg führt. Als die Briten vor nur knapp zwei Jahren aus dem südlichen Irak abzogen, veranstalteten Milizen eine systematische Menschenjagd auf jene Iraker, die für die Briten gearbeitet haben. Bei einer Aktion wurden 17 Dolmetscher öffentlich hingerichtet und es wurden Berichte veröffentlicht, dass Menschen bis zu ihrem Tod von Autos durch die Straßen Basras geschleift worden waren. Wer dies als Einzelfall betrachtet, ignoriert schlichtweg die Geschichte von Abzügen: ein blutiger und vorhersehbarer Ausbruch von Gewalt gegen diejenigen, die mit der abziehenden Macht „gemeinsame Sache gemacht“ haben. Zehntausende algerische Harkis wurden nach Frankreichs Abzug aus dem Land im Jahr 1962 abgeschlachtet. Es kam zu einem Massaker tausender treuer Assyrier in Nordirak, als die Briten dort 1932 abzogen. Auf unserem eigenen Boden bildeten Amerikaner Milizen und jagten Loyalisten in den Nachwehen der Revolution.
So niederschmetternd diese Geschichte ist, ist sie doch nicht unabwendbar. Irak ist nicht Vietnam. Wir evakuieren dieses Mal nicht, sondern wir ziehen ab. Dieser Unterschied birgt die Chance, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Es gibt viele positive Beispiele, denen wir nacheifern könnten. Als da wäre die Reaktion der Briten, die nach dem Blutbad in Basra die übrigen irakischen Mitarbeiter aus der Stadt holten und auf dem Luftweg direkt zu einem Stützpunkt der britischen Luftwaffe in Oxfordshire brachten. Jeder unserer wichtigen Koalitionspartner – Großbritannien, Polen und Dänemark – sind ihrer moralischen Verpflichtung nachgekommen und haben gefährdete irakische Mitarbeiter auf dem Luftweg zu Militärbasen gebracht.
Der damalige US-Präsident Ford tat am Ende auch das Richtige, indem er Hunderttausende von Vietnamesen auf dem Luftweg rettete, aber leider erst nachdem Tausende ermordet oder an sogenannte Umerziehungslager verloren gegangen waren. Präsident Clinton ließ zu seiner Zeit 1996 7.000 gefährdete Iraker auf unseren Stützpunkt auf Guam bringen, wo die Abwicklung Wochen, nicht Jahre dauerte. Die „Guam-Option“ ist tatsächlich bis heute die Standardoption für die zügige Rettung von Flüchtlingen. Hier wird die Sicherheit weiterhin gewährleistet, da die Abwicklung auf den Militärbasen stattfindet. Diese Option benötigt allerdings die Unterstützung des Präsidenten.
Als er noch Präsidentschaftskandidat war, beklagte Barack Obama das langsame Tempo bei der Abwicklung unserer irakischen Mitarbeiter und verkündete: „Es ist an der Zeit, Mut zu zeigen. Wir dürfen den momentanen Kurs nicht beibehalten oder einen konventionellen Weg wählen, weil der andere Kurs unbekannt ist […] wir dürfen nicht 'Gefangene der Unsicherheit' werden.“ Wir werden jedoch leicht zu Gefangenen der Unsicherheit, wenn wir vergessen oder einfach ignorieren, wozu wir als Nation bereits fähig waren, wenn unser Oberbefehlshaber sich die Sache selbst zu einer moralischen Verpflichtung macht. Ohne präsidiale Führung wird Amerika jedoch weiter den konventionellen Weg entlang stolpern, den Obama kritisiert. Einen Weg, der übersät ist von Vernachlässigung, gebrochenen Versprechen, bürokratischen Hürden und verspäteten (Re)Aktionen.
Die USA haben in den letzten Jahren, Fortschritte zu verzeichnen: Viele Tausende Iraker sind umgesiedelt worden, aber der Ablauf, den wir etabliert haben, wird, wenn es am Nötigsten ist, nicht schnell genug funktionieren. Ich hoffe, dass ich mit meiner Einschätzung falsch liege, was den Irakern auf meiner Liste noch bevorsteht, aber ich habe genug Zeit in Irak verbracht, um die desaströsen Konsequenzen zu erleben, die auf Wunschvorstellungen beruhende Pläne zeitigen.
Präsident Obama hat die Möglichkeit, dieses Unglück zu verhindern, indem er die Lektionen der Vergangenheit beachtet und einen Notfallplan erarbeitet, solange noch Zeit ist und die nötigen Ressourcen hierfür zur Verfügung stehen.
„Dies wird kein einfacher Einsatz, und wir werden sowohl gesellschaftlichen wie auch sicherheitsbedingten Hindernissen entgegentreten müssen, aber es lohnt sich, dafür zu kämpfen […] nur weil die Ziele schwer erreichbar sind, heißt das nicht, dass wir sie aufgeben sollten.“ Dies sind nicht meine Worte, sondern die des Islamischen Staates Irak, der mit diesen abschließenden Worten zu seiner Strategie seine mörderische Entschlossenheit untermauert. Noch ist es nicht zu spät, aber die Zeit wird knapp und knapper.

Der Autor ist the Executive Director of The List Project to Resettle Iraqi Allies.

Aus dem Englischen von Stephan Rothschuh.

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