US-Wahlen : Spiel ohne Verlierer

Malte Lehming

Was für eine Dramatik! Als wäre das Drehbuch in Hollywood geschrieben worden. In Rekordzahlen geben die Amerikaner ihre Stimme ab. Das Land, das sich unter George W. Bush einst den Demokratieexport auf die Fahnen geschrieben hatte, während die Wahlbeteiligung daheim weiter vor sich hindümpelte, entdeckt den Charme der Demokratie plötzlich neu. Amerika betreibt den Demokratieexport ins eigene Land. Fehlt nur noch, dass die Parteianhänger nach ihrer Registrierung den lilafarbenen Zeigefinger stolz in die Luft halten, wie die Menschen es damals taten, in Afghanistan und im Irak. Aber das ist eine andere Geschichte – und die Analogie vielleicht zu gewagt.

Dennoch: Das Interesse an dieser Wahl und den Präsidentschaftskandidatenaspiranten beider Parteien ist ungebrochen hoch. Nun sollte der „Superdienstag“ die Entscheidung bringen, doch er brachte allenfalls eine kleine Vorentscheidung. Bei den Demokraten gehen Hillary Clinton (mit leichten Vorteilen) und Barack Obama in die Verlängerung, bei den Republikanern scheint John McCain kaum noch einzuholen. Doch vor allzu kühnen Prognosen sei gewarnt. Klar war bei diesen Vorwahlen bisher nur, dass nichts klar war. Die Überraschung wurde zum Normalfall. Ausgemacht ist weder, wer am Ende gegeneinander antritt, noch, wer die besseren Chancen hat.

Die Politisierung der Amerikaner verblüfft insofern, als es eigentlich um kaum etwas geht. Originelle Ideen, überzeugende Konzepte oder scharfe ideologische Konturen hat keiner der Kandidaten. Ein neuer Kapitän wird gesucht, wohin er (oder sie) den Dampfer lenkt, erscheint nebensächlich. Und das Zauberwort vom „Wandel“ führen inzwischen alle im Mund. In seiner Unbestimmtheit ist es so verführerisch wie banal. Denn der entscheidende Wandel geschieht ohnehin. Ganz egal, wie der nächste US-Präsident heißt, es ist nicht mehr Bush. Das ist gewiss und in dieser Gewissheit befreiend für das Land und den Rest der Welt. Bush war nun einmal die ideale Projektionsfläche für alles Negative: zwei Kriege, Guantanamo, Abu Ghraib, Patriot Act, pro Todesstrafe, anti Kyoto, UN-verachtend, missionarisch, einfältig, ölgierig. Diese Zeit wird bald zwar nicht vergessen, aber vergangen sein. Entsprechend groß dürfte der Vertrauensvorschuss ausfallen, mit dem sein Nachfolger ins Weiße Haus einzieht.

Das ist schon jetzt zu spüren. Ob Obama, Clinton oder McCain: Jedem von ihnen wird fast alles verziehen. Obama die hohle frömmelnde Metaphorik, die dringend einer Kaltwasserkur bedarf, Clinton der dynastische Gestus in all seiner Selbstverständlichkeit, mit dem sie ihre Ambitionen unterstreicht – auf Bush folgt Clinton folgt Bush folgt Clinton –, McCain die außenpolitische Härte, die nicht nur radikal klingt, sondern auch radikal gemeint ist. So will der 71-jährige Vietnamkriegsveteran neben den Vereinten Nationen eine Koalition der willigen Demokraten etablieren, ohne Russland und China natürlich, die immer dann handelt, wenn die UN versagen, von Darfur bis zum Iran, zur Not militärisch. Ist McCain zu liberal, wie amerikanische Konservative beklagen? Sie könnten sich noch wundern – und viele Europäer mit ihnen.

McCains Aura indes ist bestechend. Er strahlt Entschlusskraft, Kompetenz und überparteilichen Willen zur Zusammenarbeit aus. Er personifiziert die große Koalition, die im Gegensatz zur bundesdeutschen eine freiwillige der Tat und keine unfreiwillige der Tatenlosigkeit ist. Sein Erfolg transportiert die Botschaft: Schluss mit dem Parteiengezänk, rauft euch zusammen, blockiert euch nicht ständig, sondern beschließt! Und weil er immer weiß, was er will, wählen ihn auch die, die nicht immer wissen, was sie wollen. Deren Zahl ist groß.

Zwei Amtszeiten Bush haben die Amerikaner gelehrt, wie wichtig Wahlen sind. Jetzt wollen sie es besser machen. Sie sind elektrisiert, aber entspannt. Mit heiterer Gelassenheit verfolgen sie das Wahldrama. Das verleiht ihrer Euphorie etwas Luxuriöses, sie wirken wie Salondemokraten. Schließlich wissen sie vorab: Schlimmer wird’s nimmer.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar