US-Vorwahlen : Ein Momentum

Von Malte Lehming

Gewonnen hat der Traum von einer heilen Welt. Zwei Prediger, herausragende Redner, deren religiöse Rhetorik phasenweise pathetischer klingt als die des ungeliebten Amtsinhabers, lassen sich als Sieger der ersten Vorwahlen im US-Bundesstaat Iowa feiern. Mit Barack Obama von den Demokraten und Mike Huckabee von den Republikanern haben die Amerikaner für Inspiration statt Sachkunde, Aura statt Autorität, Idealismus statt Pragmatismus gestimmt. Die Personen selbst sind schwächer als die Gefühle, die sie nun vollends ins Rampenlicht getrieben haben.

Nicht jene Kandidaten, die durch ihre millionenschwere Wahlkampfmaschinerie lange Zeit als Favoriten galten, haben triumphiert, sondern jene, die den Aufstieg des einfachen Mannes verkörpern. Stimmen und Stimmungen lassen sich in den USA halt doch nicht einfach kaufen. Feste Werte vertreten, hart für die Familie arbeiten, Askese, Fleiß, Treue: Dafür stehen Obama und Huckabee. Nicht ihre Unterschiede stechen ins Auge, sondern ihre Gemeinsamkeiten.

Beide auch haben einen Sieg errungen, der die Dynamik dieses Vorwahlkampfes verändert. Überraschend klar fiel er aus. Senator Obama hat bewiesen, dass ein Schwarzer in einem weißen Bundesstaat triumphieren kann. Das spricht für ihn wie für die offenkundig immer farbenblinder werdende amerikanische Gesellschaft. Allein der Mensch zählt noch, nicht seine Herkunft. Ex-Gouverneur Huckabee ist es gelungen, die personell seit langem heimatlos gewordenen gläubigen Christen an sich zu binden. Als solche bezeichnen sich knapp sechzig Prozent der republikanischen Wähler in Iowa. Huckabee spricht ihre Sprache. Seine innerparteilichen Konkurrenten mögen Vietnamveteranen sein oder sich nach den Anschlägen vom 11. September 2001 als Bürgermeister von New York Heldennimbus erworben haben: Was ihnen fehlt, ist der kulturelle Konservatismus, der auch George W. Bush trotz Irakkrieg im Jahr 2004 zur Wiederwahl verholfen hatte. Wer den nicht verkörpert, hat es als Präsidentschaftskandidat schwer in den USA, egal ob Demokrat oder Republikaner.

Aus Iowa Prognosen abzuleiten, wäre indes falsch. In New Hampshire, im Nordosten des Landes, wo am kommenden Dienstag gewählt wird, herrschen andere Regeln. So wird sich das Schicksal der Kandidaten wohl erst endgültig am sogenannten Superdienstag Anfang Februar entscheiden, wenn die Wähler in rund der Hälfte der US-Staaten ihre Entscheidung treffen. Bis dahin bleibt es spannend. Doch Iowa liefert das, was man ein Momentum nennt. Sehr viele Amerikaner haben sich noch kein Urteil gebildet, sie sind beeinflussbar. Und Sieger sind stets attraktiver als Verlierer. In dieser Beziehung deutet sich freilich doch ein Unterschied zwischen Obama und Huckabee ab. Hinter Obama steht eine Bewegung, vor allem junge Demokraten hoffen mit ihm auf einen Neuanfang. Huckabee dagegen schwimmt eher auf einer Welle, einer Welle der Sehnsucht nach einer starken konservativen Symbolfigur. Für diese Sehnsucht ist er eine ideale Projektionsfläche.

Der Traum von einer heilen Welt ist ein Luxustraum. Iowa fand statt in einer Zeit der relativen Ruhe. Afghanistan, Iran, Irak, Guantanamo – je spärlicher die Schreckensnachrichten aus den internationalen Krisengebieten eintreffen, desto besser für die unerfahrenen, aber sympathischeren Kandidaten. Andersherum heißt das aber auch: Sollten die Taliban Kabul unter Beschuss nehmen und der Irak in einen Bürgerkrieg abgleiten, werden die Amerikaner automatisch wieder auf Kompetenz und Kenntnis setzen. Ein Kriegsgegner wie Obama eignet sich nicht unbedingt zum Oberbefehlshaber.

Was Iowa schließlich noch offenbart, ist etwas deprimierend. Wirklich überzeugend ist keiner der Kandidaten. Weil alle froh sind, dass Bush und die Seinen bald weg sind, zielt der Enthusiasmus vor allem auf den Kontrast. Die Vorwahlen wirken wie ein Marathonlauf, zu dem jeder mit einer Krücke antritt. Schneller als die lahme Präsidentschaftsente ist zwar jeder, aber besonders schnell läuft keiner.

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