US-Wahlkampf : In Iowa wird aufgespielt

Bei den Vorwahlen bestimmen Demokraten und Republikaner ihren Präsidentschaftskandidaten. Was ist von der ersten Abstimmung, die heute stattfindet, zu erwarten?

Christoph von Marschall

Die US-Präsidentenwahl 2008 wird die teuerste und technisch modernste aller Zeiten. Der Auftakt in Iowa aber erinnert an die Postkutschenära, als es kein Fernsehen, kein Internet, keine Videobörse Youtube gab und lokale Bürgerversammlungen das Leben bestimmten. In 1784 Wahlbezirken des Agrarstaats im mittleren Westen treffen sich heute die Anhänger der Demokraten und Republikaner abends in getrennten Versammlungen – „Caucus“ genannt. Dort stimmen sie dann ab, wen ihre Partei für die Nachfolge George W. Bushs nominieren soll.

Die Schauplätze sind meist Turnhallen oder Konzertsäle. Das Prozedere ist überall gleich: Zunächst wird die Wahlberechtigung geprüft. Dann gehen die lokalen Stimmführer der einzelnen Kandidaten in verschiedene Ecken des Raumes, die jeweiligen Anhänger versammeln sich um sie herum. Manchmal bringt dieses Stimmungsbild die Entscheidung, weil sofort ein klarer Sieger sichtbar ist. Es kann aber auch Stunden dauern, weil der erste Test in einem Patt endet und die lokalen Autoritäten nun in Verhandlungen treten. Bei den Demokraten scheiden Bewerber, die weniger als 15 Prozent der Anwesenden auf sich vereinigen, aus. Deren Anhänger dürfen sich nun neu entscheiden. Das kann den Führenden der ersten Runde den Sieg kosten und die vorherige Nummer zwei oder drei an die Spitze katapultieren.

David Redlawsk, Politologe an der Universität von Iowa, erwartet, dass sich diesmal 150 000 Demokraten an den Caucuses beteiligen und 90 000 Republikaner – das sind drei Mal so viel wie 2000. „Viele fühlen, das wird eine Schicksalswahl“, sagt er.

In der Universitätsstadt Iowa City hat Geschichtsprofessor David Schoenbaum am Neujahrstag Freunde und Nachbarn zur Wählerdebatte eingeladen. Hier im Osten des Staates tendieren die meisten zu den Demokraten. Der landwirtschaftlich geprägte Westen dagegen wählt republikanisch.

Die Anwesenden nehmen die Vorreiterrolle ihres Bundesstaates sehr ernst. Seit Wochen haben sie die Kandidaten bei Wahlveranstaltungen beobachtet. Und allmählich haben sie die Nase voll von den Wahlprospekten, die stapelweise in ihren Briefkästen landen, den unerbetenen Hausbesuchen und Telefonanrufen der Kampagnenmitarbeiter. Aber zugleich „haben wir den Ehrgeiz, bestens informiert zu sein", beschreibt Chris Rossi, der unter Bill Clinton Berater für Menschenrechtspolitik war, das Selbstverständnis der Bürger von Iowa. Sie leisten eine Vorauswahl für die Nation und sind stolz darauf.

In der kleinen Neujahrsrunde hat Barack Obama, der schwarze Senator aus Illinois, die meisten Anhänger. „Weil er von Anfang an gegen den Irakkrieg war“, sagt der weißhaarige Dick Myers, von 1994 bis 2004 Fraktionschef der Demokraten im Landtag. Weil er im Ausland aufgewachsen und ein Weltbürger ist, ergänzt die Ex-Abgeordnete Jean Lloyd-Jones. Weil er überparteilich auftritt und versöhnt, sagt der Vizechef der Lokalbank Dan Black. Rossi hält zu Hillary Clinton, weil sie die Machtpolitik am besten beherrsche. „Ich liebe, ich respektiere und ich fürchte sie.“ Politologe Redlawsk unterstützt John Edwards, weil der am kompromisslosesten gegen die Wirtschaftslobbys und für Bürgerinteressen kämpfe.

Die amerikanische Präsidentenwahl gliedert sich in zwei Phasen: die Vorwahlen in der ersten Jahreshälfte, in denen die Anhänger beider Parteien in den 50 Bundesstaaten nach und nach über den Wunschkandidaten abstimmen, und die Hauptwahl am ersten Dienstag im November. Die Vorwahlen sind innerparteiliche Wettbewerbe, in denen sich die Demokraten, die Präsident werden wollen, gegenseitig bekämpfen – und im anderen Lager die Republikaner untereinander. Erst nach den Nominierungsparteitagen im Sommer wird daraus der erbitterte Wettstreit zwischen beiden Parteien um das Weiße Haus.

Bis zum Hauptwahltag bleiben noch zehn Monate. Doch in Iowa herrscht eine Stimmung, als stehe die Entscheidung, wer die Weltmacht ab 2009 führt, kurz bevor. Bis zum 5. Februar halten 30 der 50 Bundesstaaten ihre Vorwahlen ab. Danach dürfte feststehen, wer für die Demokraten und wer für die Republikaner antritt. Viele Demokraten glauben wegen der Enttäuschung über Bush, dass sie die Präsidentenamt am Ende holen werden.

Die USA haben kein nationales Wahlrecht. Jeder Bundesstaat legt seine Regularien selbst fest. Iowa macht den Auftakt, doch viel mehr als die Tradition kann der Staat mit drei Millionen Einwohnern – ein Prozent der US-Bevölkerung – nicht anführen für seinen Ehrgeiz, „first in the Nation, second to none“ zu sein. Größere Staaten machen Iowa diese Rolle streitig. Am 8. Januar folgt New Hampshire, ein kleiner Staat im Nordosten mit 1,3 Millionen Bürgern.

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